Bus und Bahn in Frankreich Schwarzfahren als Nationalsport

Es gilt als Kavaliersdelikt, doch der Schaden ist enorm: Viele Franzosen nutzen Busse und U-Bahnen, zahlen aber nicht dafür. Einige notorische Schwarzfahrer schützen sich sogar mit einer Art Versicherung gegen Strafen. Etwa 20 Städte haben bereits Konsequenzen gezogen.

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Paris - Der junge Mann im eleganten Anzug hält den Atem an. Es ist halb neun morgens, im Regionalzug nach Paris kommt ein Kontrolleur näher. "Puh, er ist nicht stehen geblieben", sagt der Anzugträger wenig später. Ein Arbeitskollege fragt: "Machst du weiter?" Der leitende Angestellte erwidert: "Sogar wenn ich die Strafe zahlen muss, ist das viel billiger als eine Monatskarte."

Der Herr im Pendlerzug hat eines mit Jugendlichen in Kapuzenpullis und Damen in schicken Kostümen gemeinsam: Sie alle gehen dem Nationalsport der Franzosen nach - dem Schwarzfahren. In der Pariser U-Bahn sind nach Schätzungen der Verkehrsbetriebe rund fünf Prozent der Fahrgäste ohne Ticket unterwegs. In den Bussen und Straßenbahnen, wo keine Sperren den Zugang für Schwarzfahrer erschweren, sind es fast doppelt so viele. Zum Vergleich: In deutschen Städten fahren laut Verband Deutscher Verkehrsunternehmen nur drei Prozent der Fahrgäste schwarz.

Das häufige Fahren ohne Ticket hat seltsame Folgen: Manche Studenten zahlen in eine Art Versicherung fürs Schwarzfahren ein - sieben Euro pro Monat in eine geheime Kasse, um sich gegen Strafen abzusichern. Das ist immer noch billiger als ein Pariser Studententicket für 27 Euro monatlich. Es gibt sogar eine App namens CheckMyMetro, bei der die aktuellen Positionen der Kontrolleure in Echtzeit auf einem Stadtplan erscheinen sollen.

Hunderte Millionen Euro Verlust

Schwarzfahren gilt in Frankreich als Kavaliersdelikt. Besonders gut wird diese Neigung laut Politikprofessor Julien Damon von der Elite-Hochschule Science Po durch ein Foto aus dem Jahr 1980 veranschaulicht: Der spätere Staatspräsident Jacques Chirac, damals noch Bürgermeister von Paris, hüpft über eine Bahnsteigsperre in der Metro.

Die Franzosen halten die öffentlichen Verkehrsmittel für ihr Eigentum, meint der Soziologe Alain Mergier. Viele hätten die Überzeugung: Wer kein Ticket kaufe, bestehle niemanden. Der Staat sieht das naturgemäß anders. 300 Millionen Euro kosten Schwarzfahrer die staatliche Eisenbahngesellschaft SNCF pro Jahr, rund hundert Millionen Euro entgehen den ebenfalls staatlichen Pariser Verkehrsbetrieben RATP, schätzt Verkehrsminister Frédéric Cuvillier.

RATP-Chef Pierre Mongin forderte deshalb Anfang Oktober höhere Strafen. Mehr Kontrolleure könnten Schwarzfahrer ebenfalls zum Umdenken bewegen. Doch das ist teuer. Etwa 20 französische Städte gehen deshalb inzwischen einen anderen Weg: Dort ist der öffentliche Nahverkehr gratis, wie zum Beispiel in der südfranzösischen Stadt Aubagne.

wit/AFP

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dasOJO 07.10.2013
1. Nationalsport?
5 Prozent Schwarzfahrerquote = Nationalsport 3 Prozent Schwarzfahrerquote = okay? Kann ich nicht nachvollziehen. Wenn in Deutschland das Schwarzfahren keine Straftat wäre und man eine "Versicherung" für 7 Euro im Monat gegen das "erhöhte Beförderungsentgelt" abschließen könnte, dann hätten wir doch sicherlich auch den einen oder anderen Schwarzfahrer mehr (bei 5 Prozent würde die Quote dann sicherlich auch liegen). Der Artikel liest sich für mich dagegen geradezu so, als läge das Schwarzfahren fast schon in der Natur dieser gesetzesuntreuen Franzosen. Dabei ist es einfach nur preiswerter und weniger "gefährlich" als hierzulande.
Benko 07.10.2013
2. Find ich gut.
Warum es allerdings immer erst des zivilen Ungehorsams bedarf, um soetwas zu ändern. ÖPNV ist eine gemeinnützige Veranstaltung und sollte Steuerfinanziert sein. Für Autofahrer möglicherweise den halben Satz, dass wird viele nicht zwingend aufs Auto angewiesene Menschen sicherlich mehr in den ÖPNV treiben und die Strassen werden gleichzeitig entlastet. Definitiv ein Schritt in die richtige Richtung. Für Berlin gibt es übrigens die Android App FareBandid, ob das sinnvoll ist muss jeder selbst für sich entscheiden.
colonnello_sentenza 07.10.2013
3.
Ein Monatsticket für 27 Euro und trotzdem haben es einige nötig schwarz zu fahren ? Ungeachtet des individuellen finanziellen Backgrounds der jungen Schwarzfahrer halte ich diese Schwarzfahrerei für fehlgeleiteten Geiz. Die Studenten und Azubis würden hierzulande vor Freude Salti schlagen, wenn der ÖPNV ähnlich günstig wäre (Anm.: ich komme aus den K/BN-Raum, die hiesigen Beförderungspreise gehören zu den teuersten im ganzen Bundesgebiet)
ReneMeinhardt 07.10.2013
4. Gratis ÖPNV
ein piratiges Thema, leider wollen die Deutschen das nicht, sie zahlen lieber den ungeliebten Fahrpreis
pjcomment 07.10.2013
5. Mangelnder Anstand
richtet ein Land zugrunde!
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