Gynäkologe vor Gericht 1484 Frauen, 36.146 Fotos, 62 Filme

Der Gynäkologe Joachim K. hat heimlich Zehntausende Intimfotos sowie Videos von mehr als 1400 Patientinnen angefertigt. Die Frauen bemerkten den Missbrauch nicht, seine Arzthelferinnen erst nach Jahren. Nun steht der Mediziner aus Schifferstadt vor Gericht.

Eine Frauenarztpraxis (Symbolbild): "Nicht zu alt, nicht zu faltig, gute weibliche Formen, im Intimbereich rasiert"
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Eine Frauenarztpraxis (Symbolbild): "Nicht zu alt, nicht zu faltig, gute weibliche Formen, im Intimbereich rasiert"


Es war dieses signifikante, schabende Geräusch, das die beiden Arzthelferinnen aufschreckte. Immer dann wenn ihr Chef die sogenannte Sekretschublade, die sich unterhalb des gynäkologischen Behandlungsstuhls befindet, auf- oder zuschob. Warum nur tat er das? Die beiden Frauen sahen nach, doch das Fach war - wie seit vielen Jahren - leer.

Der quietschende Lärm blieb. Immer wenn eine Patientin vor Joachim K. auf dem Stuhl Platz genommen hatte. Die Anwesenheit einer seiner Angestellten während der Untersuchung hatte sich der Gynäkologe verbeten. Er wollte allein mit seiner Kundschaft sein, es sollte das Vertrauensverhältnis stärken.

Ab Donnerstag muss sich Joachim K. vor dem Landgericht Frankenthal verantworten - wegen sexuellen Missbrauchs und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches durch Bildaufnahmen in 1484 Fällen. Insgesamt wurden 36.146 Lichtbilder und 62 Videodateien sichergestellt. Ermittler sprechen von einem bundesweit einmaligen Kriminalfall.

Der Gynäkologe, 58, hat nach Ansicht der Staatsanwaltschaft in seiner Praxis im pfälzischen Schifferstadt von Mai 2008 bis August 2011 von 1484 Patientinnen heimlich Fotos und Videos angefertigt. Sie zeigen die nackten Genitalien der Frauen, an denen er manuell oder mit Gegenständen Handlungen durchführt, die scheinbar der Untersuchung, tatsächlich aber wohl seiner sexuellen Erregung und Stimulierung dienten. Auch soll er unbemerkt nackte Patientinnen in der Umkleidekabine oder auf der Liege im Behandlungsraum fotografiert haben. Mehr als 1000 Frauen haben Strafantrag gestellt.

Unter den Betroffenen ist auch seine erwachsene Tochter, die den Vater nicht angezeigt hat, Mädchen zwischen 13 und 14 Jahren, betagte Frauen, Schwangere, sogar eine, die aufgrund einer am selben Tag erlittenen Fehlgeburt in die Praxis gekommen war, sowie viele, die seit 20 Jahren die Praxis aufsuchten. Auch Türkinnen, denen Joachim K. mit Hilfe seiner türkischen Grundkenntnisse die Scheu vor einem Frauenarzt nehmen wollte.

"Adip" für adipöse Patientinnen

Die Digitalkamera bewahrte er während der Untersuchung in der Sekretschublade auf - daher das Quietschen. Er versteckte sie jedoch zwischen den einzelnen Patientinnenbesuchen, so dass seine Arzthelferinnen den Fotoapparat erst im Juli 2011 entdeckten, als ihr Vorgesetzter ihn einmal vergessen hatte. Entsetzt sahen sie Aufnahmen von Vaginas, sie wussten, dass es dafür keine medizinische Notwendigkeit gibt, machten Beweisfotos. Wenige Wochen später zeigten sie ihn an.

Erst hatte sich die grenzenlose Bestürzung legen müssen. Seit mehr als 23 Jahren arbeiteten die Frauen für den Gynäkologen, er ist Vater zweier erwachsener Kinder. Das Verhältnis zu ihm und seiner Familie beschreiben sie als "außerordentlich gut". Die Ehefrau, mit der er im Erdgeschoss im selben Haus der Praxis wohnte, half gelegentlich in der Praxis aus.

Sie war es auch, die den Angestellten vor Jahren die Order gab, die an einem Tag zu behandelnden Frauen auf einem gesonderten Blatt aufzulisten. Auf dieser Übersicht vermerkte der Arzt handschriftliche Ziffern. Darauf angesprochen sagte er, dies habe statistische Gründe, erinnerte sich eine der Helferinnen.

Tatsächlich dienten diese Notizen zur Archivierung der Aufnahmen, die er während der Mittagspause und am Abend im Zimmer 6 der Arztpraxis katalogisierte: Die Nummer hinter dem Namen der Patientinnen zeigte die Anzahl der gefertigten Fotos an. Die Bilder speicherte der Arzt unter Namenskürzeln in verschiedenen Ordnern. Die wiederum versah er mit Zusätzen wie "Adip" für adipöse Patientinnen, "Tü" oder "Thai" für türkische oder thailändische Patientinnen. Die Abkürzung "GF" konnten die Ermittler bislang nicht klären, Joachim K. wollte sich dazu nicht äußern. Anhaltspunkte dafür, dass er die Aufnahmen ins Internet gestellt hat, gibt es bislang nicht.

Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Ermittler erotische Literatur über Fetische und "brutalen Sex", im Dachgeschoss eine Tasche voller getragener Damenunterwäsche, die Joachim K. als Belegarzt im Sankt Vincentius Krankenhaus in Speyer von Patientinnen gestohlen hat, wie er in einer Vernehmung zugab.

Im Gespräch mit Ermittlern räumte Joachim K. auch ein, dass er seine Opfer anfangs noch nach bestimmten Kriterien ausgewählt habe: "Nicht zu alt, nicht zu faltig, gute weibliche Formen, im Intimbereich rasiert." Doch schnell wurde er wahllos, fotografierte alle Typen von Frauen - vorausgesetzt sie waren attraktiv.

Schwerer Gegenstand im Mülleimer

Er gab zu, fast täglich 50 Bilder von fünf bis zehn Patientinnen gemacht zu haben. Die Videosequenzen habe er aus medizinischer Notwendigkeit getan, sexuell erregt hätten sie ihn nie, behauptete er im Gespräch mit einem Gutachter. Der 58-Jährige hat guten Grund, die Vorfälle zu relativieren: Für ihn steht viel auf dem Spiel. Seine Praxis musste er schließen, aus Schifferstadt wegziehen, angeblich ist seine wirtschaftliche Situation "desaströs".

So wollte er den Fortbestand seiner Zulassung einklagen, zog jedoch kurz vor Verhandlungsbeginn im vergangenen Jahr die Klage beim Verwaltungsgericht in Neustadt zurück. Vor dem Prozess wollten sich weder er noch sein Anwalt äußern.

Die meisten Patientinnen zeigten sich den Ermittlern gegenüber schockiert, als sie von dem Missbrauch erfuhren. Ein Großteil von ihnen sei traumatisiert gewesen und hätte danach therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, wie Vernehmungsbeamtinnen in den Akten notierten. Vor allem die Frauen, die bereits in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden oder Frauen, die vergewaltigt wurden - wovon Joachim K. Kenntnis hatte - hätten Rückfälle von Panikattacken oder Angstzuständen erlitten. Im Nachhinein ist es ihnen unerklärlich, wie der Arzt, dem sie vertrauten, unbemerkt agieren konnte.

Nur wenigen waren Merkwürdigkeiten aufgefallen, selbst irritierende Abläufe hielten sie wohl mangels eigenen Fachwissens für normal. Nur eins erschienen vielen seltsam: Der Behandlungsstuhl war extrem horizontal eingestellt, fast waagrecht, so dass die Liegende kaum sehen konnte, was Joachim K. tat. Auch habe er seine Patientinnen ermuntert, sich auf das an der Decke hängende Mobile zu konzentrieren.

Oft ließ Joachim K. Behandlungsinstrumente länger als notwendig im Einsatz, was einigen Frauen unangenehm war. Nur in seltenen Ausnahmefällen erlaubte der Frauenarzt Partnern oder Kindern der Patientinnen den Zutritt ins Behandlungszimmer.

Einmal hatte sich eine Patientin aufgerichtet, als ihr die Untersuchung zu langatmig vorkam. Joachim K. sei erschrocken, habe hastig einen schweren Gegenstand in den Mülleimer geworfen, erinnerte sich die Frau in der Befragung bei der Polizei. Heute vermute sie, dass es die Kamera war.

Eine andere Frau gab an, dass ihr die manuelle Behandlungsmethode im Genitalbereich merkwürdig vorgekommen sei und sie deshalb Joachim K. darauf angesprochen habe. Er leide an Parkinson, habe dieser geantwortet.

Eine weitere Betroffene gab an, dass sie einmal den Verdacht gehabt habe, eine Kamera entdeckt zu haben. Joachim K. habe hektisch reagiert und Schweißperlen auf der Stirn bekommen. Doch sie habe ihn nicht darauf ansprechen wollen und sich auch sonst niemandem anvertraut. Zu ungeheuerlich sei ihr der Verdacht vorgekommen.



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