Urteil gegen Hussein K. Attacken mit roher Gewalt

Hussein K. ist wegen des Mordes an der Studentin Maria Ladenburger zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Die Richterin fand klare Worte über den Angeklagten.

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Als die Richterin das Urteil verkündete, klatschten Zuhörer im Schwurgerichtssaal Beifall. Das Landgericht Freiburg hat wegen Mordes und Vergewaltigung die Höchststrafe gegen Hussein K. verhängt: lebenslänglich, die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt.

Außerdem hat sich das Gericht eine anschließende Sicherungsverwahrung vorbehalten. Es ist daher unwahrscheinlich, dass K. nach 15 Jahren freikommt und dann womöglich abgeschoben würde.

Er habe die Tat "aus einer sexuellen Motivation" begangen und dabei eine außergewöhnliche Empathielosigkeit gezeigt, erläuterte die Vorsitzende Richterin Kathrin Schenk. Sie beschrieb den Mord als "mehraktiges, zielhaftes Geschehen", nicht als Affekttat. Der Pflichtverteidiger von Hussein K. kündigte an, in Revision zu gehen: Durch Alkohol und Drogen sei sein Mandant bei der Tat vermindert schuldfähig gewesen.

Hintergrund
Lebenslange Freiheitsstrafe

Die höchste Strafe, die ein Gericht in Deutschland verhängen kann. Bei Mord ist sie zwingend vorgeschrieben. Aber auch bei anderen besonders schlimmen Verbrechen, etwa Vergewaltigung mit Todesfolge, kann das Urteil „lebenslang“ lauten. Im strengen Wortsinn wird der Täter damit endgültig eingesperrt. Mit Blick auf die Menschenwürde muss er aber eine konkrete Chance haben, später wieder freizukommen. Die lebenslange Freiheitsstrafe kann daher nach frühestens 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Der Täter kommt aber nur frei, wenn man ihn dann als nicht mehr gefährlich ansieht. Dafür wird ein Gutachter hinzugezogen und das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung berücksichtigt.

Besondere Schwere der Schuld

Die vorzeitige Entlassung auf Bewährung nach 15 Jahren scheidet in der Regel aus, wenn das Gericht im Urteil die „besondere Schwere der Schuld“ festgestellt hat. Die Richter müssen hierzu Tat und Persönlichkeit des Täters würdigen. Sie prüfen, ob Umstände vorliegen, die das Aussetzen der lebenslangen Freiheitsstrafe nach 15 Jahren unangemessen erscheinen lassen. Das können etwa ein besonders brutales Vorgehen, sadistische Motive des Täters oder die Ermordung mehrerer Menschen durch eine Tat sein. Wird die besonders schwere Schuld festgestellt, muss die Strafvollstreckungskammer nach 15 Jahren die weitere Mindesthaftdauer festlegen. Auch in diesem Fall kommt der Verurteilte erst dann frei, wenn er nicht mehr als gefährlich gilt - vorausgesetzt, er selbst will freikommen.

Sicherungsverwahrung

Unter bestimmten Voraussetzungen kann das Gericht neben einer Freiheitsstrafe anschließende Sicherungsverwahrung anordnen. Sie kommt sowohl bei lebenslangem als auch bei kürzerem Freiheitsentzug in Betracht. Dies dient allein dem Schutz der Allgemeinheit vor gefährlichen Tätern. Sicherungsverwahrte müssen getrennt von den Gefangenen untergebracht werden. Sie haben bessere Alltagsbedingungen und werden intensiv betreut. Es wird regelmäßig geprüft, ob die Unterbringung noch erforderlich ist.

Die Anordnung der Sicherungsverwahrung neben einer lebenslangen Freiheitsstrafe wirkt eigentlich überflüssig. Denn solange der Täter gefährlich ist, muss er im Gefängnis bleiben. Und ist er nicht mehr gefährlich, kommt er nicht in Sicherungsverwahrung, sondern nach frühestens 15 Jahren auf Bewährung frei. Die Entscheidung ist trotzdem nicht sinnlos: Dem Täter muss dann schon im Gefängnis eine umfassende therapeutische Betreuung angeboten werden. Außerdem kann er nach seiner möglichen Entlassung länger und intensiver überwacht werden.

Sonderfall bei Heranwachsenden

Wer bei einer Straftat schon volljährig, aber noch nicht 21 Jahre alt war, muss sich als sogenannter Heranwachsender in einem Jugendstrafverfahren verantworten. Stellt das Gericht fest, dass der Täter in seiner Entwicklung einem Jugendlichen gleichstand, kann es höchstens zehn Jahre Jugendstrafe verhängen, bei einem Mord und besonders schwerer Schuld bis zu 15 Jahre. Wenn die Richter keine Reifeverzögerung sehen, wenden sie normales Erwachsenenstrafrecht an. Selbst dann dürfen sie den Täter bei Mord statt zu lebenslanger Freiheitsstrafe zu zehn bis fünfzehn Jahren verurteilen. Sicherungsverwahrung darf bei Heranwachsenden nicht neben der Strafe angeordnet werden, dass Gericht darf sich diese lediglich „vorbehalten“. Die eigentliche Entscheidung wird dann erst kurz vor Ende des Strafvollzugs getroffen.

Es ist das erwartete Strafmaß in dem seit September andauernden Mordprozess. Denn nach einer akribischen Beweisaufnahme und einem Teilgeständnis des Angeklagten ist die Tat unstrittig: Am frühen Morgen des 16. Oktober 2016 riss K. hinter dem Freiburger Fußballstadion die Studentin Maria Ladenburger vom Fahrrad. Die junge Frau war auf dem Rückweg von einer Medizinerparty in ihr Studentenwohnheim, die beiden kannten sich nicht.

Vor Gericht wurde ihre letzte WhatsApp-Nachricht verlesen, verschickt an eine Freundin: "Fahr jetzt heim: War mega viel los an der Schlange der Garderobe. Bis morgen oder Montag. Viel Spaß noch."

K. riss die Frau vom Fahrrad, würgte sie mit den Händen und mit einem Schal bewusstlos, drängte sie durchs Gestrüpp eine Böschung hinunter, entkleidete, biss und missbrauchte sie und legte ihren Körper im Fluss Dreisam ab, mit dem Mund und der Nasenöffnung unter Wasser. Dort ertrank die junge Frau, während sich K. über eine Stunde bei ihr aufhielt.

Hussein K. gab an, aus einer Eingebung agiert zu haben, doch die Indizien gegen seine Version waren erdrückend: Die Ortungsdaten des Handys am Fluss und am Radweg, Spuren an der Leiche, Bilder einer Kamera in der Straßenbahn, die zeigen, wie K. in die Nähe des Tatorts fuhr und dabei andere Frauen belästigte.

2013 hatte er auf der griechischen Insel Korfu schon einmal nachts eine Frau brutal attackiert und diese über eine Brüstung die Steilküste hinabgestoßen. Die Frau überlebte den Sturz über zehn Meter mit Knochenbrüchen, weil sie sich im Fallen drehen konnte und nicht zuerst mit dem Kopf aufschlug. Ihren Tod, so erläuterte die Freiburger Richterin, habe K. nicht ausschließen können. Die Tat von Korfu, so Schenk, sei aus einer ähnlichen Motivlage entstanden.

"Frauenfeindliche Einstellung"

Zehn Jahre Haft bekam K. damals für den versuchten Mord, keine zweieinhalb Jahre davon musste er in einem Jugendgefängnis in Volos absitzen, dann kam er dank einer Amnestie der Regierung frei. Laut den Aussagen zweier griechischer Ermittler soll sich K. nach seiner Festnahme über den Aufwand beschwert haben: "Was soll das. Es ist doch nur eine Frau!"

So zeigte sich durch den Freiburger Prozess ein Muster: Zwei Attacken mit roher Gewalt gegen wildfremde Frauen in der Nacht, zweimal zeigte K. nach der Tat wenig Gefühle. Wenige Tage nach dem Mord in Freiburg gab K. laut seiner Pflegemutter auf einem Kulturfest vor fremdem Publikum eine Gesangseinlage zum Besten.

Der psychiatrische Gutachter Hartmut Pleines attestierte K. eine "frauenfeindliche Einstellung", diese komme "aus der Mitte der Persönlichkeit". Es sei wahrscheinlich, dass K. wieder ähnliche Taten begehe, mit gängigen Therapien sei er vermutlich nicht erreichbar. Hussein K., so betonte das Gericht im Urteil, ist eine Gefahr für seine Mitmenschen, insbesondere für Frauen.

Fraglicher war bis zuletzt, ob Hussein K. nach Erwachsenen- oder nach Jugendstrafrecht verurteilt werden würde. Das Gericht berücksichtigte beim Alter die Gutachten: Indem sie die Zahnzementablagerungen an einem Eckzahn mikroskopierte, den sich K. in Freiburg hatte ziehen lassen, kam eine Gutachterin zu dem Ergebnis, dass K. höchstwahrscheinlich zwischen 22 und 26 Jahren alt sei.

Jugendstrafrecht komme nicht infrage, so das Gericht

Daher die Verurteilung nach Erwachsenenstrafrecht. Beim Jugendstrafrecht wäre das Strafmaß geringer ausgefallen. Das Gericht billigte K. jedoch eine "Ich-Stärke" zu, er sei verantwortungsbewusst und eigenständig, Jugendstrafrecht komme nicht infrage.

Weisen die Erkenntnisse des Prozesses über den Einzelfall hinaus? Hätte der Mord verhindert werden können? Hier fand die Vorsitzende Richterin klare Worte: "Nach allem, was wir heute wissen, hätte kein Gesetz, keine bessere Ausstattung der Polizei, keine andere Betreuung des Angeklagten diese Tat verhindert."

Wie es in einem Strafverfahren vorgesehen ist, kümmerte sich das Gericht um die individuelle Schuld des Angeklagten. Gleichwohl schienen auch systemische Mängel auf: Von der Vorläufertat in Griechenland ahnten die Behörden nichts. K. war weder im Schengener Informationssystem ausgeschrieben noch lag ein Interpol-Fahndungsersuchen vor.

Um das Alter nach der Einreise einzuschätzen, begnügten sich die Mitarbeiter des Jugendamts zum Beispiel damit, K. ins Gesicht zu blicken. Sie fanden dort wenig Bartwuchs und kindlich runde Wangen. Dass er als Geburtsdatum den 12. November 1999 angab - genau 16 Jahre vor seiner Einreise am 12. November 2015 -, fand niemand verdächtig.

Ebenso großzügig wurde später seine Unterbringung bei der Pflegefamilie als sogenannte Erziehungsstelle abgerechnet, obwohl dem Jugendhilfeträger hierzu die Erlaubnis des Landesjugendamts fehlte. So konnte er wesentlich höhere Tagessätze zugrundelegen. Ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsverdachts läuft.

Stiftung im Namen Marias

Die Eltern der getöteten Maria waren im Prozess nicht persönlich anwesend. Am Tag vor der Urteilsverkündung gingen sie jedoch mit einer außergewöhnlichen Geste an die Öffentlichkeit: Sie gründeten eine Stiftung zur Unterstützung von Studierenden der Universität Freiburg, insbesondere der Medizinischen Fakultät - dort hatte auch ihre Tochter studiert.

Ausgestattet mit einem Vermögen von 100.000 Euro soll die Maria-Ladenburger-Stiftung Studierende unterstützen, zum Beispiel bei sozialem Engagement, bei Praktika oder wenn es soziale Härten gibt.

In der Pressemitteilung erklärten die Eltern: "Maria studierte Medizin voller Begeisterung, Engagement und Lebensfreude, um als Ärztin für ihre Mitmenschen da sein zu können. Sie war und sie bleibt ein Sonnenschein für ihre Familie, für ihre Freundinnen und Freunde. Die Stiftung will das Geschenk ihres Lebens an Studierende weitergeben und in ihrem Sinne ein Zeichen der Mitmenschlichkeit setzen."

Das Urteil bezeichnete das Ehepaar in einem weiteren Statement als "angemessen". Es dankte den Behörden für die "außerordentlichen Anstrengungen, dank derer der Täter gefunden und das schreckliche Geschehen umfassend aufgeklärt werden konnte".

K. habe den Angehörigen und Freunden Marias unermessliches Leid zugefügt und dieses durch sein Verhalten während des Prozesses noch gesteigert: "Kein Urteil kann daran etwas ändern", schreiben die Eltern. Die Tat bleibe unfassbar, aber der Prozess habe "entscheidende Erkenntnisse über die Umstände und die Täterpersönlichkeit ans Licht gebracht, die uns bei der Bewältigung dieses Schicksalsschlags weiterhelfen."

Sie äußern die Hoffnung, dass die Freunde ihrer Tochter, aber auch die Bürger der Stadt Freiburg durch das Urteil "aufatmen und ein weiteres Stück Normalität wiedererlangen können". Am Ende der Erklärung schreiben sie noch einmal über das, was ihre Tochter für sie ausmachte - es endet mit den Worten: "Ihr Leben überstrahlt, auch heute, alles Dunkel."

Mit Material der dpa



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