Mordprozess in Freiburg Die kriminelle Karriere des Hussein K.

Hussein K. gibt zu, die Freiburger Studentin Maria L. getötet zu haben. Zu möglichen Vorstrafen aber schweigt er beharrlich. Der erste Prozesstag im neuen Jahr lässt erahnen, warum.

Hussein K. im Gerichtssaal
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Hussein K. im Gerichtssaal

Von , Freiburg


Frust und Desinteresse sind ihm anzusehen. Hussein K. hockt auf der Anklagebank in Saal IV des Landgerichts Freiburg und blickt ins Leere. Die Vorsitzende Richterin nimmt mehrere Anläufe, ihn aufzufordern, doch nach vorne an die Richterbank zu kommen. Dort studieren die Prozessbeteiligten Google-Maps-Ausdrucke, die den Wohnort seiner Familie zeigen sollen. Hussein K. will nicht, dann steht er doch auf.

Hussein K. ist angeklagt wegen Mordes an Maria L. Er hat zugegeben, die 19-jährige Medizinstudentin am Uferweg des Flusses Dreisam vom Fahrrad gezerrt, sie gewürgt, getötet, gebissen und vergewaltigt zu haben.

Es ist nicht die erste Straftat, die Hussein K. begangen hat. Doch zu anderen Vorstrafen schweigt er in der Hauptverhandlung. So betritt am Montag Mohammed M. aus Berlin den Gerichtssaal. Der 21-Jährige stammt aus Afghanistan, er kam vor zwei Jahren nach Deutschland, spricht sehr gut Deutsch, absolviert derzeit eine Ausbildung. Er sagt, er habe vor fünf, sechs Jahren seine Schwester in Iran besucht und sei dort Hussein K. begegnet, dessen Familie noch heute in dem Land lebe.

Der Angeklagte starrt zu Boden

Mohammed M. hatte aus dem Fernsehen von dem Verbrechen erfahren, sich an das Zusammentreffen mit Hussein K. erinnert und die Polizei kontaktiert. Seine Schwester sei mit einer Schwester K.s befreundet, sagt Mohammed M. aus. Von ihr wisse er, dass Hussein K., der als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland kam und behauptet, 19 Jahre alt zu sein, bereits 22 oder 23 Jahre alt sei. Oberstaatsanwalt Eckart Berger hält Hussein K. ebenfalls für mindestens 22 Jahre alt; Gutachten und Zeugenaussagen stützen diese Vermutung. Die Altersfeststellung ist relevant für das Strafmaß.

Und noch etwas habe ihm seine Schwester erzählt, sagt Mohammed M. vor Gericht: Hussein K. habe mit zwei, drei anderen in Iran einen 15 Jahre alten Jungen vergewaltigt. Hussein K. sei damals zu einer Geldstrafe verurteilt worden. "Für iranische Verhältnisse eine eher milde Strafe", bemerkt die Vorsitzende zweifelnd.

Hussein K. starrt auf den Boden. Der Vorwurf wiegt schwer. Auch zu dem Verdacht, er habe in Iran eine Zwölfjährige vergewaltigt, will er keine Angaben machen. Diese Tat wurde strafrechtlich nicht verfolgt, die Eltern K.s sollen sich mit denen des mutmaßlichen Opfers geeinigt haben.

Fest steht: Hussein K. saß bis Oktober 2015 im griechischen Volos in Haft - wegen versuchten Mordes und Raubes. Im November 2015 kam er ohne Papiere nach Deutschland. Die Vorsitzende Richterin in Freiburg verliest an diesem Tag in Saal IV das Urteil des Gerichtes in Korfu.

In Griechenland vorzeitig aus der Haft entlassen

Demnach überfiel Hussein K. am 26. Mai 2013 um 2.30 Uhr auf einer Küstenstraße eine Studentin, die auf dem Weg in ihr Hotel war. Als die junge Frau flüchten wollte, hielt Hussein K. sie fest, entriss ihr ihre Handtasche, die Frau wehrte sich, er stieß sie zu Boden. Weil sie schrie und sich ein Fahrzeug näherte, "hob er sie mit aller Kraft in die Luft und warf sie über eine Umzäunung in zehn Meter Tiefe". Die Studentin stürzte in den Abgrund, schlug auf felsigem Boden auf, erlitt schwere Verletzungen, war in Lebensgefahr. Hussein K. kam noch am selben Tag in Untersuchungshaft.

Die dreiköpfige Jugendkammer in Griechenland, so verliest es die Freiburger Richterin, verurteilte Hussein K. im Mai 2014 zu neun Jahren und drei Monaten Haft. Wegen guter Führung wurde er vorzeitig entlassen, sein Asylantrag für Griechenland wurde jedoch aufgrund der verurteilten Straftat abgelehnt. Hussein K. ignorierte die Auflagen des Gerichts, tauchte unter und bat in einer Freiburger Dienststelle um Asyl.

Es kam zu einer Berufungsverhandlung in Griechenland, zu der Hussein K. nicht erschien. Zu dem Zeitpunkt saß er längst wegen des Verdachts des Mordes an Maria L. in Untersuchungshaft. "Herr K., ich weiß, Sie wollen nichts zu den Verfahren in Griechenland sagen. Bleibt es dabei?", hakt die Vorsitzende nach. Hussein K. nickt.

Mehr als hundert Minuten im Bereich des Tatortes

Erst im vergangenen Herbst, als die Hauptverhandlung gegen Hussein K. bereits lief, konnten Spezialisten das Handy des Angeklagten auswerten. Der Leiter für "digitale Spuren" innerhalb der Sonderkommission "Dreisam" erklärt am Montag, wie die auf dem Mobiltelefon gespeicherten Bewegungs- und Standortdaten analysiert wurden.

Demnach verließ Hussein K. um 2.10 Uhr die Straßenbahn. Spätestens um 2.33 Uhr muss er nach Auswertung des Bewegungsmusters im Bereich des Tatortes angekommen sein. Dort habe er sich etwa eine Stunde und 45 Minuten aufgehalten, so der Kriminalbeamte. Erst am frühen Morgen habe sich Hussein K. entfernt. Damit wäre K. länger im Gebiet des Tatortes gewesen als bislang vermutet.

Für die Auswertung des Handys hätten sie zum ersten Mal in Baden-Württemberg Spezialisten einer Hacker-Firma um Unterstützung gebeten, sagt der Polizist. Das habe auch an dem extrem neuen Hightech-Handy des Angeklagten gelegen, das automatisch Daten zu Standorten und Bewegungen speichere, die die Polizei nicht entschlüsseln könne.

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