Missbrauchsfall in Südbaden Behörden schätzten Gefährdungslage offenbar falsch ein

Im Fall eines Freiburger Pädophilen-Rings gerät das zuständige Familiengericht immer stärker unter Druck. Laut einem Zeitungsbericht sahen die Behörden bei dem Jungen offenbar keine Hinweise auf Kindeswohlgefährdung.

Sozial- und Jugendamt in Freiburg
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Sozial- und Jugendamt in Freiburg


Im Großraum Freiburg sollen eine 47-Jährige und ihr 39-jähriger Lebenspartner, Christian L., den Sohn der Frau missbraucht und im Internet zur Vergewaltigung angeboten haben. Insgesamt acht Menschen sitzen in Zusammenhang mit dem Fall in Untersuchungshaft. Die Aufdeckung des Pädophilen-Rings sorgt bundesweit für Entsetzen (mehr dazu lesen Sie hier). Nun gibt es laut der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) deutliche Hinweise auf Versäumnisse der Behörden.

Demnach bestellten die Familiengerichte für das Kind keinen Verfahrensbeistand und hörten es bei der Entscheidung, es wieder in die Familie zurückzugeben, nicht an. Ein Verfahrensbeistand muss zur Wahrnehmung der Interessen des Kindes bestellt werden, es sei denn, die Interessen des Sorgeberechtigten decken sich mit den Interessen des damals sieben Jahre alten Jungen.

Das Oberlandesgericht sah nach eigenen Angaben einen Interessengegensatz zwischen Mutter und Kind "nicht ansatzweise", heißt es im Bericht. Die Richter waren nach Angaben der Gerichtssprecherin nicht von einer Gefährdung des Kindeswohls ausgegangen.

Behörden erkannten keine Anhaltspunkte für sexuellen Missbrauch

Bevor L. bei der Mutter und ihrem Kind einzog, saß er wegen Kinderpornografie und sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen für vier Jahre und drei Monate im Gefängnis. Nachdem er bei der Mutter eingezogen war, bekam die Polizei einen Hinweis, und das Jugendamt nahm ihren Sohn daraufhin in staatliche Obhut.

Die Mutter widersprach, und ein Gericht entschied im April 2017, dass der Junge bei ihr bleiben durfte. Mit Auflagen: Um den Kontakt von L. zu dem Jungen zu verhindern, wurde dem 39-Jährigen untersagt, die Wohnung zu betreten; die Mutter sollte darauf achten, dass es keine gemeinsamen Freizeitaktivitäten mehr gibt (mehr dazu lesen Sie hier, eine Chronologie des Falls lesen Sie hier).

Video: Christian L.s Mutter und Schwester im SPIEGEL-TV-Interview

SPIEGEL TV

Die "FAZ" berichtet nun, dass L.s Anwalt in dem familienrechtlichen Verfahren in erster Instanz mit einem psychiatrischen Gutachten nachzuweisen versuchte, dass er als Pädophiler an Jungen kein sexuelles Interesse hat.

Weil sie keine Anhaltspunkte für einen sexuellen Missbrauch erkennen konnten und auf die Mutter vertraut hatten, entschieden sich die Familienrichter am Landgericht Freiburg und am Oberlandesgericht Karlsruhe gegen eine Inobhutnahme des Kindes. Es stellte sich später allerdings heraus, dass die Frau wohl aktiv am Missbrauch ihres Sohnes beteiligt war.

Manfred Lucha, baden-württembergischer Sozialminister der Grünen, sagte der Zeitung, dass es keine pauschalen Urteile geben dürfe, die Vorgänge müssten "gründlich, transparent und zügig" untersucht werden. "Jugendhilfe ist zwar eine weisungsfreie Pflichtaufgabe der Kommunen, dennoch müssen wir jetzt alle genau hinschauen, ob wir Nachbesserungsbedarf haben." Lucha machte sich zudem für die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz stark.


Betroffene können sich kostenfrei und anonym an das Hilfetelefon des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung wenden: 0800-22 55 530

bam



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
thoscha 19.01.2018
1.
So etwas dürfte es in diesem Land nicht geben, geschweige denn das sowas wirklich passieren kann. Aber man siehr immer wieder, das die sogenannten Familienrichter Kompetenzprobleme aufweisen und zwar massiv in ganz Deutschland. Leider darf man soetwas nicht dokumentieren, sonst kommt der nette Kollege aus dem Strafrecht und reißt dir die Ohren ab - anscheinend hat man die Warnung nicht verstanden die ausgesprochen wurde! Diese Richter und alle daran Beteiligten sollten jetzt und vorläufig bis zur Klärung suspendiert werden. Ohne wenn und aber. Die Eltern und die Typen die dieses Angebot angenommen haben, in den Knast für immer und ewig. Sie haben dieses Kind jetzt schon getötet, auch wenn es noch leben mag! Aber was für ein Leben - würden sie denn gerne so weiterleben wollen? Wie kann man nur so herzlos sein ? Diesen Menschen(?) spreche ich jegliches Empathiegefühl ab!! Sie dürfen nie wieder raus....!!!
hardline 19.01.2018
2. Richter Dr Lebensfremd
es mag sein, dass das im vorliegenden Fall nicht alles erklärt. Aber grundsätzlich ist es einfach das Problem, dass bei uns Leute als Richter arbeiten, die ihre vorgehende Lebenserfahrung ausschließlich an der Schule und Universität gemacht haben und vom wahren Leben vollkommen unbeleckt sind. Die haben nicht, wie das in England oder Amerika üblich ist, erstmal zehn Jahre als Anwalt gearbeitet und durch den ständigen Kontakt mit Mandanten etwas Lebenserfahrung gesammelt. und das wirkt sich in allen Rechtsbereichen aus, wo es auf die Einschätzung von Menschen ankommt. Wer schon selber 100 mal von seinen eigenen Mandanten angelogen worden ist und es dann gemerkt hat, hat ein besseres Händchen dafür, wem man wie weit vertrauen kann.
gottseidank.de 19.01.2018
3. Ja und?
Welche Konsequenzen hat es für die Zuständigen Jugendamtmitarbeiter, die Leitung, die zuständigen Richter, etc.? Genau, keine! Hat schon mal jemand seinen Job verloren, in Verbindung mit dem Verlust auf Pensionsanspruch? Hat es in irgendeinem der endlosen Fälle die bereits bekamst sind irgendeine Strafe ggü. den Verantwortlichen gegeben? Ich weiß von nichts.
hwy2001 19.01.2018
4.
Natürlich müsste man die Aktenlage ganz genau kennen und sich ein Bild von der schwierigen Situation machen zu können. Wissen müsste man aber, dass Triebtäter fast immer Wiederholungstäter sind und nach heutigen Stand der Forschung nur selten „geheilt“ werden können. Eine ausführliche Untersuchung von engagierten und fachkundigen Gutachtern, die nicht Fließbandgutachten fabrizieren, hätte die Sache wahrscheinlich viel weitgehende klären können und wäre sicher im Sinne des Kindes gewesen.
WiderstandsgewächsII 19.01.2018
5. eigentlich sollte der Spiegel die Klappe halten
denn es wurde und wird hier in Foren angesprochen, was für kriminelle und ideologische Strukturen in Familiengerichten, beim Jugendamt , bei Familienhilfen usw. herrschen, welche Inkomepetenz bei diesen Ämtern herrscht und auch wieviel Geld gerade von Rechtsanwälten, Verfahrensbeiständen aber auch von sogenannten Gutachtern in familiengerichtlichen Verfahren gemacht wird und niemand, fällt diesen Menschen in den Arm. Das ist zu großen Teilen eine Gelddruck und Beschäftigungsmaschine und vor allem Mütter bekommen oft unbesehen ihre KInder, weil Mütter und Frauen ja prinzipiell nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu schädigen! Das ist leider die Kehrseite des Denkens, Frauen sind in allem besser und bei jedem aufwühlenden Misshandlungsfall der letzten Jahre waren Mütter involviert, die von den weiblich domoinierten Strukturen der JA, Familiengerichten und anderen Beteiligten falsch eingeschätzt wurden!
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