Missbrauchsfall bei Freiburg "Tragischerweise hat man der Mutter geglaubt"

Ein Junge wird missbraucht und online für Vergewaltigungen angeboten - unter Tatverdacht stehen die Mutter und ihr Partner. Wieso durfte der vorbestrafte Mann Kontakt zu dem Jungen haben? Eine Rekonstruktion.

Landratsamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald
DPA

Landratsamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald

Von und


Die Fassade, die eine normale Familie vorgaukelt, hielt mehr als zwei Jahre. Der Junge nannte Christian L., den neuen Freund seiner Mutter, "Papa". Doch der Junge wurde sexuell ausgebeutet - und im Internet für Vergewaltigungen angeboten. Der Polizei zufolge sollen die Mutter und L. dahinterstecken.

Von jahrelangen Misshandlungen des heute Neunjährigen an verschiedenen Orten in ganz Südbaden will Christian L.s Schwester nichts mitbekommen haben. Das sagte sie SPIEGEL TV. Die Taten hatten laut Ermittlern begonnen, kurz nachdem L. aus der Haft entlassen wurde.

Vier Jahre und drei Monate hatte der heute 39-Jährige aus Baden-Württemberg ab 2010 im Gefängnis gesessen, wegen Kinderpornographie und wegen des sexuellen Missbrauchs einer Jugendlichen - in 23 Fällen. Dennoch durfte L. den neunjährigen Jungen unter bestimmten Umständen sehen.

Ein Antrag auf Bewährung wurde laut einem Sprecher des Freiburger Landgerichts zwar abgelehnt, weil die Kammer "eine hohe Rückfallgefahr" gesehen habe. Doch nach der vollständig verbüßten Strafe gelang es der Justiz nicht, L. komplett von dem Jungen fernzuhalten.

Video: Christian L.s Mutter und Schwester im SPIEGEL-TV-Interview

SPIEGEL TV

L. erhielt zwar ein "Verbot, mit Personen unter 18 Jahren Kontakt aufzunehmen und mit ihnen zu verkehren", wie die Direktorin des Amtsgerichts aus der Kleinstadt im südlichen Breisgau sagte, in der L. mit der Mutter des Kindes zusammenlebte. Zu dieser Auflage gab es aber eine Ausnahme - wenn Sorgeberechtigte anwesend waren. War die Mutter dabei, durfte L. das Kind sehen.

Die Polizei wirft der Frau vor, am dutzendfachen schweren sexuellen Missbrauch des Jungen mit beteiligt gewesen zu sein. Wie eine Ware soll das arbeitslose Paar das Kind gemeinsam auch angepriesen und für Vergewaltigungen vermietet haben. Laut Ermittlern kassierten sie von den Männern mehrere tausend Euro - die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Paar mit dem Missbrauch Geld verdienen wollte.

Wie konnte es dazu kommen? Die Chronologie des Falles:

2010: Das Landgericht Freiburg verurteilt L. wegen des sexuellen Missbrauchs einer damals 13-Jährigen in 23 Fällen zu vier Jahren und drei Monaten Haft. Auch Kinderpornografie hatte er besessen. Laut "Badischer Zeitung" war L. wegen des Besitzes von Kinderpornographie bereits 2005 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.

2014: L. wird aus der Haft entlassen. Er erhält die Auflage, sich Minderjährigen nicht zu nähern - außer Sorgeberechtigte sind dabei. Die Mutter des heute Neunjährigen und L. werden spätestens 2015 ein Paar.

August 2016: Das Landgericht Freiburg lehnt Christian L.s Antrag ab, mit seiner Lebensgefährtin zusammenzuziehen. L. zieht trotzdem zu der heute 47-Jährigen in den Ort im südlichen Breisgau.

März 2017: Die Polizei informiert das Jugendamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald, dass L. wegen einschlägiger Sexualdelikte vorbestraft ist. Konkrete Hinweise auf einen Missbrauch des Neunjährigen sieht das Amt zu dem Zeitpunkt nicht.

14. März 2017: Das Jugendamt nimmt nach dem Hinweis der Polizei den damals noch achtjährigen Jungen aus der Familie in staatliche Obhut. Laut dem Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald wollte das Jugendamt das Kind solange nicht in der Familie haben, bis die Erziehungsfähigkeit der Mutter durch ein Gutachten festgestellt worden sei. Die Behörde stand bereits zuvor in Kontakt mit der Familie - wegen der "Förderung der Persönlichkeit des Kindes", wie ein Sprecher sagte. Die Mutter widerspricht der Inobhutnahme, daraufhin schaltet das Jugendamt das Familiengericht ein.

11. April 2017: Der Junge kommt nach einer Entscheidung des Familiengerichts zurück zur Mutter. Das Gericht habe "eine Trennung des Kindes von der Mutter nicht für erforderlich" erachtet, teilt eine Justizsprecherin mit. Es verweist laut dem Landratsamt auf eine Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, wonach zunächst niedrigschwellige Maßnahmen zu ergreifen seien. Um den Kontakt von L. zu dem Jungen zu verhindern, erlässt das Gericht Auflagen: L. dürfe die Wohnung nicht mehr betreten, die Mutter müsse darauf achten, dass es "keine gemeinsamen Freizeitaktivitäten mehr zwischen dem Kind und ihrem Lebensgefährten gibt" - nun auch nicht mehr bei Anwesenheit der Mutter. Diese müsse sich außerdem Hilfe von einem Psychologen bei der Erziehung holen. Die Frau legt gegen die Auflagen Beschwerde ein, das Oberlandesgericht bestätigte laut Landratsamt das Kontaktverbot.

Das Familiengericht weiß laut der Justizsprecherin von Christian L.s Vorstrafen. Doch man geht davon aus, die Mutter werde zum Wohle des Jungen den Kontakt mit L. unterbinden. Sie sei zuvor nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Das Gericht sieht die Mutter nicht als Gefahr für den Jungen. "Tragischerweise hat man ihr geglaubt", sagt die Sprecherin rückblickend.

Tatsächlich erweist sich die Entscheidung des Familiengerichts als folgenschwer: Nach Angaben einer Polizeisprecherin wird der Junge auch nach der kurzen Inobhutnahme missbraucht.

Frühjahr 2017: Im Hause L. gibt es Streit mit dem Vermieter. Er informiert sich über Christian L.s Vergangenheit. Nachdem der Vermieter den Mann mit dem Neunjährigen allein auf der Straße sieht, zeigt er ihn an.

26. Juni 2017: Ein Richter des Amtsgerichts am Wohnort der Familie verurteilt L. wegen des Kontakts zu dem Kind zu vier Monaten Haft. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass L. mit dem Kind alleine war, nachdem das Paar zusammengezogen war. L. legt vor dem Freiburger Landgericht gegen das Urteil Berufung ein. Die Entscheidung steht aus.

27. Juli 2017: Das Oberlandesgericht (OLG) Karlsruhe verhandelt über die Beschwerden der Mutter gegen die Auflagen des Familiengerichts. Das OLG bestätigt, dass L. nicht in die Wohnung der Mutter und keine gemeinsamen Freizeitaktivitäten mit dem Kind ausüben darf. Die Mutter akzeptiert dies.

Gleichzeitig kippt das OLG die Verpflichtung der Frau, sich psychiatrische und erzieherische Hilfe zu holen. "In Übereinstimmung mit dem Vertreter des Jugendamtes", so die Justizsprecherin, wird eine Betreuung zu dem Zeitpunkt als nicht erforderlich angesehen. Eine Sozialpädagogin in die Familie zu schicken, sei nur sinnvoll, wenn die Mutter das auch wolle - doch die Frau lehnt ab.

September 2017: Bei der Zentralstelle für Internetermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt geht der erste Hinweis auf den Missbrauch des Jungen ein. Fünf Tage später nimmt das Jugendamt den Neunjährigen aus der Familie. Spezialkräfte überwältigen Christian L. laut "Badischer Zeitung" am 16. September vor einem Supermarkt. Insgesamt acht Verdächtige werden festgenommen (lesen Sie hier mehr über die Hintergründe). Gegen jeden der mutmaßlichen Täter soll laut Staatsanwaltschaft einzeln verhandelt werden, ein gemeinsames Gerichtsverfahren ist nicht geplant.

Im Januar 2018 wird der Fall öffentlich. Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha will die Rolle von Behörden und Justiz in dem Fall überprüfen lassen. "Soweit ich die Sachlage bis jetzt kenne, war es ja nicht so, dass die Behörden nicht auf die Missstände in der Familie hingewiesen hätten", sagte der Grünen-Politiker. Dem Jungen solle bestmöglich geholfen werden.

Wie geht es nun weiter? Das Landgericht Freiburg prüft die erste Anklage in dem Fall. Sie richtet sich gegen einen der acht Verdächtigen, einen 41-Jährigen aus dem Großraum Freiburg. Um welche Vorwürfe es genau geht, haben die Ermittler noch nicht bekanntgegeben.

Mit Material von dpa

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.