Missbrauchter Junge bei Freiburg Abgründe menschlicher Verworfenheit

Eine Mutter und ihr Partner bieten den Sohn gegen Geld für Vergewaltigungen an - Markus K. soll das Angebot mehrfach angenommen haben. Nun steht er vor Gericht. Der Prozess öffnet den Blick in menschliche Abgründe.

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Von , Freiburg


Es gibt Fragen, und es herrscht Fassungslosigkeit. Beides wird spürbar, als Markus K. in Handschellen in den Saal IV des Landgerichts Freiburg geführt wird und versucht, sich mit einem großen Briefumschlag gegen den Ansturm der Fotografen abzuschirmen. Das Blitzlichtgewitter und Klicken der Kameras, das sind die Fragen. Die vollkommene Stille darüber hinaus im Raum, das ist die Fassungslosigkeit über einen schockierenden Fall.

Der Pädophilenring um Berrin T. und ihren Lebensgefährten Christian L. aus dem Örtchen Staufen bei Freiburg hat im vergangenen Jahr ein internationales Team an Ermittlern an seine Grenzen gebracht. Die Mutter des heute neunjährigen Jungen und ihr wegen schweren Kindesmissbrauchs vorbestrafter Lebensgefährte sollen das Kind im Internet angeboten und Männern gegen Bezahlung für Vergewaltigungen überlassen haben.

Der Junge wurde nach Angaben der Polizei von mehreren Tätern wiederholt und an verschiedenen Orten in und um Freiburg vergewaltigt. Polizei und Justiz in Frankreich, Dänemark, Spanien, Österreich, der Schweiz und zwei deutschen Bundesländern waren nötig, um das zweijährige Martyrium des Kindes zu beenden.

Schwer erträgliche Beispiele menschlicher Verworfenheit

Markus K. ist der erste von insgesamt acht Verdächtigen, die sich in dem Fall vor Gericht verantworten müssen. Neben Berrin T. und Christian L., deren Prozess für Juni angesetzt ist, sollen sich sechs Männer auf Vermittlung - mit Einwilligung oder unter aktiver Beteiligung seiner Erziehungsberechtigten - am neunjährigen Opfer vergangen haben.

Markus K. ist einer davon. 41 Jahre alt, Arbeiter aus dem Ortenau-Kreis, beginnende Glatze, grauer Dreitagebart, Jeans, blauer Pullover. Der Angeklagte und Christian L. kannten sich persönlich, aus einer psychiatrischen Einrichtung. Per Facebook erkundigte sich Markus K. bei Christian L., "ob er denn etwas für ihn im Angebot" habe, wie Staatsanwältin Nikola Novak zitierte. Er hatte, gegen Zahlung eines dreistelligen Betrages.

Staatsanwältin Nikola Novak
DPA

Staatsanwältin Nikola Novak

Ein Adjektiv ist bei der Verlesung der Anklageschrift immer wieder zu hören. Schwer, schwer, schwer. Alle diese Taten liegen in ihrer gravierendsten Form vor. Sexueller Missbrauch, Freiheitsberaubung, Zwangsprostitution, gefährliche Körperverletzung. Sein Besitz von Kinderpornografie, 500 Fotos und 20 Filme, wirkt dagegen beinahe wie ein Kavaliersdelikt. Oder wie ein Anlauf zu den eigentlichen Verbrechen.

Zwei Begegnungen zwischen Markus K. und seinem Opfer gab es laut Anklage, jeweils auf Vermittlung. Eine auf einem Feldweg bei Staufen, eine in der Wohnung des Jungen. Christian L. war demnach dabei oder sogar beteiligt. Im Detail sind die vorgeworfenen Taten, selbst sachlich verlesen, schwer erträgliche Beispiele menschlicher Verworfenheit. Gleiches gilt für die Perfidie der Täter. Beim ersten Mal wurde dem verschreckten Jungen laut Anklage weisgemacht, Markus K. sei Polizist und seine Fügsamkeit beim Oralverkehr entscheidend dafür, dass er nicht zurück ins Heim müsse.

Beim zweiten Mal musste das Opfer, an Armen und Beinen gefesselt, demnach die Qualen in vollem Bewusstsein des Kommenden ertragen. Alles wurde mit mehreren Kameras gefilmt, mit dem Zweck der Weiterverbreitung.

"Deutlich erkennbarer Ekel"

Das Kind bekam zwischen zehn und zwanzig Euro, so genau ist das nicht mehr zu ermitteln. Es ist das Verdienst von Katja Ravat, Opferschutzanwältin, dass der Junge auch in Abwesenheit als Nebenkläger in eigener Sache vor Gericht vertreten ist. Alles findet Gehör vor Gericht. Seine Angst, sein "deutlich erkennbarer Ekel", sein körperlicher Schmerz, seine Agonie und seine geistige "Flucht in eine Fantasiewelt".

Es ist kaum auszuhalten.

Dies umso mehr, als die Frage nach der Schuld mit dem Verweis auf die Angeklagten nicht vollständig beantwortet ist. Die Frage ist nicht nur, warum Menschen "so etwas" tun. Sondern auch, warum die zuständigen Behörden ihre Arbeit nicht machten. Denn das Grauen hätte in diesem Fall nicht nur verhindert werden können. Es hätte verhindert werden müssen. So war der Junge bereits Gegenstand eines Kinderschutzverfahrens, wurde auf Betreiben der Mutter und unter der Auflage, deren einschlägig vorbestrafter Lebensgefährte dürfe sich dem Kind nicht nähern, wieder nach Hause geschickt - in seine persönliche Hölle.

Das Regierungspräsidium als Aufsichtsbehörde sieht seitens des zuständigen Jugendamtes für den Kreis Breisgau-Hochschwarzwald keine Versäumnisse, will aber künftig die Arbeit beteiligter Behörden besser koordinieren.

Angeklagter legt Geständnis ab

Auch Markus K. war den Ämtern bekannt und einschlägig vorbestraft. Wegen der Vergewaltigung einer Zehnjährigen und des Besitzes von Kinderpornografie wurde er 2010 zu vier Jahren Haft verurteilt und stand nach seiner Entlassung 2013 für fünf Jahre unter Führungsaufsicht mit strengen Auflagen - unter anderen jener, sich Minderjährigen nicht nähern zu dürfen.

Im Prozess gegen den 41-Jährigen, angesetzt auf drei Tage, sollen sechs Zeugen gehört werden, darunter auch der psychologische Gutachter, der den Angeklagten nach seiner letzten Haftentlassung betreut hat. Auch sollen Videos der Übergriffe gezeigt werden, sechs, zwölf und zwanzig Minuten lang. Ihn erwartet eine langjährige Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung - so will es zumindest die Staatsanwaltschaft.

Anwältin Julia Schlindwein
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Anwältin Julia Schlindwein

Auf Antrag seiner Strafverteidigerin Julia Schlindwein entscheidet der Vorsitzende Richter nach kurzer Beratung auf Ausschluss der Öffentlichkeit. Dort gab Markus K. die ihm vorgeworfenen Taten zu.

Im Video: Missbrauchsfall im Breisgau - Zur Vergewaltigung angeboten

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