Urteil zu Freiburger Missbrauchsfall Empathielos und gefährlich

Markus K. ist einer der Männer, die einen Jungen in Staufen missbrauchten. Dafür muss er lange ins Gefängnis. In seinem Urteil zeichnet das Landgericht Freiburg das Bild eines untherapierbaren Kriminellen.

Markus K. am Landgericht Freiburg (Archivfoto)
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Markus K. am Landgericht Freiburg (Archivfoto)

Von , Freiburg


Drei Verhandlungstage lang ging es um Kontaktsuche in Chats, konspirative Treffen und den Missbrauch eines Kindes, der quasi zum Geschäftsmodell erhoben worden war: Der Junge wurde online feilgeboten, und es fanden sich Leute, die teilweise fünfstellige Summen zahlten, um das Kind zu vergewaltigen.

Über Jahre ging das so. Markus K. gehörte zu dem Pädophilenring. Das Urteil des Landgerichts Freiburg gegen den 41-Jährigen kann deshalb niemanden überraschen. Die Kammer unter dem Vorsitz von Stefan Bürgelin verhängte gegen Markus K. eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren mit anschließender Sicherungsverwahrung. Zudem verfügte das Gericht eine Zahlung von 12.500 Euro Schmerzensgeld an das Opfer, das als Nebenkläger durch eine Anwältin vertreten war.

Der Prozess gegen Markus K. war der erste von insgesamt sieben angesetzten Verfahren im Zusammenhang mit dem Missbrauch eines kleinen Jungen. Auch Berrin T., die Mutter des Kindes, und ihr Lebensgefährte Christian L. werden sich ab dem 11. Juni vor Gericht verantworten müssen.

"Homosexuell pädophile Hauptströmung"

Markus K. hatte schon am ersten Prozesstag ein umfassendes Geständnis abgelegt und damit seinem Opfer eine Aussage vor Gericht erspart. Bei "allerdings sehr guter Beweislage", so Richter Bürgelin, könnte das nicht als mildernder Umstand gewertet werden. In seiner Urteilsbegründung erklärte Bürgelin die Sicherungsverwahrung mit der aggressiven Ausprägung der "homosexuell pädophilen Hauptströmung" in der Persönlichkeit des Angeklagten, der darüber auch bewusst seinen Therapeuten getäuscht hatte.

Fehlende Empathie mit dem Opfer und die Schwere seiner Taten (schwere Vergewaltigung, schwerer sexueller Missbrauch mit Freiheitsberaubung, Besitz kinderpornografischer Schriften) ließen dem Gericht keine andere Wahl, als einen Rückfall des Angeklagten für wahrscheinlich zu halten.

Zwar war die Öffentlichkeit unter anderem für die Dauer der Aussagen von psychiatrischen Gutachtern ausgeschlossen. Was zu erfahren war, deckte sich mit der Einschätzung des Gerichts: Es entstand das Bild eines untherapierbaren Kriminellen.

Angeklagter suchte in sozialen Netzwerken Kontakt zu Jugendlichen

In dem Verfahren waren mehrere Zeugen gehört worden, darunter auch Christian L., der nach eigener Aussage den Missbrauch nicht nur arrangiert, sondern sich selbst vielfach an dem Jungen vergangen hatte.

Auch ein Polizeibeamter sagte aus, der mit der Ermittlung, Sicherung und Sichtung elektronischer Beweisstücke betraut gewesen war. Auf den Rechnern und Mobiltelefonen von Markus K. wurden nicht nur große Mengen an eindeutig kinder- und jugendpornografischen Bilddateien sowie "Präferenzdateien" gefunden, die auf seine Neigungen schließen ließen.

Es gab auch Bilder, die Jugendliche von sich selbst bei Instagram veröffentlicht hatten und die Markus K. offenbar zur Erregung dienten. Es gelang auch, dem Angeklagten verschiedene Profile bei sozialen Netzwerken nachzuweisen, in denen er sich als Jugendlicher ausgab und Kontakte zu "Boys" pflegte.

In den entsprechenden Chats tauschte er sich über "jugendtypische Themen" aus, wie der Polizist erklärte, und machte sexuelle Anspielungen. Markus K.s Strafverteidigerin Julia Schlindwein wies darauf hin, dass die Chatpartner ihres Mandanten nicht festgestellt worden seien und es sich unter Umständen ebenfalls um Pädophile gehandelt haben könnte, die unter falscher Identität im Netz unterwegs seien.

Verteidigerin Julia Schlindwein
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Verteidigerin Julia Schlindwein

Fest steht, dass Markus K. mit diesen Aktivitäten seine Führungsauflage unterwanderte, keinen Kontakt zu Kindern oder Jugendlichen zu suchen. Dazu war ein inzwischen pensionierter Polizeibeamter befragt worden, der im Rahmen eines Programms zur Minimierung der Rückfallgefahr von sexuellen Straftätern Markus K. gelegentlich besuchen und überwachen sollte. "Wir hatten immer ein schlechtes Gefühl", sagte der Beamte. Markus K. habe "immer nur erzählt, was wir hören wollten".

Das Opfer "kann jetzt Kind sein"

Dieser Beamte war es auch, der nach einem zudringlichen Versuch von Markus K., in einem Supermarkt einen Jungen anzusprechen, die "Gefährderansprache" hielt. Ohne Erfolg. Auf Nachfrage des Richters äußerte der Zeuge sich skeptisch, "ob der therapeutische Ansatz" zur Resozialisierung von sexuellen Straftätern bei der Polizei gut aufgehoben sei. Das Programm bezeichnete er als "nicht effektiv". Es fehle an Personal, zahlreiche Täter entzögen sich der Überwachung, würden wieder rückfällig.

Anwältin Katja Ravat, die das Opfer vertritt, berichtete von aggressiven Versuchen der Kontaktaufnahme mit ihrem Mandanten. Seitens der Presse, die seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort ermitteln will. Und seitens dubioser Kreise, die sich für eine Legalisierung der Pädophilie einsetzen.

Das Opfer, sagte Ravat auf Nachfrage am Rande des Prozesses, sei in Sicherheit und, den Umständen entsprechend, auf einem guten Weg: "Er kann jetzt Kind sein."

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