Mordprozess gegen Hussein K. "Ruhig, selbstbewusst, höflich"

Im Freiburger Mordprozess hat die Pflegemutter des Angeklagten ausgesagt. Ihr Schützling habe sich nach dem Mord nichts anmerken lassen. Das Gericht rätselt weiter über das Alter des Täters.

Hussein K. vor Gericht (Archiv)
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Hussein K. vor Gericht (Archiv)

Von , Freiburg


Es ist das erste Mal, dass S. ein Pflegekind aufnimmt. Die Dolmetscherin, verheiratet mit einem Arzt, lernt ihren Mündel kennen, als sie sich 2015 in der Flüchtlingskrise engagiert. Für eine Trägerorganisation begleitet sie unbegleitete Minderjährige, bei Behördengängen oder Besuchen beim Arzt. Hussein K. spricht Persisch wie sie, die Frau mit afghanischen Wurzeln.

Der junge Mann ist auf der Suche nach einer Bleibe. Ursprünglich sollte er in eine Wohngruppe mit anderen Flüchtlingen ziehen, doch den Platz bekommt schließlich ein anderer. "Wir haben ein großes Haus und eine Einliegerwohnung", erzählt S.

Also zieht K. im April 2016 aus einer Sammelunterkunft bei der Familie S. ein. Er bleibt dort bis zu seiner Verhaftung im Dezember. Er bewohnt gemeinsam mit einem anderen Flüchtling rund 70 Quadratmeter, eine Wohnküche, zwei Zimmer, ein eigenes Bad. Er bekommt, ausgezahlt in Raten, 400 Euro Taschengeld pro Monat, für Essen, Transport und Kleider. Seine Pflegemutter macht ihm zunächst die Wäsche, später wird eine Waschmaschine für die Einliegerwohnung angeschafft.

Der Kontakt zu den Pflegeeltern ist lose, gemeinsame Mahlzeiten sind rar. "Er wurde sehr schnell selbstständig", erzählt S. im großen Saal des Landgerichts Freiburg.

Dort gewinnt, am fünften Tag des Prozesses um den Sexualmord an der Dreisam, das Leben an Kontur, das der Angeklagte vor seiner Tat in Freiburg geführt hatte. Zum Auftakt des Strafverfahrens gestand der aus Afghanistan stammende Hussein K. bereits, im Oktober vergangenen Jahres die 19 Jahre alte Studentin Maria L. vom Fahrrad gerissen, vergewaltigt und getötet zu haben.

Alkohol und Drogen im Park

"Ruhig, selbstbewusst, höflich", sei Hussein gewesen, erzählt seine Pflegemutter. Ständig habe er Nachrichten auf seinem Handy erhalten, von seinen Freunden. "Das waren schon einige Jungs", erzählt die Mutter. "Er war selten alleine."

Die Clique trifft sich in der Stadt und im Park zum Trinken, gelegentlich konsumieren sie auch Drogen. Doch davon weiß die Pflegemutter nichts, vor Gericht erzählen K.s Gefährten vom gängigen Zeitvertreib. Die Pflegefamilie schreibt K. keine strengen Regeln vor, ganze Wochenenden übernachtet er auswärts bei seinen Kumpels.

Trauerbekundungen in Freiburg nach dem Mord an der Studentin Maria L.
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Trauerbekundungen in Freiburg nach dem Mord an der Studentin Maria L.

Ein Versäumnis? Die Vorsitzende Richterin stellt gegenüber der Pflegemutter klar: "Ich sehe bei Ihnen keine Anhaltspunkte, dass Sie sich in irgendeiner Form strafbar gemacht haben."

Manchmal sei Hussein morgens schwer aus dem Bett gekommen, er habe über Kopfschmerzen geklagt, berichtet die Pflegemutter. Sie habe ihm dann eine Entschuldigung für die Schule geschrieben. Dort galt er als guter Schüler, wie seine Klassenlehrerin vor Gericht aussagt: Intelligent, "mit einer schnellen Auffassungsgabe", auf dem Weg zum Hauptschulabschluss.

Hussein K. bekommt Schlafmittel verschrieben

Nachts schläft der junge Mann jedoch schlecht, er besucht einen Psychotherapeuten und bekommt ein Schlafmittel verschrieben. "Ich habe mir Sorgen gemacht, was mit ihm los ist", sagt S. Besonders häufig verschläft K. im November vergangenen Jahres, in den Tagen nach dem Verbrechen am 16. Oktober 2016.

Über das schreckliche Geschehen in der Nacht spricht S. bereits am folgenden Tag mit ihrem Schützling, nicht ahnend, dass er etwas damit zu tun haben könnte. Auf einer Autofahrt zum Einkaufen erzählt sie ihm, dass die Polizei am Tatort nach Spuren sucht und dass solche Taten häufig per DNA-Analyse aufgeklärt werden.

K. sagt nur: "Ich weiß nichts davon." Anschließend habe er äußerlich unbewegt den Einkauf mit erledigt. Zwei Tage nach dem Mord soll er laut seiner Pflegemutter sogar ein Lied auf einem öffentlichen Musikfest vorgetragen haben.

Auch weiter zurückliegende Teile seiner Biografie verschleiert K. gegenüber seinen Pflegeeltern. Warum er Griechisch verstehe und griechische Lieder singe? K. erzählt nicht, dass er länger in Griechenland gelebt hat, wo er wegen einer anderen Gewalttat schon einmal in Haft saß. Er gibt stattdessen an, dass er in Iran Griechisch gelernt habe.

"Das ist nicht mein richtiger Geburtstag"

Dort leben auch seine Mutter und seine Geschwister. Laut S. hält K. über Facetime Kontakt, häufig macht er sich Sorgen, spielt mit dem Gedanken zurückzugehen. Bei anderer Gelegenheit schmiedet er jedoch Pläne für eine Zukunft in Deutschland. Er will eine Schreinerlehre machen, einen Kiosk aufmachen oder Flugbegleiter werden. "Er hat so unterschiedliche Ideen gehabt", sagt die Pflegemutter.

Als sie fragt, ob er an dem Tag Geburtstag feiern wolle, den er bei seiner Einreise nach Deutschland als Geburtsdatum angegeben hat, sagt K.: "Das ist nicht mein richtiger Geburtstag." Sie habe sich nicht mit ihm über sein Alter unterhalten, so die Pflegemutter. Jedoch wisse sie aus ihrem Umgang mit unbegleiteten Minderjährigen: "Das Alter ist nie richtig. Entweder sie machen sich zu alt oder zu jung."

Von der Frage des Alters wird das Strafmaß für Hussein K. abhängen, Gutachter sollen es einschätzen helfen. Das Urteil soll noch vor Weihnachten fallen, insgesamt sind 45 Zeugen und zehn Sachverständige geladen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass K. mindestens 22 Jahre alt ist. Hingegen sagen Mitarbeiter des Jugendamtes aus, dass ihnen die angegebenen 16 Jahre plausibel erschienen seien: K. habe wenig Bartwuchs, der Adamsapfel sei kaum ausgebildet, die Gesichtszüge jugendlich weich.

K. habe ihr Briefe aus der Haft geschrieben, berichtet die Pflegemutter. "Er hat sich entschuldigt für das, was er getan hat. Dass er darüber traurig ist." Der Angeklagte verfolgt die eineinhalbstündige Aussage mit gesenktem Kopf. Die Pflegemutter verlässt den Saal, ohne K. noch einmal anzublicken.

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