Getötete Studentin in Freiburg Tatverdächtiger profitierte womöglich von Amnestie in Griechenland

Der Tatverdächtige im Fall der getöteten Studentin in Freiburg soll 2013 auf der griechischen Insel Korfu schon einmal eine Frau attackiert haben. Danach könnte er von einem Gesetz profitiert haben, das die frühzeitige Entlassung von jugendlichen Straftätern erlaubt.

Tatort in Freiburg
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Tatort in Freiburg

Von und , Athen und Stuttgart


Griechische Stellen haben dem SPIEGEL bestätigt, dass ein junger Mann mit dem Namen Hussein K. angeklagt und vor rund zwei Jahren verurteilt wurde. Vermutlich handelt es sich um den Flüchtling, der nun beschuldigt wird, im Oktober eine 19-Jährige vergewaltigt und ermordet zu haben. Nach Angaben aus griechischen Behörden hat sich die Tat auf Korfu am 26. Mai 2013 zugetragen, das Urteil erging am 12. Februar 2014.

Hussein K. soll eine Griechin beraubt und eine Steilküste hinabgestoßen haben. Die Frau überlebte schwerverletzt. Nach seiner Verurteilung zu zehn Jahren Haft soll Hussein K. in ein Jugendgefängnis in die Stadt Volos in Zentralgriechenland gekommen sein. Dort soll er allerdings schon im Oktober 2015 wieder entlassen worden sein mit der Auflage, sich regelmäßig zu melden. Der kam er aber nicht nach. Das griechische Justizministerium untersucht derzeit den Fall und plant eine offizielle Erklärung.

Hussein K. könnte von einem Gesetz mit der Nummer 4322 profitiert haben, welches die griechische Regierung im April 2015 erließ und das die vorzeitige Entlassung jugendlicher Straftäter bei guter Führung erlaubt. Voraussetzung ist, dass das Strafmaß der Jugendlichen zehn Jahre nicht übersteigt, mindestens ein halbes Jahr der Strafe muss abgesessen sein. Die Empfehlung spricht der jeweilige Leiter des Gefängnisses aus.

Altersangabe wirft Fragen auf

Das Gesetz wurde verabschiedet, um die überfüllten griechischen Gefängnisse zu entlasten. Es war bei seiner Verabschiedung in Griechenland umstritten, Kritiker wiesen auf Gefahren für die Allgemeinheit durch entlassene Straftäter hin.

Eftihis Fytrakis, Generalsekretär im griechischen Justizministerium, betont, dass Hussein K. als Minderjähriger auch nach früher geltendem Recht vorzeitig freigekommen wäre. Die anzurechnende Haftzeit zähle ab dem Zeitpunkt der Festnahme im Mai 2013, außerdem seien abgeleistete Arbeitstage im Gefängnis auf die Haftdauer anzurechnen. "Er war berechtigt zur Freilassung unter Auflagen", so Fytrakis. Andere europäische Länder hätten ähnliche Regelungen für minderjährige Insassen.

Die griechische Anwältin Maria-Eleni Nikopoulou, die Hussein K. verteidigt hatte, sagte dem SPIEGEL, ihr Mandant habe damals von dem Amnestiegesetz profitiert. Laut griechischen Stellen kommt es häufig vor, dass entlassene Straftäter mit Migrationshintergrund danach das Land verlassen.

Dieser Zeitablauf würde passen zu den dürren Daten, die in Deutschland bisher zur Einreise des Verdächtigen Hussein K. bekannt sind. Demnach reiste er im November 2015 nach Deutschland ein. Er gab zu diesem Zeitpunkt an, er sei am 12. November 1999 in Ghazni im Zentrum Afghanistan geboren worden.

Das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald übernahm für ihn die Vormundschaft. Im Februar 2016 stellte er einen Asylantrag, danach lebte Hussein K. in einer Gastfamilie.

Allerdings steht eine offizielle Bestätigung nach wie vor aus, dass es sich bei dem Freiburger Verdächtigen um dieselbe Person handelt wie bei dem in Griechenland verurteilten Straftäter. Nach einem Rechtshilfeersuchen aus Deutschland stehen die Behörden beider Länder in Kontakt.

"Neutral" und "unemotional"

Hussein K.s griechische Anwältin Nikopoulou meint, ihren Klienten auf Fotos aus sozialen Netzwerken erkannt zu haben, die ihr von deutschen Medien zugeschickt wurden. K. sei damals eher "neutral" und "unemotional" aufgetreten, angesichts der ihm vorgeworfenen Straftaten. Ihrem Ansinnen, dem Opfer aus dem Gefängnis heraus einen Brief mit Bitte um Vergebung zu schreiben, sei K. nicht nachgekommen. Damals habe K. erzählt, er stamme aus dem Iran und sei über Athen nach Korfu gekommen. "Es gab aber keine Familie oder jemanden, der sich für seinen Fall interessiert hätte", so Nikopoulou.

Der Beschuldigte hat bisher keine Angaben gemacht, über den Namen seines Rechtsanwalts gibt die Staatsanwaltschaft keine Auskunft. Die genaueren Umstände der Tat liegen nach wie vor im Dunkeln.

Die Ermittler haben ein medizinisches Gutachten in Auftrag gegeben, das klären soll, ob Hussein K. tatsächlich erst 17 Jahre alt ist. Mehr als 20 Prozent der im Jahr 2016 in Freiburg angekommenen unbegleiteten minderjährigen Ausländer wurden im Nachhinein als volljährig eingestuft.

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