Urteil im Staufener Missbrauchsprozess Schutzlos ausgeliefert

Ein Junge wird über Jahre missbraucht - von seiner Mutter, deren Partner und anderen Männern: Dafür muss das Paar lange ins Gefängnis. Das Gericht zeichnet die Dimension eines unerträglichen Falles nach.

Von , Freiburg


Am Tag der Urteilsverkündung verbergen Berrin T. und Christian L. ihre Gesichter nicht mehr vor den Fotografen, aber Berrin T. senkt den Kopf, so tief es geht. Im großen Saal des Landgerichts Freiburg sind fast alle Plätze besetzt. Ein leitender Ermittler ist gekommen, Verwandte der Angeklagten, ein bekannter Pädophilen-Lobbyist sitzt neben Anti-Missbrauchs-Aktivistinnen.

Der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin verkündet den Schuldspruch gegen die zwei Hauptangeklagten im Fall Staufen: zwölf Jahre Freiheitsstrafe plus Sicherungsverwahrung für Christian L., und zwölfeinhalb Jahre für die Mutter, wegen schweren sexuellen Missbrauchs, schwerer Vergewaltigung, schwerer Zwangsprostitution, Menschenhandel, sexueller Ausbeutung, Besitz und Herstellung von Kinderpornographie. Beide müssen ihren Opfern hohe Summen Schmerzensgeld zahlen.

An diesem Tag setzt die Kammer den Schlusspunkt unter den Verfahrenskomplex, einen der verstörendsten Fälle der vergangenen Jahre. Die alleinerziehende Mutter Berrin T., 48 Jahre alt, erwählt sich mit Christian L., 39 Jahre alt, ausgerechnet einen vorbestraften Missbrauchstäter zum Partner. Zwei Gerichte glaubten ihr, dass sie ihr Kind vor ihm schützen werde. In Wahrheit war sie längst an den Übergriffen beteiligt.

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Missbrauchsfall Staufen: Chronologie des Grauens

Selbst erfahrene Ermittler hatten sich über die Dimension des Falls erschüttert gezeigt: Die beiden gestanden, ein dreijähriges Mädchen missbraucht zu haben und dann den heute zehnjährigen Sohn von Berrin T. Mehr als zwei Jahre lang erniedrigten, quälten, vergewaltigten sie den Jungen. Sie boten ihn im Darknet an und überließen ihn mehreren Freiern zur Vergewaltigung. Einer zahlte Zehntausende Euro. Mehrere Männer, die das Kind missbrauchten oder auf andere Weise Teil des Netzwerks waren, wurden bereits in erster Instanz zu hohen Haftstrafen verurteilt (eine Chronologie des Falls sehen Sie hier).

Fast drei Stunden lang begründet Richter Bürgelin das Urteil, geht auf jede einzelne Tat ein: Wie Berrin T. die Dreijährige fesselte und sie ihrem Partner zur Vergewaltigung bereitlegte. Wie Christian L. auf Plattformen im Darknet als "Papa mit Sohn" auftrat. Wie er ein Netzwerk von Freiern organisierte. Wie die Mutter ihren Sohn auf die Vergewaltigung durch Christian L. vorbereitet, wie dieser den Jungen warnte: "Aber nicht, dass du schreien tust."

Jedes Detail zu sehen, "das man gar nicht so genau sehen will"

Bürgelin spricht vom Ekel und vom Weinen der Kinder, alles in Ton und Bild festgehalten von den Angeklagten. Die Clips verkaufte Christian L. oder er benutzte sie als Tauschware im Darknet. Bürgelin: "Es liegen viele Videos in sehr guter technischer Qualität vor, bei denen man jedes Detail sieht, das man gar nicht so genau sehen will."

Die Folgen für die Kinder seien schwer, sagt der Vorsitzende: Die damals Dreijährige zeige sexualisiertes Verhalten, der Junge leide unter Schlafstörungen, andere seelische Folgen sind nicht für die Ohren der Öffentlichkeit bestimmt.

Staatsanwältin Nikola Novak hatte dreizehneinhalb Jahre Freiheitsstrafe für Christian L., vierzehneinhalb Jahre für Berrin T. gefordert. "Lebenslang gibt es für solche Taten nicht", sagt Bürgelin. Und: "Uns ist bewusst, dass die Öffentlichkeit das Urteil als zu milde bewerten wird." Aber das Gericht muss auch berücksichtigen, was für die Angeklagten spricht, und das ist zumindest bei Christian L. nicht ganz wenig.

Hintergrund
Lebenslange Freiheitsstrafe

Die höchste Strafe, die ein Gericht in Deutschland verhängen kann. Bei Mord ist sie zwingend vorgeschrieben. Aber auch bei anderen besonders schlimmen Verbrechen, etwa Vergewaltigung mit Todesfolge, kann das Urteil „lebenslang“ lauten. Im strengen Wortsinn wird der Täter damit endgültig eingesperrt. Mit Blick auf die Menschenwürde muss er aber eine konkrete Chance haben, später wieder freizukommen. Die lebenslange Freiheitsstrafe kann daher nach frühestens 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. Der Täter kommt aber nur frei, wenn man ihn dann als nicht mehr gefährlich ansieht. Dafür wird ein Gutachter hinzugezogen und das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung berücksichtigt.

Besondere Schwere der Schuld

Die vorzeitige Entlassung auf Bewährung nach 15 Jahren scheidet in der Regel aus, wenn das Gericht im Urteil die „besondere Schwere der Schuld“ festgestellt hat. Die Richter müssen hierzu Tat und Persönlichkeit des Täters würdigen. Sie prüfen, ob Umstände vorliegen, die das Aussetzen der lebenslangen Freiheitsstrafe nach 15 Jahren unangemessen erscheinen lassen. Das können etwa ein besonders brutales Vorgehen, sadistische Motive des Täters oder die Ermordung mehrerer Menschen durch eine Tat sein. Wird die besonders schwere Schuld festgestellt, muss die Strafvollstreckungskammer nach 15 Jahren die weitere Mindesthaftdauer festlegen. Auch in diesem Fall kommt der Verurteilte erst dann frei, wenn er nicht mehr als gefährlich gilt - vorausgesetzt, er selbst will freikommen.

Sicherungsverwahrung

Unter bestimmten Voraussetzungen kann das Gericht neben einer Freiheitsstrafe anschließende Sicherungsverwahrung anordnen. Sie kommt sowohl bei lebenslangem als auch bei kürzerem Freiheitsentzug in Betracht. Dies dient allein dem Schutz der Allgemeinheit vor gefährlichen Tätern. Sicherungsverwahrte müssen getrennt von den Gefangenen untergebracht werden. Sie haben bessere Alltagsbedingungen und werden intensiv betreut. Es wird regelmäßig geprüft, ob die Unterbringung noch erforderlich ist.

Die Anordnung der Sicherungsverwahrung neben einer lebenslangen Freiheitsstrafe wirkt eigentlich überflüssig. Denn solange der Täter gefährlich ist, muss er im Gefängnis bleiben. Und ist er nicht mehr gefährlich, kommt er nicht in Sicherungsverwahrung, sondern nach frühestens 15 Jahren auf Bewährung frei. Die Entscheidung ist trotzdem nicht sinnlos: Dem Täter muss dann schon im Gefängnis eine umfassende therapeutische Betreuung angeboten werden. Außerdem kann er nach seiner möglichen Entlassung länger und intensiver überwacht werden.

Sonderfall bei Heranwachsenden

Wer bei einer Straftat schon volljährig, aber noch nicht 21 Jahre alt war, muss sich als sogenannter Heranwachsender in einem Jugendstrafverfahren verantworten. Stellt das Gericht fest, dass der Täter in seiner Entwicklung einem Jugendlichen gleichstand, kann es höchstens zehn Jahre Jugendstrafe verhängen, bei einem Mord und besonders schwerer Schuld bis zu 15 Jahre. Wenn die Richter keine Reifeverzögerung sehen, wenden sie normales Erwachsenenstrafrecht an. Selbst dann dürfen sie den Täter bei Mord statt zu lebenslanger Freiheitsstrafe zu zehn bis fünfzehn Jahren verurteilen. Sicherungsverwahrung darf bei Heranwachsenden nicht neben der Strafe angeordnet werden, dass Gericht darf sich diese lediglich „vorbehalten“. Die eigentliche Entscheidung wird dann erst kurz vor Ende des Strafvollzugs getroffen.

Er selbst hat sich im Verfahren als "Haupttäter" bezeichnet, half maßgeblich bei der Aufklärung, führte Ermittler an Tatorte, belastete andere Mittäter. Festnahmen und weitere Ermittlungen waren möglich, weil Christian L. redete. "Er hat sich selbst dabei nicht geschont", sagt Bürgelin. "Für ihn gilt die Kronzeugenregelung."

Laut Gutachten sei Christian L. zudem pädophil, "ein anerkannter Strafmilderungsgrund", erklärt der Vorsitzende. Auch L. selbst scheint sich diese Störung mittlerweile einzugestehen, zumindest habe er für sich selbst die Sicherungsverwahrung gefordert, "das ist ein erster Schritt zur Therapie". Ein sehr ungewöhnlicher; Missbrauchstäter neigten oft zur Verleugnung. Nicht nur das Gericht, auch Ermittler halten seinen Wunsch nach Abkehr vom pädokriminellen Leben für authentisch. Christian L., nach eigenen Angaben als Kind selbst missbraucht, schaut den Richter an, er nickt. Er wird sich wenig Illusionen über seine Strafe gemacht haben.

"Sie ist fordernd und bestimmt aufgetreten"

Für das größte Entsetzen hatte in der Öffentlichkeit jedoch Berrin T.s Rolle gesorgt: Eine Mutter, die ihr eigenes Kind missbraucht. Berrin T.s Verteidiger hatte argumentiert, ohne ihren Partner würde sie nicht auf der Anklagebank sitzen. Aber das lässt die Kammer nicht gelten: "Umgekehrt würde er ohne Sie auch nicht auf der Anklagebank sitzen", sagt der Vorsitzende zu Berrin T. Andererseits sei Berrin T. Ersttäterin. Nichts, hatte der forensische Psychiater gesagt, deute darauf hin, dass sie ähnliche Taten beging, bevor sie auf Christian L. traf.

Bei der Polizei und vor Gericht hat sie nur spärliche Angaben gemacht. Bürgelin referiert: Berrin T. wuchs ohne Eltern auf. Drei Monate nach der Geburt ihres Sohnes starb dessen leiblicher Vater. Berrin T. sei emotional abhängig von Christian L. gewesen. Laut Gutachter hat sie eine Lernbehinderung, ihr Verständnis von Normen ist unterentwickelt. "Aber sie hat sämtliche professionelle Stellen getäuscht", sagt Bürgelin. "Sie ist fordernd und bestimmt aufgetreten" - und ließ alle glauben, sie werde das Kind schützen. Nun gibt es keinen Kontakt mehr zu ihrem Kind, für lange Zeit nicht, vielleicht nie mehr.

Aber was bewegte sie zu ihren Taten? "Zunächst ging es ihr darum, die Beziehung zu halten", sagt Bürgelin - eine Beziehung allerdings, in der Sexualität zwischen den Erwachsenen so gut wie gar nicht vorkam. "Es bleibt offen, ob pädophile Neigungen vorhanden sind oder ob sie es nur dem Herrn L. zuliebe gemacht hat."

Keine Reue, kein Bedauern

Später sei es der verschuldeten Berrin T. auch um Geld gegangen. Die Mutter habe ausgenutzt, dass der Junge an ihr hing: "Er hatte keinen häuslichen Schutzraum. Eine echte Wahlmöglichkeit hatte er auch nicht." Die beiden drohten ihm, er käme ins Heim, wenn er sich offenbaren würde.

Der Vorsitzende kommt in seiner Begründung auf ein bestimmtes Video zurück, Berrin T. traktiert den Jungen darin mit einem Dildo, das Kind schreit sekundenlang vor Schmerz auf. "Das war die heftigste Tat", sagt Bürgelin. "Von allen beteiligten Tätern haben Sie die höchste Strafe bekommen, weil Sie dem Jungen die meisten Schmerzen zugefügt haben."

Zu all dem hat Berrin T. im Laufe des Verfahrens geschwiegen. Kein Versuch, sich zu erklären, kein Wort über ihre Empfindungen dem Kind gegenüber, keine Reue, kein Bedauern.

Wie so oft in diesem Verfahren hält Berrin T. ihren Blick jetzt fest auf die Tischplatte geheftet, bis zum Ende der Urteilsverkündung schaut sie den Richter nicht an. Aber ihr Verteidiger meldet sich für sie zu Wort: Berrin T. nehme die Strafe an. "Meine Mandantin übernimmt die ganze Verantwortung. Sie will damit ein Zeichen setzen für ihren Sohn." Der solle wissen: "Meine Mutter steht zur Tat."

Der Vorsitzende fragt: "Ist das Ihre Erklärung, Frau T.?" Berrin T. schaut kurz auf und sagt kaum hörbar ein Wort: "Ja."

Nach Verhandlungsende warten Reporter auf die Staatsanwältin. Sie wollen wissen, ob ihr die Strafen nicht zu niedrig seien. Nein, sagt Anklägerin Novak, im Gegenteil, es sei ein guter Tag für den Rechtsstaat: "In dem Verfahren konnten alle Beteiligten ihr Gesicht wahren. Wir gehen auseinander und können uns gegenseitig in die Augen sehen. Das erlebt man mit solchen Angeklagten nicht alle Tage."

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