Urteil zu Selbstjustiz nach Vergewaltigung Der hohe Preis der Rache

Vater und Sohn werden zu Mördern, weil sie eine Vergewaltigung rächen wollen: Das Landgericht Freiburg hat in dem Fall harte Urteile gefällt - als Signal gegen Selbstjustiz.

Verurteilter Moustapha Y. in Handschellen: "Die deutsche Polizei macht nichts, wir haben es selbst geregelt"
DPA

Verurteilter Moustapha Y. in Handschellen: "Die deutsche Polizei macht nichts, wir haben es selbst geregelt"

Von , Freiburg


Akram Y. steht auf dem Flur des Landgerichts Freiburg. Soeben hat er den Saal IV verlassen, in dem er und sein Vater Moustapha Y. wegen Mordes verurteilt wurden. Sie haben Patrick H. umgebracht, den mutmaßlichen Vergewaltiger von Akrams Schwester und Moustaphas Tochter.

Nun, auf dem Flur, sieht Akram Y. durch eine abgeschlossene Glastür eine seiner beiden anderen Schwestern. Er streckt ihr hilflos seine gefesselten Hände hin; sie weint, trommelt mit ihren Fäusten gegen die Scheibe, schreit, ihre Worte gehen in ihrem Schluchzen unter. Nur gestützt von Freunden schafft sie es, ins Erdgeschoss des Gerichtsgebäudes zu gehen. Dort fällt sie ihrem Vater Moustapha Y. in die Arme, von Weinkrämpfen geschüttelt.

Das Schluchzen der jungen Frau war schon zu hören, als Stefan Bürgelin, Vorsitzender der Großen Jugendkammer, das Strafmaß für den Mord an Patrick H., 27, verkündete:

  • acht Jahre Jugendstrafe für Akram Y., zur Tatzeit 17,
  • lebenslange Freiheitsstrafe für Moustapha Y.,
  • fünf Jahre Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge für Akrams Freund Timo P., der das Opfer festhielt,
  • zwei Jahre auf Bewährung nach Jugendstrafrecht für P.s Bekannten Duncan S., der den Kontakt zwischen Tätern und Opfer hergestellt hatte.

Bei Vater und Sohn erkannte die Kammer das Mordmerkmal der Heimtücke, bei Moustapha Y. zudem niedere Beweggründe.

Der mutmaßliche sexuelle Übergriff verletzte nach Ansicht von Vater und Sohn Y. die Familienehre. Und sie trauten offensichtlich weder Polizei noch Justiz zu, die Tat aufzuklären und den Täter zu bestrafen. Deshalb erregte der Fall so viel Aufsehen. "In der Familie wurde Gewalt nicht nur als Option, sondern als Lösung gesehen", sagte Richter Bürgelin. Selbstjustiz sei aber in einer zivilisierten Gesellschaft tabu: "Gewalt erzeugt Gegengewalt, und in solch einer Gesellschaft will niemand leben."

Die Geschichte begann am 12. Juni 2014. An dem Tag soll Patrick H. eine von Moustapha Y.s drei Töchtern vergewaltigt haben. Ermittler glaubten den Schilderungen der Frau, sofort erging Haftbefehl gegen Patrick H. Juristisch geklärt wird der Fall allerdings nie - gegen Tote wird nicht ermittelt.

Dem Gericht zufolge äußerten Vater und Sohn mehrfach Rachegedanken. Moustapha Y. sagte demnach, in seiner Heimat Libanon würde jemand, der der Tochter so etwas antue, getötet. Bei einer Tatortbegehung sagte er zu Angehörigen: "Wir regeln das" - und deutete dabei gestisch an, eine Kehle durchzuschneiden.

Als Akram Y. - vom Vater zurückgerufen aus einem Urlaub in Venedig - die Verletzungen seiner Schwester erblickte, beschloss er laut Bürgelin, "den Täter zu suchen und ihn als Vergeltung für die Vergewaltigung seiner Schwester zu töten".

23 Messerstiche

Akram weihte Timo P. in seinen Plan ein. Über dessen Bekannten Duncan S. machten sie Patrick H. ausfindig. Unter dem Vorwand, einen Rauschgiftdeal abzuwickeln, vereinbarte S. mit H. für den 18. Juni 2014 ein Treffen auf einem Pendlerparkplatz bei Neuenburg im Markgräflerland, rund hundert Meter vom Grenzübergang Neuenburg - Chalampé entfernt.

"Ein klassischer Hinterhalt", sagte Richter Bürgelin. Akram Y. habe geplant, den Angriff auf H. ungehindert ausführen zu können. Das Opfer wiederum habe keinerlei Anlass gehabt, mit einer Attacke zu rechnen. Moustapha Y. wurde erst kurz vor der Tat informiert und eilte zum Parkplatz. "Der Vater hat Pech gehabt. Er ist im letzten Moment dazugekommen und hat dann falsch reagiert - er hat die Tat gebilligt", sagte Oberstaatsanwalt Eckart Berger.

Timo P. hielt Patrick H. fest, damit Akram und Moustapha Y. diesen ungehindert angreifen konnten. Vater und Sohn traktierten H. mit Schlagstock und Elektroschocker, Akram S. stach mit einem Messer auf das Opfer ein.

Angeklagter Duncan S.: Kontakt zwischen Täter und Opfer hergestellt
DPA

Angeklagter Duncan S.: Kontakt zwischen Täter und Opfer hergestellt

Duncan S. floh früh angesichts der Eskalation. Und das Gericht zeigte sich überzeugt, dass Timo P. davon ausgegangen war, H. solle nur eine Abreibung verpasst bekommen. "Als er die Messerstiche bemerkte, ergriff der die Flucht", sagte Richter Bürgelin.

Patrick H. versuchte zu entkommen, als Timo P. ihn losließ. Doch Akram Y. holte ihn bald ein und versetzte ihm weitere Stiche, insgesamt stellten Gerichtsmediziner 23 fest, getroffen wurden Lunge, Hals, Herz. Das Opfer verblutete auf dem Grünstreifen neben der Bundesstraße 378.

"Wir haben es selbst geregelt"

Kurz darauf verständigten P.s Familie und Moustapha Y. die Polizei. Der Vater sagte nach der Tat laut Bürgelin, er sei stolz auf seinen Sohn. "Die deutsche Polizei macht nichts, wir haben es selbst geregelt."

Tatsächlich hatte die Familie Patrick H. schneller als die Polizei ausfindig gemacht. Das führte zu Kritik an den Ermittlern: Warum hatten sie nicht öffentlich gefahndet? Sie verteidigten sich mit dem Hinweis, sie hätten das Missbrauchsopfer schonen und den flüchtigen Tatverdächtigen, der keinen festen Wohnsitz gehabt habe, nicht aus der Region vertreiben wollen.

Nach Ansicht des Gerichts handelte Akram Y. wie besessen vom Wunsch nach Rache. "Er wollte die Ehre der Familie wiederherstellen", sagte Bürgelin. Hier hätte der Vater "die Aufgabe gehabt, den Sohn zur Vernunft zu bringen". Das könne man von einem fast 50-Jährigen erwarten. Moustapha Y. "hätte die Tat verhindern müssen und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch verhindern können".

Das sieht Moustaphas Anwalt Klaus Malek anders. Er werde in Revision gehen, sagte er. "Der Vater hätte die Tat nicht verhindern können." Moustapha Y. habe nur zufällig zum Tatort kommen können, weil er die Arbeit früher verlassen habe - "bis dahin haben wir nichts, was gegen meinen Mandanten spricht".

Verurteilter Sohn fühlt sich gegenüber Vater schuldig

Auch Akram Y.s Anwalt Sebastian Glathe will das Urteil anfechten - sein Mandant habe nicht heimtückisch gehandelt, sagte der Verteidiger. Es gebe zudem keinerlei kulturellen Hintergrund der Tat. "Ein 17-Jähriger, dessen Schwester vergewaltigt wurde, hat so gehandelt, wie ein 17-Jähriger auch hier handeln würde."

Fest steht: Akram und Moustapha Y. wollten Rache - und übten sie aus. Für alles danach war in ihrer Gedankenwelt kein Platz. Anwalt Glathe sagte, sein Mandant sei in nackter Panik, was seiner Familie drohe. Das Leiden der Schwester habe Akram erschüttert, der 18-Jährige habe zudem unglaubliche Schuldgefühle, seinen Vater reingeritten zu haben.

Jetzt, wo sich die Folgen des Mordes - die langen Haftstrafen, die Tränen der Schwester und Tochter - so unmittelbar zeigen, werden sich Moustapha und Akram Y. fragen müssen: Was haben wir Patrick H.s Familie angetan? Und was unserer eigenen?

Der Autor bei Twitter:



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.