Angeklagter im Fall Maria L. "Es gab Jungs, die waren schlechter als ich"

Die Studentin Maria L. wurde vergewaltigt und getötet. Beim Prozessauftakt in Freiburg spricht der Angeklagte Hussein K. über seine Flucht nach Deutschland und das Leben, das er seiner Pflegefamilie verheimlichte.

Von , Freiburg


Auf der Anklagebank sitzt ein Mann, jung, dicklich, hängende Augenlider, die dunklen Haare auffällig frisiert. Ein Mann, der in diesem Moment gar nicht in Deutschland sein dürfte. Ein Mann, der in Griechenland aus dem Gefängnis entlassen wurde, Auflagen ignorierte, untertauchte und als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Freiburg floh.

Der Mann heißt Hussein K. und ist angeklagt wegen Mordes. Er wird nach jeder Pause in Handschellen in den Sitzungssaal IV des Landgerichts Freiburg geführt, an den Füßen rasseln schwere Fußfesseln. Letztere werden ihm nicht abgenommen. Er hält den Kopf gesenkt.

Staatsanwalt Eckart Berger trägt die Anklage mit wenigen Worten vor: Hussein K. soll in der Nacht des 16. Oktober 2016 die Medizinstudentin Maria L. auf dem Nachhauseweg überfallen und getötet haben. Er soll die 19-Jährige am Uferweg des Flusses Dreisam vom Fahrrad gerissen, ihr den Mund zugehalten, sie gewürgt haben. Er soll ihr die Kleider über den Kopf gezogen, sie gebissen und vergewaltigt haben.

"Spätestens im Verlauf der Misshandlungen verlor sie das Bewusstsein", sagt Berger. Der Täter zerrte Maria L. zur Dreisam, Mund und Nase unter Wasser. "Sie starb durch Ertrinken, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben", sagt Berger. Hussein K. soll sein Opfer "heimtückisch" und "zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs" getötet haben. Einen Antrag auf Sicherungsverwahrung schließt der Staatsanwalt nicht aus.

Die Rufe auf der Straße sind inzwischen verstummt. Noch Minuten zuvor skandierten Demonstranten: "Rassisten vertreiben!" und "AfD-Rassisten-Pack!" Die Parolen galten einer Handvoll AfD-Anhängern, die den Prozess gegen Hussein K. zum Anlass nehmen, Wahlkampf zu betreiben. Bereits nach K.s Festnahme im Dezember vergangenen Jahres hatten rechte Populisten versucht, den Fall zu instrumentalisieren.

Andrang vor dem Freiburger Landgericht
AFP

Andrang vor dem Freiburger Landgericht

Mit zwölf Jahren Heroin probiert

Hussein K. will an diesem ersten Hauptverhandlungstag überraschend aussagen. Sein Verteidiger Sebastian Glathe beantragt den Ausschluss der Öffentlichkeit, es gehe um die Sexualsphäre, den Intimbereich und den Glauben seines Mandanten. Die 6. Große Strafkammer genehmigt den Ausschluss nur für schutzwürdige Themen in Hussein K.s Leben: Wenn es um seine Sexualbiografie und seinen Besuch auf einer Koranschule in Afghanistan geht.

Der Angeklagte beschreibt in knapp drei Stunden sein Leben im Zeitraffer: Wie er in einem Dorf nahe Ghazni in Afghanistan aufwuchs, mit zwei Brüdern und einer Schwester. Der Vater war Bauer, weil das Geld nicht für die Familie reichte, ging er zum staatlichen Militär, kämpfte gegen die Taliban. "Er starb 2010 den Märtyrer-Tod", lässt Hussein K. den Dolmetscher übersetzen. Ein einziges Mal habe der Vater den Söhnen ein Geschenk gemacht: einen Tisch-Kicker. Ansonsten habe der Vater versucht, seine Schmerzen täglich mit Opium zu lindern. Vielleicht probierte Hussein K. auch deshalb bereits mit neun Jahren Marihuana, mit zwölf Heroin.

Hussein K. sagt, er sei fünf Jahre zur Schule gegangen, zwei bis drei Stunden am Tag. Sein jüngerer Bruder habe gestohlen, Dorfbewohner hätten ihm die Zehennägel herausgezogen - zur Strafe. Er selbst hatte mehr Glück: Er bekam nur den Spitznamen "Kapi" verpasst: Dieb. Er habe seine eigenen Eltern beklaut. Er wollte das besitzen, was die anderen Jungen in seinem Alter besaßen, das Gleiche essen, das Gleiche anziehen. "Ich wollte mir immer gute Sachen kaufen", sagt Hussein K.

Nach dem Tod des Vaters sammelte er Plastik, Glas und Aluminium, das er verkaufte. Er wollte nicht, dass seine Mutter arbeiten muss, wie er sagt. "Sie ist die Wertvollste von allen."

Gastarbeiter in Iran

Hussein K. ging nach Iran zum älteren Bruder, arbeitete dort in einer Metallbau-Fabrik; gegen die Rückenschmerzen nahm er Schmerztabletten, sechs, sieben Stück pro Tag. Sein Bruder meinte, er sei abhängig, er solle nach Europa.

"Wenn man außerhalb von Europa lebt", sagt Hussein K. vor Gericht, "dann wird einem ständig gesagt, in Europa könne man alles erreichen, alles haben. Aber wenn man hier ist, ist es genauso wie in der Heimat - nur ohne Krieg."

Hussein K. reiste in die Türkei, erst nach Bodrum, dann nach Istanbul. Seine Familie sammelte für ihn 1500 Dollar: In einem sechs Meter langen Boot mit 34 weiteren Personen kam er nach Griechenland, erst nach Athen, dann nach Korfu. Dort lebte er in Bauruinen, bekam Essen von der Kirche, bettelte, jobbte, klaute. Am Ende aß er aus Mülleimern.

Dann ereignete sich etwas, worüber Hussein K. an diesem Verhandlungstag noch nicht reden will: Im Jahr 2013 stieß er auf Korfu eine Studentin von Klippen hinunter, die Frau überlebte schwer verletzt. Ein griechisches Gericht verurteilte ihn wegen versuchten Totschlags zu zehn Jahren Haft, entließ ihn aber vorzeitig wegen guter Führung.

Hussein K. hielt sich nicht an die Auflagen, er floh über Mazedonien, Tschechien und Österreich nach Deutschland, wo er im November 2015 ankam. Eigentlich habe er nach Schweden gewollt, sagt er nun vor Gericht. Warum, will Anwalt Bernhard Kramer wissen. Er vertritt Maria L.s Eltern vor Gericht, sie sind Nebenkläger. Hussein K. windet sich. Schweden sei sein Ziel gewesen, mehr will er dazu nicht sagen.

Doch Hussein K. kam in einem Camp in Münstertal im Schwarzwald unter. Dann nahm ihn eine Pflegefamilie in Freiburg auf, überließ ihm die unterste Etage ihres Hauses. Er bekam einen Haustürschlüssel und 400 Euro im Monat. Manchmal traf man sich zum gemeinsamen Essen. "Dort ging es mir sehr gut", sagt Hussein K. vor Gericht. Die Pflegeeltern nahmen sogar seinen Freund auf, auch er bekam Geld.

"Ich war besser als die"

Die beiden gingen in die Schule, um Deutsch, Englisch und den Umgang mit Computern zu lernen. Die restliche Zeit und auch die Schulpausen vertrieb sich Hussein K. mit Haschisch rauchen und Wodka trinken, manchmal gab es auch Wein oder Bier, zweimal die Woche Heroin. "Das war unser Leben. Es gab Jungs, die waren schlechter als ich", sagt Hussein K. "Ich war besser als die."

Die Jungs, sein Freundeskreis in Deutschland, hatte Hussein K. nicht an der Schule kennengelernt, nicht im Flüchtlingscamp, sondern im Park und auf den Straßen Freiburgs, wie er sagt. In dem Park, in dem er sich zehn Gramm Marihuana für 60, 70 Euro kaufte. Seine Pflegefamilie habe von seinem geheimen Leben nichts mitbekommen, sagt er. Der Staatsanwalt hakt nach: "Der Vater ist Kinderarzt." Nein, der Familie sei nichts aufgefallen, sagt Hussein K.

Angeklagter Hussein K.
DPA

Angeklagter Hussein K.

Immer wieder ist an diesem ersten Verhandlungstag das Alter des Angeklagten Thema. Hussein K. kam ohne Papiere nach Deutschland. Vor Gericht gibt er zu, bei seiner Ankunft die Unwahrheit gesagt zu haben. Er sei damals 18 Jahre alt gewesen, habe sich aber zwei Jahre jünger gemacht, um als minderjährig zu gelten. "Ich wollte eine Schule besuchen. Unter 18 ist die Situation in Deutschland besser."

Mehrfach verstrickt sich Hussein K. in Widersprüche, was sein Alter angeht. Es ist entscheidend für das spätere Strafmaß: K. ist vor der Jugendkammer angeklagt, er kann jedoch auch nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. Zwei Sachverständige sind geladen, die zu seinem Alter ein Gutachten erstatten werden.

Kurz nach 15 Uhr verkündet Hussein K., er könne heute doch nicht mehr zu den Tatvorwürfen Stellung nehmen, wie es geplant war. Er sei müde. Was sich in jener Nacht im vergangenen Oktober ereignete, will er am kommenden Montag schildern.

An einer Stelle fragt die Vorsitzende Richterin Hussein K. noch nach dem Vornamen seiner Eltern. Seine Mutter, sagt Hussein K., heiße Mariam. "Sie können Maria schreiben."



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.