Missbrauchsfall im Breisgau "Das ist ein starker Mann, mit dem darfst du nicht in Konflikt kommen"

Berrin T. und ihr Freund Christian L. sollen einen Neunjährigen missbraucht und für Vergewaltigungen angeboten haben. Nachbarn und Anwohner sind fassungslos. Der Vermieter führt durch die Wohnung des Paares.

Blick auf Staufen (Archivbild)
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Blick auf Staufen (Archivbild)

Aus Staufen berichtet


Die Villa von Dietrich Henninges, 81, ist südlich von Freiburg an einen Schwarzwaldhang gebaut. Bei gutem Wetter kann man aus dem Wohnzimmer an der Burgruine von Staufen vorbei über die Rheinebene hinweg bis nach Frankreich schauen. Auch aus den Fenstern der Einliegerwohnung im Souterrain hat man einen idyllischen Blick. Kehrt man der Aussicht den Rücken, ist es ein eher düsteres Apartment. Auch ohne das Wissen, welches Grauen hier zu Hause war.

Henninges schließt auf, wir betreten die Wohnung durch eine Eisentür, am Heizkeller vorbei. Niedrige Decken, offene Rohre und Kabel. Ein schmaler Gang öffnet sich links zu einer winzigen Küche, ohne Platz für einen Tisch, sowie das Badezimmer. Rechterhand geht es in ein Kinderzimmer, das zugleich Durchgangsraum ist zum eigentlichen Wohnzimmer. Dort thront auf der Kommode einer dieser gigantischen Flachbildfernseher, für dessen Preis man wohl auch einen gepflegten Gebrauchtwagen bekommen würde.

"Den Fernseher habe ich einbehalten und für die Nachmieter hier stehen lassen", sagt Henninges: "Die Frau hat ja noch Schulden bei mir."

"Die Frau". Gemeint ist Berrin T., die seit September in Untersuchungshaft sitzt, weil sie gemeinsam mit ihrem Freund Christian L. ihren Sohn missbraucht und im Internet für Vergewaltigungen angeboten haben soll.

Für ein halbes Jahr hat der pensionierte Internist Henninges die Wohnung an Berrin T. vermietet, 50 Quadratmeter, voll möbliert, für 560 Euro im Monat: "Ich wollte die Wohnungsnot mindern, ich habe damit nur einen Gewinn von etwa 50 Euro gemacht. Für Studenten ist das hier zu abgelegen. Aber eine alleinerziehende Mutter mit Sohn? Das wollte ich gern unterstützen."

Die 47-Jährige habe ihm erzählt, sie befinde sich in einer Weiterbildung. "Stimmte natürlich nicht, die war arbeitslos und faul und hat nichts gemacht. Das habe ich aber erst später erfahren." Aufgefallen sei ihm mit der Zeit dann doch, welche Luxusgüter Berrin T. sich anschaffte. Hifi, "diese Spielcomputer", Klamotten, der Fernseher. "Heute weiß ich, wer das alles erwirtschaftet hat", sagt er und fährt mit dem Finger über die Kante des Bildschirms. Ein brutaler Satz. Es ist Henninges' abgeklärte Art, mit dem Fall umzugehen.

Auch wenn der Hausherr einen direkten Zugang zur Wohnung hat, verstellt nur durch einen Schuhschrank vor einer blickdichten Tür, will er von den Vorgängen nichts mitbekommen haben. Im Gegenteil. Still sei es gewesen, kein lautes Wort gefallen.

Video: Christian L.s Mutter und Schwester im SPIEGEL-TV-Interview

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Sorgen habe ihm allerdings Christian L. bereitet, der Lebensgefährte seiner Untermieterin. Offiziell war er noch im Nachbarort Münstertal gemeldet, Kontakt zu Minderjährigen war dem einschlägig Vorbestraften gerichtlich untersagt. Inoffiziell war Christian L. längst bei Berrin T. eingezogen. "Den sah ich immer nur, wenn er zum Telefonieren und Rauchen vor die Tür ging. Habe nur gedacht: Das ist ein starker Mann, mit dem darfst du nicht in Konflikt kommen!"

Deshalb wendete sich Henninges gleich an die Behörden. Denn vermietet hatte er an eine Frau mit Kind: "Es war nicht vereinbart, dass da noch ein Mann mit einzieht - und auch noch seinen Hund mitbringt!" Als erstmals Polizeibeamte ihn besuchten, hätten sie ihn ungläubig gefragt: "Der ist doch nicht den ganzen Tag da?"

Neben Berrin T. und Christian L. sitzen fünf Männer in U-Haft, die für den Missbrauch des Jungen bezahlt haben sollen. Laut Ermittlern fanden die Taten an verschiedenen Orten in der Region statt. Fremde seien ihm bei der Wohnung nicht aufgefallen, sagt Vermieter Henninges.

Festplatte im See gefunden

Nur 7800 Menschen leben in Staufen. Es ist ein lieblicher Flecken, rund um den Burgberg wird Wein angebaut, Fachwerk, alte Winzerhöfe, aber auch Neubaugebiete am Hang mit Häusern, die komplett auf die Sonne ausgerichtet sind, in den Vorgärten flattert immer mal wieder eine "Atomkraft? Nein danke!"-Fahne.

Am adretten Bahnhof liegt der Stadtsee, etwa so groß wie ein Fußballplatz, nicht sonderlich tief. Am 25. November 2017 machten sich Polizeitaucher daran, das Gewässer abzusuchen. Bei der Sichtung der Wohnung war aufgefallen, dass an einem Computer von Christian L. eine Festplatte fehlte. Und es gab Grund zur Annahme, dass der Verdächtige ein entscheidendes Beweismittel im See versenkt haben könnte.

In Sichtweite zum Wasser liegt eine Bäckerei, eine Kundin will damals dabei gewesen sein: "Das war schon auffällig, die viele Polizei!" Als die Taucher im Schlick nichts fanden, wurde kurzerhand das Wasser abgelassen und der Grund mit Rechen durchsucht. Nach zehn Minuten war die Festplatte gefunden und gesichert.

Von Staufen nach Münstertal sind es mit der Bahn nur wenige Minuten. Ein älteres Ehepaar im Zug hat von der Sache gehört, "ganz schlimm, was das auch für die Leute bedeutet, die hier leben". Man kenne sich dort, und "der Christian war doch ein Münstertaler", kein Zugezogener. "Der war doch in allen Vereinen, die's da gibt." Wer ihn kannte, habe auch seine Neigungen gekannt. Schließlich hatten sich seine Verurteilungen in früheren Fällen herumgesprochen: "Aber dass einer zu so was fähig ist."

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