Freispruch für Harry Wörz: Lebenslänglich Justizopfer

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13 Jahre lang hat Harry Wörz beteuert: Er hat nicht versucht, seine Frau zu töten - doch immer wieder musste er sich vor Gericht rechtfertigen. Nun hat der Bundesgerichtshof seinen Freispruch endgültig bestätigt. Ein Trost ist das für den 44-Jährigen nicht.

Harry Wörz: Der lange Kampf um Gerechtigkeit Fotos
dpa

Karlsruhe - In den vergangenen Wochen ging es Harry Wörz nicht gut. Körperlich verfiel er, hatte keine Kraft mehr zum arbeiten und um ein normales Leben zu führen. Jede Hoffnung auf eine gute Zukunft war ihm längst abhanden gekommen. Die wenigen Menschen, die sich seiner noch annahmen, wussten ihm kaum zu helfen.

Nun ist der spektakuläre Kriminalfall Harry Wörz abgeschlossen. Der Bundesgerichtshof (BGH) bestätigte in letzter Instanz einen Freispruch des heute 44-Jährigen, der 13 Jahre lang der versuchten Tötung an seiner Frau verdächtigt wurde.

Der 1966 geborene Harry Wörz, gelernter Bauzeichner, ist dabei vom Räderwerk der Justiz zermalmt worden. Daran ändert jetzt auch der gewiss erfreuliche endgültige Abschluss der Ermittlungen und Gerichtsverfahren gegen ihn, das definitive Ende jedes Verdachts, mit dem er seit 1997 immer und immer wieder überzogen wurde, nichts mehr: Der Bundesgerichtshof hat an diesem Mittwoch den überzeugenden und überfälligen Freispruch des Landgerichts Mannheim vom Oktober 2009 bestätigt, die Revisionsbegehren der Mannheimer Staatsanwaltschaft und der Nebenklägerin zurückgewiesen. Doch was mit einem Menschen geschieht, der der Justiz zum Opfer fällt, ist Wörz im Gesicht abzulesen.

Ausgangspunkt dieser Odyssee eines Unschuldigen ist die Nacht vom 28. auf den 29. April 1997. Wörz lebt zu dieser Zeit von seiner Frau, einer 26 Jahre alten Polizistin, bereits getrennt. Das Paar will sich scheiden lassen, der gemeinsame zwei Jahre alte Sohn lebt bei seiner Mutter, ist aber regelmäßig auch bei seinem Vater.

Harry Wörz beteuert seine Unschuld - immer wieder

In jener Nacht wird die Frau von einem Mann überfallen und mit einem Wollschal minutenlang gedrosselt, wodurch sie irreparable Hirnschäden erleidet. Seitdem ist sie ein Pflegefall: Sie kann nicht mehr gehen, weder sprechen noch Sprache verstehen. Mit einer Besserung ihrer geistigen Leistung sei nicht mehr zu rechnen, sagen die Ärzte. Sie wird also nie sagen können, wer der Täter war.

Der Vater dieser Frau übernachtete damals in der Einliegerwohung des Hauses, in dem sich die Tat abspielte. Er war, durch Geräusche aufgeschreckt, seiner Tochter zu Hilfe geeilt und hatte ihr das Leben gerettet. Er alarmierte Polizei und Notarzt und gab dabei eine erste Einschätzung: Es liege wohl eine Beziehungstat vor, da es keine Einbruchsspuren gebe. Als Täter kämen nur Ehemann Harry Wörz oder Thomas H., der Liebhaber seiner Tochter, in Frage.

Was dann folgt, so stellt es sich heute dar, ist ein Beispiel falsch verstandenen Korpsgeistes schlimmster Art. Denn der Geliebte H. ist auch Polizist, wie das Opfer in Pforzheim beschäftigt, wo auch der Vater des Opfers Polizist ist. Wörz ist der Einzige, der nicht "dazugehört". Die Polizeikollegen decken H. offensichtlich, vielleicht weil sie es nicht für möglich halten, dass er der Täter ist, oder weil sie nicht den Mut zur Wahrheit haben.

Wörz aber macht man in Karlsruhe 1998 den Prozess wegen versuchten Totschlags an seiner Ehefrau. Am Ende steht eine Verurteilung zu elf Jahren Freiheitsstrafe.

Er beteuert seine Unschuld und legt Rechtsmittel gegen die Verurteilung ein. Der Bundesgerichtshof findet keine Rechtsfehler in dem Urteil und weist die Revision ab.

Erst im dritten Prozess prüft die Kammer mit größter Sorgfalt

2001 aber gelingt Wörz eine Wiederaufnahme des Falls dadurch, dass sein Ex-Schwiegervater rund 150.000 Euro für die aufwendige Pflege seiner Tochter einzuklagen versucht. Einem wehrhaften Amtsrichter in Karlsruhe kommen Zweifel an den absichtlich oder unabsichtlich schlampigen Ermittlungen und an der Verurteilung, er weist die Klage ab. Mit den kritischen Feststellungen dieses Gerichts erzwingt Hubert Gorka, der neue Verteidiger, nach zähem und erbittertem Kampf die Wiederaufnahme, obwohl die Fehlerhaftigkeit der Verurteilung jedermann ins Auge springt. Im Mai 2005 muss das Landgericht Mannheim den Fall erneut verhandeln.

Wörz wird im Oktober 2005 freigesprochen, doch dieses Urteil ist mit so vielen Fehlern behaftet, dass der Bundesgerichtshof dem Antrag der Staatsanwaltschaft und der Nebenklägerin folgt, den Freispruch aufzuheben. Der zuständige Erste Strafsenat mit dem Vorsitzenden Armin Nack verweist die Sache wieder nach Mannheim zurück mit einer unmissverständlichen Anleitung, wie eine neuerliche Verurteilung herbeizuführen sei.

Im April 2009 beginnt der dritte Prozess vor der 3. Großen Strafkammer des Landgerichts Mannheim mit dem Vorsitzenden Richter Rolf Glenz. Die Kammer prüft mit größter Sorgfalt jedes kleinste Indiz und fragt, ob es auf Wörz als Täter hindeute oder nur gegen ihn interpretiert wurde. Es gelingt eine sensationelle Aufklärungsarbeit. Immer mehr Ermittlungsfehler der Polizei werden deutlich, immer stärker konzentriert sich der Tatverdacht auf den bisher unbehelligt gebliebenen Liebhaber Thomas H.

"Ich muss mir das alles erst durch den Kopf gehen lassen"

Am 22. Oktober 2009 spricht die Glenz-Kammer Wörz frei. Diesmal ist es nicht ein Freispruch zweiter Klasse. Und trotzdem - Staatsanwaltschaft und Nebenklage geben noch immer nicht auf und legen Rechtsmittel ein.

Immerhin wird H. Anfang dieses Jahres vom Dienst suspendiert. Ermittlungen wegen versuchten Totschlags werden aufgenommen. Die Bundesanwaltschaft beantragt beim Ersten Strafsenat des Bundesgerichtshofs, über den Fall noch einmal zu verhandeln. Es werde zu erörtern sein, heißt es in dem Antrag zum Beispiel, ob die Mannheimer Schwurgerichtskammer - was nicht erfolgt sei - sich mit einem alternativen Geschehensablauf hätte auseinandersetzen müssen. Das hatte sie zwar getan. Gleichwohl war aber über die Anklage zu entscheiden. Und die richtete sich gegen Wörz und nicht gegen Thomas H.

Als der Vorsitzende Nack nun am Mittwochnachmittag die Entscheidung des BGH-Senats verkündete, klang dies fast wie eine Entschuldigung: Man habe ja bisher nicht gewusst, welche Fehler bei der Ermittlungsarbeit unterlaufen seien. Vieles sei dem Senat gar nicht bekannt gewesen.

Erst dank der gründlichen Aufklärungsarbeit der Glenz-Kammer und der guten Arbeit der Verteidigung - im letzten Mannheimer Prozess wurde Gorka unterstützt von dem Dortmunder Strafverteidiger Ralf Neuhaus - könne man sich nun ein anderes, richtigeres Bild machen.

Dieses gute Ende eines schlimmen Weges mag für den so oft Angeklagten und jetzt endgültig Freigesprochenen noch nicht die große Erleichterung sein. Wörz sprang nicht in die Luft. Er riss nicht die Arme hoch. Sondern er verhielt sich ganz still, in sich gekehrt. "Ich muss mir das alles erst durch den Kopf gehen lassen. Ich kann im Moment nichts dazu sagen", sagte er nach dem Urteil.

Noch kann er es wohl nicht fassen, dass sein Leben jetzt endlich neu beginnt. Für die Ermittler aber ist dieser Freispruch ein warnendes Signal. Jeder kann einmal ohne Schuld in Verdacht geraten. Dann aber darf mit ihm niemals so umgegangen werden wie mit Harry Wörz.

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1. Ein armer Mensch
mel80 15.12.2010
Zitat von sysop13 Jahre lang hat Harry Wörz immer wieder beteuert: Er hat nicht versucht, seine Frau zu töten - doch kaum jemand glaubte ihm. Nun hat der Bundesgerichtshof ihn endgültig freigesprochen, die Ermittler konzentrieren sich auf einen anderen Verdächtigen. Ein Trost ist das für Wörz nicht.* http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,734867,00.html
Wir kennen den Fall zur genüge. Wer in die Mangel der Mannheimer/Karlsruher Justiz gekommen ist, ist verloren. Die hat wirklich keinen guten Namen.
2. Haha...
JoachimSch 15.12.2010
Das ist nicht für die Ermittler ein warnendes Signal, sondern für den normalen Bürger. Den Ermittlern kann es scheiß egal sein - und so wie der Prozess lief, war es den Leuten auch scheiß egal. Hat die schlampige* Polizeiarbeit eigentlich irgendwelche Folgen? * eigentlich war es nicht schlampig (=unvorsichtig) sondern falsch...
3. und der Täter läuft nach wie vor frei rum...
sic tacuisses 15.12.2010
Zitat von sysop13 Jahre lang hat Harry Wörz immer wieder beteuert: Er hat nicht versucht, seine Frau zu töten - doch kaum jemand glaubte ihm. Nun hat der Bundesgerichtshof ihn endgültig freigesprochen, die Ermittler konzentrieren sich auf einen anderen Verdächtigen. Ein Trost ist das für Wörz nicht.* http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,734867,00.html
4. Vielleicht...
Frank.W, 15.12.2010
...sollten die Richter und Staatsanwälte in Mannheim mal gründlich nachgeschult werden... Harry Wörz, Kachelmann....
5.
Scharfrichter 15.12.2010
Zum Thema: In vielen Dingen hat Frau Friedrichsen - im Ansatz - Recht. Nur geschulten Lesern mag villeicht auffallen, dass es sich nicht um einen "Amtsrichter" gehandelt haben kann, der die Zivilklage zurückgewiesen hat. Das nur am Rande zur juristischen Qualität von Frau Friedrichsen)) Wahr bleibt aber, dass sich die Justiz wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert hat und Herr Wörz in eine Knochenmühel geraten ist.Gleichwohl: Besser so ein Ende als gar kein Ende (Freispruch). Auch, wenn dies Herrn Wörz sicherlich nicht/kaum trösten kann. Alles Gute, Herr Wörz.
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Der Angeklagte
Harry Wörz, geboren 1966, wächst als Sohn eines Friseurmeisters in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Nach der Scheidung seiner Eltern bleibt er zusammen mit seiner älteren Schwester bei Vater und Großmutter. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist beständig. Wörz lernt Gas- und Wasserinstallateur, holt später die mittlere Reife nach, lässt sich zum Bauzeichner ausbilden und arbeitet schließlich als Gabelstapelfahrer und Maschineneinrichter. Die Ehe mit der Polizistin Andrea Z. geht in die Brüche, als der gemeinsame Sohn Kai ein Jahr alt ist. Wörz hat ihn seit 2004 nicht mehr gesehen. Vor viereinhalb Jahren heiratet Wörz ein zweites Mal und wird erneut Vater. Für die Prozesse gegen ihn hat Harry Wörz sich hoch verschulden müssen.