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Anklage nach Brandanschlag auf Flüchtlinge: "Verachtenswert"

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Nach dem Brand in Salzhemmendorf (Archivbild): Anklage  geht von fremdenfeindlichem Motiv aus  Zur Großansicht
DPA/ Kreisfeuerwehr Hameln-Pyrmont

Nach dem Brand in Salzhemmendorf (Archivbild): Anklage geht von fremdenfeindlichem Motiv aus

Die Staatsanwaltschaft Hannover hat Anklage gegen zwei Männer und eine Frau erhoben, die im niedersächsischen Salzhemmendorf einen Anschlag auf eine Flüchtlingswohnung verübten. Der Molotowcocktail landete in einem Kinderzimmer.

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Gut vier Monate nach dem Brandanschlag auf eine Flüchtlingswohnung im niedersächsischen Salzhemmendorf hat die Staatsanwaltschaft Hannover Anklage gegen die drei mutmaßlichen Täter erhoben.

Sie wirft den beiden Männern und der Frau laut der 27-seitigen Anklageschrift gemeinschaftlichen versuchten Mord aus Fremdenfeindlichkeit vor. Ihr Motiv für die Tat sei gewesen, dass es sich bei den Bewohnern des Hauses um Ausländer oder Asylbewerber gehandelt habe. Das sei "verachtenswert und auf tiefster Stufe stehend", so die Staatsanwaltschaft. Den Angeklagten droht eine langjährige Haftstrafe. Alle drei haben ihre Beteiligung an dem Brandanschlag gegenüber den Ermittlern gestanden, sagten jedoch nichts zu ihren Beweggründen.

Nur durch Glück geschah in der Tatnacht Ende August nicht Schlimmeres. Der Molotowcocktail, den der älteste der Angeklagten, Dennis L., 31, in die Wohnung einer Flüchtlingsfamilie aus Simbabwe schleuderte, landete direkt unter dem Bett eines elfjährigen Jungen; nur zufällig schlief er in dieser Nacht nebenan bei der Mutter.

Angeklagter half beim Löscheinsatz

Laut Anklage haben die mutmaßlichen Täter billigend in Kauf genommen, dass zumindest im Erdgeschoss Menschen zu Tode kommen. Als Nebenkläger wurden insgesamt sieben Bewohner des Wohnhauses zugelassen. Der Prozess soll vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Hannover stattfinden.

Aufsehen erregte der Anschlag auch, weil einer der Verhafteten, Sascha D., nach der Tat beim Löscheinsatz mithalf. Er war Mitglied der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr, nach der Flucht vom Tatort ließ er sich direkt zur Wache bringen.

Bei den Ermittlungen ergaben sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bei allen drei Angeklagten Hinweise auf eine rechte Gesinnung.

Fragwürdige Chat-Nachrichten

Der Älteste der drei, Dennis L., hatte auf seinem Handy mehrere Bilder gespeichert, die den Nationalsozialismus verherrlichten ("Adolf, bitte melde dich! Deutschland braucht dich!") oder gegen Fremde hetzten; ein Bild zeigte eine Handgranate mit der Aufschrift "Ausländerüberraschung".

Die beiden anderen Angeklagten, Sascha D., 25, und Saskia B., 24, tauschten untereinander fragwürdige Chat-Nachrichten aus. Per WhatsApp unterhielten sie sich über ihre Kinder, stolz schrieb der junge Vater, dass sein kleiner Sohn ein neues Wort gelernt habe: "Hitler". Darauf antwortet die alleinerziehende Mutter: Ihrer könne schon seit zwei Wochen "Sieg Heil" sagen.

Am Abend vor der Tat saßen die mutmaßlichen Täter in einer Garage zusammen und putschten sich mit Rechtsrock von Sturmwehr, Nordfront und Kategorie C auf. Die Männer tranken große Mengen Bier und Weinbrand-Cola, schließlich bastelten sie einen Brandsatz, indem sie Sägespäne und Benzin in eine leere Glasflasche füllten.

Nach dem Anschlag, so sagte Saskia B. aus, die das Auto in der Tatnacht fuhr, seien sie davongebraust. Die beiden Männer hätten gelacht, herzhaft gelacht.

Zusammengefasst: Zwei Männer und eine Frau müssen sich Gericht für einen Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft im niedersächsischen Salzhemmendorf verantworten. Bei allen fanden sich Hinweise auf eine rechte Gesinnung. Die Frau brüstete sich z.B. bei WhatsApp, ihr kleiner Sohn könne schon "Sieg Heil" sagen.

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