Fritzls Geständnis "Ich hatte die Tat jahrelang geplant"

Es ist eine Lebensbeichte: Josef Fritzl hat mit seinem Anwalt erstmals über Motive und Hintergründe seines Verbrechens gesprochen. Demnach hatte der Inzesttäter seine "Zweitfamilie" lange geplant, hielt mit perfiden Taktiken seine Tochter in Schach - und glaubte bis zum Schluss, er werde nicht auffliegen.

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Hamburg - Es ist die Lebensbeichte des derzeit berüchtigtsten Häftlings der Welt: Josef Fritzl hat sich in mehrstündigen Gesprächen seinem Verteidiger Rudolf Mayer anvertraut. "Er hat mir alles einfach so erzählt, ich habe nicht nachhaken müssen", sagt der 60-jährige Jurist SPIEGEL ONLINE.

Das aktuelle Cover der "News": "Fritzl spricht"

Das aktuelle Cover der "News": "Fritzl spricht"

Kurz nach seiner Festnahme hatte Fritzl lediglich in kargen Worten ein knappes Geständnis abgelegt: Ja, er habe seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang in seinem Keller gefangen gehalten. Ja, er habe sie all die Jahre missbraucht und sieben Kinder mit ihr gezeugt. Mehr nicht. "In Polizeiverhören geht es in erster Linie um Fakten, nach einigem wird man schlichtweg nicht gefragt", sagt Mayer, darum fragte er seinen Mandanten dezidiert nach Motiven und Hintergründen. Der 73-Jährige brach sein Schweigen und stimmte zu, dass seine Äußerungen veröffentlicht werden - der Anwalt stellte sie dem österreichischen Magazin "News" zur Veröffentlichung bereit.

Dort findet nun Elisabeth Fritzl, die den Ermittlern sagte, sie wisse nicht, warum sich ihr Vater ausgerechnet für sie entschieden habe, die Antwort ihres despotischen Vaters: "Seit Beginn ihrer Pubertät hatte sie sich an überhaupt keine Regeln mehr gehalten." Elisabeth habe sich mit "miesen Personen, die kein guter Umgang für sie waren, herumgetrieben". Er, der fürsorgliche Vater, habe das Mädchen "immer wieder nach Hause zurückgebracht. Aber sie entzog sich mir immer wieder".

Der Entschluss, ein Verlies eigens für die "abtrünnige Tochter" zu schaffen, begann in ihm zu reifen. "Ich musste einen Ort schaffen, an dem ich Elisabeth irgendwann möglicherweise zwangsweise von der Außenwelt fernhalten konnte".

Es sind solch verstörende Details, die der Anwalt des Inzesttäters mit der Veröffentlichung jetzt preisgibt - auch um ein neues Bild von seinem Mandanten zu verbreiten. Mayer hatte schon in der vergangenen Woche SPIEGEL ONLINE gesagt, er sehe es als seine "Aufgabe, Josef Fritzl als Mensch zu zeigen" statt als "Horror-Bestie und Sex-Tyrann". Mayer: "Wer ist Josef Fritzl? Warum ist er so, wie er ist?" Es gebe für jedes Verhalten eine Erklärung. Auch jetzt sagt er: "Die Verurteilung, mein Mandant sei ein Monster, wird diesem Mann nicht gerecht."

Der Anwalt will als erstes das psychiatrische Gutachten zu seinem Mandanten abwarten. Es müsse geprüft werden, ob Fritzl zurechnungsfähig ist - sprich, ob er für eine Haftstrafe überhaupt in Frage kommt. Wenn nicht, sagt Mayer, "würde er dann allerdings für immer weggesperrt werden" in einer psychiatrischen Einrichtung, "und das ist schlimmer als lebenslange Haft, weil die Patienten dort oft nur mit Medikamenten ruhiggestellt werden".

"Alles schalldicht zugepflastert"

Dass Fritzl sein Verbrechen extrem zielstrebig und perfide begangen hat, zeigen die jetzt veröffentlichten Zitate. Zwei, drei Jahre lang hat er die Tat eigenen Angaben zufolge en detail geplant. "Es muss etwa 1981, 1982 gewesen sein, als ich begann, einen Raum in meinem Keller als Zelle umzugestalten. Ich hab eine schwere, mit Beton ausgegossene Eisentür davor angebracht, sie mit einem Elektromotor und einer Fernbedienung, per welche ich das Tor durch Eingabe eines Nummerncodes öffnen und schließen konnte, ausgestattet." Danach hab er "alles schalldicht zugepflastert", eine Toilette installiert, Bett und Kühlschrank in das Verlies geschleppt.

Der gelernte Elektroingenieur wusste, dass sich niemand in "seinen Keller" verirren würde, sein Opfer ihm dort hilflos ausgeliefert sein würde. "Der Keller meines Hauses gehörte mir, mir alleine, war mein Reich, das nur mir zugänglich gewesen ist. Das wusste jeder, der da wohnte. Meine Frau, meine Kinder, meine Mieter. Und niemand von ihnen hätte es gewagt, in mein Reich vorzudringen oder mich danach zu fragen, was ich da tue", zitiert ihn "News".

Fritzl bestreitet, seine Tochter monatelang an einer Leine gehalten zu haben. "Das wäre ja auch gar nicht notwendig gewesen, meine Tochter hatte ja ohnehin keine Chance zu einer Flucht." Zu stark hatte er das Verlies abgeschottet und abgedichtet. Niemand konnte ihr Schreien, ihr Wimmern, ihre Hilferufe hören.

Erst im Keller will er sich an seiner Tochter vergangen haben, behauptet Fritzl - seine Tochter wirft ihm Missbrauch schon im Jugendalter vor. "Mein Trieb, mit Elisabeth Sex zu haben, ist immer stärker geworden", sagte Fritzl seinem Anwalt. Er habe gewusst, dass "Elisabeth nicht wollte, was ich mit ihr anstellte. Ich wusste, dass ich ihr weh tat".

Warum hat er zugelassen, dass sie von ihm sieben Mal schwanger wurde? "Weil ich mir in Wahrheit von Elisabeth Kinder wünschte." Er, aufgewachsen als Einzelkind unter der Fuchtel einer dominanten Mutter, habe sich immer eine Großfamilie gewünscht, sagt er. Die sieben Kinder mit seiner Frau Rosemarie scheinen ihm nicht gereicht zu haben. "Es war schön für mich, nun auch im Keller eine richtige Familie zu haben, mit einer Frau, mit ein paar Kindern."

"Ich bin kein Mann, der sich an kleinen Kindern vergeht"

Die Entscheidung, drei der Kinder, die im Keller zur Welt kamen, in sein "anderes", sein offizielles Leben aufzunehmen, hätte er gemeinsam mit Elisabeth gefällt, behauptet er "News" zufolge. Regelmäßig will er ihr Fotos gebracht haben von Kindergeburtstagen und Schulausflügen. Während Lisa, Monika und Alexander Fritzl "Papa" nannten, obwohl er aus ihrer Sicht ihr Großvater war, nannten die gefangenen Kinder Kerstin, Stefan und Felix ihren Peiniger "Opa". Laut "News" sollen sie nicht gewusst haben, dass er ihr leiblicher Vater ist.

Gemeinsam habe er mit ihnen Abenteuerfilme im Fernsehen geschaut, ihnen Spielzeug und Stofftiere in den Keller gebracht. Seiner Tochter Elisabeth will er ins fensterlose Verlies Blumen gebracht und mit der "Zweitfamilie" einträchtig am Abendbrottisch gesessen haben. Weihnachten und Geburtstage habe man traditionell gefeiert: mit Christbaum und Geschenken. Behauptet Fritzl.

Sein Anwalt sagt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Fritzls Aussagen sind absolut authentisch. Ich habe ihm nichts in den Mund gelegt, sondern ihm die Entscheidung freigestellt, ob er sich in diesem Rahmen äußern will." Der Jurist geht davon aus, dass Fritzl auch in den zukünftigen Vernehmungen auskunftsfreudig sein wird. "Ich sehe das an seiner Mimik und Gestik", sagt Mayer.

Missbraucht habe Fritzl keines seiner Inzest-Kinder. "Ich bin kein Mann, der sich an kleinen Kindern vergeht", habe er seinem Verteidiger gegenüber gesagt. Und der glaubt ihm: "Er hat sicher kein einziges der Kinder missbraucht", sagt Mayer.

Das Verhalten der drei im Keller vor sich hinvegetierenden Kinder wurde im Lauf der Jahre zunehmend gestörter. Fritzl wusste, sagt er heute, dass er nicht ewig so weitermachen konnte mit seinen Gefangenen im Verlies. "Ich wollte sie zu mir nach Hause bringen, demnächst bereits", behauptete er laut "News". "Ich wusste einfach, dass ich es in naher Zukunft nicht mehr schaffen würde, meine Zweitfamilie im Bunker zu versorgen."

Fritzl, der Alleinherrscher über das Leben seiner Kinder, hatte bis zum Schluss gehofft, dass seine Macht über die Gefangenschaft hinaus walten und sein perfider Plan nie auffliegen kann: "Das war meine - wenn auch unsichere - Hoffnung", sagt er in der Untersuchungshaft. "Trotzdem, ich hätte die Gefahr, dass mich Elisabeth und die Kinder irgendwann verraten können, in Kauf genommen."

Dass sie sich selbst befreien, sich wehren, gegen ihn aufbegehren - Fritzl wusste, sie würden es nicht wagen, und rühmt sich selbst dafür: "Das war nicht schwierig. Ich benötigte dazu keine körperliche Gewalt." Seine "Zweitfamilie" habe ihn als "Familienoberhaupt" respektiert. "Sie hätte niemals getraut, mich zu attackieren."

Außerdem hätten sie den geheimen Zahlencode für die Verliestür nicht gekannt - und seinen Drohungen Glauben geschenkt, sie könnten einen Stromschlag erleiden.

Vor einer Verhaftung habe er sich all die Jahre gefürchtet, gibt Fritzl jetzt zu. "Davor, dass meine Familie, alle Menschen draußen von meinem Verbrechen erfahren könnten, darum habe ich meinen Entschluss aufgehoben und aufgeschoben. Bis es irgendwann tatsächlich zu spät war."



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