Tödliches Spielzeug made in USA Sein erstes Gewehr

"My First Rifle" nennt der Hersteller Keystone sein Produkt, ein leichtes Anfängergewehr mit Kaliber 22: Manche Eltern statten in den USA selbst Kleinkinder mit scharfen Waffen aus. Nun hat in Kentucky ein Fünfjähriger seine zwei Jahre alte Schwester erschossen.


Burkesville - Der Schuss traf in die Brust, so stellt es die Polizei von Cumberland dar, einem ländlichen Bezirk in Kentucky. Schütze war ein fünf Jahre alter Junge, Opfer ein Mädchen von zwei Jahren. Seine Schwester.

Der Schuss war tödlich. Das Gewehr war seins. Der Junge hatte die Waffe der Marke "My First Rifle" ("Mein erstes Gewehr") im vergangenen Jahr geschenkt bekommen. Die Mutter sagte, sie habe gerade im Haus geputzt und sei kurz auf die Veranda gegangen, als der Schuss fiel. Als sie "zurücklief, fand sie das kleine Mädchen", schilderte Gerichtsmediziner Gary White die Situation. Die Zweijährige sei noch ins Krankenhaus gebracht worden, dort wurde sie für tot erklärt.

Die Eltern bewahrten die Waffe des Jungen den Angaben zufolge in einer Ecke des Wohnzimmers auf. Es sei ihnen nicht aufgefallen, dass sich noch eine Kugel darin befand. Wie genau es zu dem tödlichen Schuss kommen konnte, ist noch unklar. "Es ist ein kleines Gewehr für Kinder, der kleine Junge war daran gewöhnt, mit dem Gewehr zu schießen", sagte der Gerichtsmediziner. Eine Autopsie sei im Gange, aber er gehe davon aus, dass der Vorgang als Unfall eingestuft werde. "Es war einer dieser verrückten Unfälle."

"Qualitätswaffen für Amerikas Jugend"

Der Hersteller Keystone nennt sein Kindergewehr "Crickett" ("Grille"). Er wirbt für die Waffe mit einer lustigen Grille mit Flinte und dem Spruch: "Qualitätswaffen für Amerikas Jugend". Die Gewehre sollten Kinder zum verantwortungsvollen Umgang mit Waffen animieren, so das Unternehmen.

"Das ist die normale Lebensweise, und nicht nur im ländlichen Kentucky - Jagen, Schießen, Angeln. Das fängt schon in jungen Jahren an", sagte John Phelps, ein Richter aus Cumberland. "Es gibt wahrscheinlich keinen einzigen Haushalt hier, der nicht über eine Waffe verfügt." So auch die Familie der getöteten Zweijährigen, die Phelps gut kennt. Der Vater arbeite als Holzfäller und beschlage Pferde mit Hufeisen, so der Richter. Die Familie lebe in einem grauen Haus an einer kurvenreichen Straße, umgeben von Ackerland, das sich seit rund 80 Jahren in ihrem Besitz befinde.

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Waffenwahnsinn in den USA: Tödliches Spielzeug
Lokalzeitungen drucken häufig Fotos von Kindern ab, die stolz ihre Beute präsentieren, darunter Truthähne und Hirsche. Auch auf der Website des Waffenherstellers sind Dutzende Kinderbilder zu finden. Einige zeigen Säuglinge, denen Gewehre mit Zielfernrohr in den Arm gelegt wurden. Das Unternehmen stellt nach eigenen Angaben 60.000 Waffen im Jahr her (2008), die meisten davon speziell für Kinder. Es gibt sie in Orangefarben, Pink oder Königsblau. Auf der Homepage sind auch Kundenbriefe zu lesen: "Meine viereinhalbjährige Tochter liebt die Pinkfarbene", heißt es in einem.

Tödliches Gewehr in Kinderhänden

Die Waffe soll kein Luftgewehr, sondern eine scharfe Waffe, Kaliber 22 gewesen sein. Das ist ein kleines Kaliber von 5,6 Millimetern, gleichwohl aber eine tödliche Patrone. Auch die Nato-Munition ist von ähnlichem Durchmesser, wenn auch mit deutlich höherer Treibladung und weit höherem Geschossgewicht.

Es sei "irrsinnig", Waffen speziell für Kinder herzustellen und zu vermarkten, sagte Sharon Rengers, langjährige Kinder-Anwältin. "Wir haben eine nationale Waffendebatte, aber wir statten Vierjährige mit Waffen aus und erwarten Gutes dabei?"

Der Vorfall in Kentucky war bereits der zweite tödliche Schuss von einem Jungen in den USA binnen einer Woche. Laut einem Bericht der Zeitung "Anchorage Daily News" hatte im Bundesstaat Alaska ein Achtjähriger am Montag seine fünf Jahre alte Schwester erschossen. Erst vor drei Wochen hatten zwei Kleinkinder kurz hintereinander zwei Menschen getötet: In New Jersey erschoss ein Vierjähriger mit einem Gewehr einen Sechsjährigen. In Tennessee tötete ein ebenfalls Vierjähriger mit einer Pistole eine 48-Jährige. In beiden Fällen waren die Waffen geladen und ungesichert.

In den USA ist eine heftige Debatte über Schusswaffen entbrannt, nachdem ein 20-Jähriger an einer Schule in Newtown im US-Bundesstaat Connecticut im Dezember 20 Kinder und sechs Erwachsene erschossen hatte. US-Präsident Barack Obama ist allerdings mit seinem Versuch, ein schärferes Waffengesetz einzuführen, vor zwei Wochen im Kongress gescheitert. Der Kompromiss für eine strengere Überprüfung von Waffenkäufern fand im Senat nicht genügend Unterstützung.

wit/bim/dpa/AP/AFP



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 480 Beiträge
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Seite 1
rofltehcat 02.05.2013
1.
Was soll man dazu noch sagen? Einfach absolut sinnlos und unnötig. Einfach nur noch traurig, diese übertriebene Faszination, fast schon Verherrlichung, von Waffen in der amerikanischen Gesellschaft.
Poseri 02.05.2013
2.
Zitat von sysop"My First Rifle" nennt der Hersteller Keystone sein Produkt, ein leichtes Anfängergewehr mit Kaliber 22: Manche Eltern statten in den USA selbst Kleinkinder mit scharfen Waffen aus. Nun hat in Kentucky ein Fünfjähriger seine zwei Jahre alte Schwester erschossen. Fünfjähriger erschießt Schwester: Tödliches Spielzeug - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/fuenfjaehriger-erschiesst-schwester-toedliches-spielzeug-a-897698.html)
Da bleiben einem die Worte weg... einfach unfassbar.
jouvancourt 02.05.2013
3. Feuerwaffen für Kinder...
...muss das sein? Tödliche Waffen sollten zumindest eine Altersbeschränkung haben!
volker_morales 02.05.2013
4. Meine Güte
Der Wahn kennt keine Grenzen, einfach unfassbar. Wahrscheinlich muss der kleine Wonneproppen jetzt mindestens für 50 Jahre in den Knast. Nicht die Waffe (oder die Eltern) sind schuld, immer nur der Schütze, der die Waffe nicht sachgerecht bedient.
hk1963 02.05.2013
5. Das amerikanische Volk will es so
Und das amerikanische Volk kriegt es so. Hauptsache bei uns greift der Wahn, man wäre sicherer wenn alle bewaffnet wären, nicht um sich.
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