G20-Einsatz Schuss in der Schanze

Ein einziger Schuss fällt in Hamburg während des G20-Gipfels. Doch warum hat ein Zivilfahnder abgedrückt? Rekonstruktion eines Polizeieinsatzes.

SPIEGEL TV

Es ist ruhig im Hamburger Schanzenviertel, bisher ein lauer Freitagabend, noch ist das Chaos nicht über den Stadtteil hereingebrochen: Die Menschen flanieren, trinken und essen auf dem Bürgersteig. Um 19.51 Uhr schreckt ein Knall sie auf. Passanten rufen, ein Mann habe in die Luft geschossen und mit seiner Pistole herumgefuchtelt, um Umstehende abzuschrecken.

Die Polizei will eine Panik vermeiden und vermeldet keine Stunde später, ein Zivilfahnder habe "nach derzeitigem Erkenntnisstand" einen Warnschuss abgegeben. Der Beamte habe zwei Männer gesehen, die auf einen am Boden Liegenden eingetreten hätten. Er habe sich als Polizist zu erkennen gegeben und die Angreifer aufgefordert, von dem Mann abzulassen. Dann habe er in die Luft gefeuert - in Nothilfe. Doch die Darstellung ist womöglich nicht ganz richtig gewesen.

Ein Team von SPIEGEL und SPIEGEL TV hat die Umstände des Schusses noch in der Nacht zu Samstag rekonstruiert. Videos, Augenzeugen, aber auch der Betroffene selbst erzählen eine etwas andere Geschichte, in der nicht vollständig klar erscheint, ob der Beamte wirklich zur Waffe greifen musste. Womöglich tat er es, weil er den Bedrängten für einen Kollegen hielt - fälschlicherweise.

"Er dachte, ich wäre auch ein verdeckter Ermittler."

Der von Autonomen bedrängte Stefan Heber (Name geändert) aber ist kein Polizist, er arbeitet nach eigenen Angaben in der IT-Branche, auch betreibt er ein Reiseblog, wohl als Hobby. Am Freitagabend sei er aus Neugier ins Schanzenviertel geradelt, er habe sich selbst ein Bild des Geschehens machen wollen, sagt er. In der Susannenstraße sieht der 40-Jährige, wie sich eine Gruppe Linksradikaler vermummt. Er habe sie dabei filmen wollen, so Heber. Und als sie ihn bemerken und zur Rede stellen, reagiert er trotzig: "Natürlich habe ich euch fotografiert." Im Nachhinein sei das "naiv und dumm" gewesen, gibt er zu.

Die Autonomen kreisen Heber ein und schubsen ihn, doch er kann sich befreien, läuft davon. Aus Häusern in der Nähe filmen Anwohner das weitere Geschehen, die Videos liegen dem SPIEGEL und SPIEGEL TV vor. "Die haben auf ihn geschlagen und auf das Fahrrad eingetreten", sagt ein Augenzeuge.

Einer der Filme zeigt, wie Heber - blaue Hose, schwarzes T-Shirt - rennt, getreten, geschubst wird, stürzt, aufsteht. Dann fällt der Schuss. Der Beamte - schwarzes Hemd, graue Hose, Rucksack, Mütze - zielt mit der Waffe auf die Personen, die Heber zuvor bedrängt haben. Der Polizist habe ihm gesagt, er solle mitkommen, berichtet Heber. Was er auch getan habe.

In einem zweiten Film ist zu erkennen, wie der Beamte und Heber vor einem Bekleidungsgeschäft stehen. Der Fahnder, die Waffe in der Rechten, schaut sich um, Heber stützt die Arme in die Hüfte. "Er hat mich gefragt, zu welcher Einheit ich gehöre", so Heber. "Er dachte, ich wäre auch ein verdeckter Ermittler." Daraufhin habe er, Heber, dem Beamten gesagt, dass er kein Polizist sei. Der wiederum habe nach Unterstützung gefunkt.

"Er hat sich nicht als Polizist zu erkennen gegeben"

Zwei, drei Minuten nach dem Schuss rast ein Streifenwagen in die schmale Susannenstraße. Er biegt zunächst in eine Seitenstraße ab, um kurze Zeit später wieder mit hoher Geschwindigkeit in die Susannenstraße zu fahren.

Der Wagen hält vor Hausnummer 10, vier bis fünf Polizisten in Kampfmontur steigen aus und laufen als Gruppe, sich gegenseitig nach allen Richtungen mit Pfefferspray schützend, an verschiedenen Geschäften vorbei. Sie schauen durch die Fenster und Türen hinein.

Sie suchen ihren Kollegen in Zivil, schließlich finden sie einen Kiosk, in den sich der Fahnder geflüchtet hat, gehen hinein und bringen ihn hinaus. Alle steigen ins Auto - und fahren wieder in hoher Geschwindigkeit davon. Anwohner berichten, dass der von den Polizisten abgeholte Mann maskiert gewesen sei. Die Szene habe an eine Festnahme erinnert, sagen sie.

Heber wiederum folgt einem Anwohner in einen Innenhof, zieht einen Pullover über und fährt später mit der Bahn nach Hause. Sein Fahrrad ist weg.

Augenzeugen zweifeln an der Darstellung der Polizei, der Zivilbeamte habe sich vor der Abgabe des Schusses identifiziert und gewarnt. "Das ging alles sehr schnell, er hat sich nicht als Polizist zu erkennen gegeben", sagt ein Beobachter. Eine Frau bestätigt die Aussage. Auch Heber sagt: "Ich habe keine Warnung gehört."

Die Hamburger Polizei wollte sich auf SPIEGEL-Anfrage nicht zu dem Geschehen äußern. Die Ermittlungen liefen noch, hieß es. Stefan Heber hat sich am Samstagnachmittag von der Kriminalpolizei vernehmen lassen.

Der Hobbyfotograf Heber ist dem Beamten dankbar, der ihn rettete: "Ich will mir nicht vorstellen, was mir passiert wäre, wenn er nicht da gewesen wäre."


Sehen Sie mehr zu dem Thema im SPIEGEL TV Magazin am Sonntag um 21.55 Uhr auf RTL.

Holger Dambeck, Jörg Diehl, Thorsten Dörting, Britta Kollenbroich, Dominik Peters

insgesamt 120 Beiträge
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Seite 1
kaminister 08.07.2017
1. Mit anderen Worten
Mit anderen Worten: die Polizei hat alles richtig gemacht. Die ganze Meldung ist doch nur in links-alternative Kreisen ein Thema damit die Ihre Verschwörungstheorie vom "Agent Provocateur" spinnen können. So kommt das schlechte Gewissen nicht auf blöde Ideen, wie z.B. Selbstkritik zu üben.
multi_io 08.07.2017
2.
Wen interessiert, ob der Zivilfahnder den Bedrängten für einen Kollegen hielt -- entscheidend ist, dass der Bedrängte bedrängt wurde. Ganz ehrlich: Die Chaoten haben noch Glück gehabt. Spätestens wenn die auf ihr Opfer einprügeln oder -treten (was dem Video nach zu urteilen zumindest unmittelbar bevorgestanden haben könnte, wenn es den Warnschuss nicht gegeben hätte), dann wäre auch ein gezielter Schuss gerechtfertigt, falls das ohne Gefährdung des Opfers oder Unbeteiligter möglich ist.
erik.st 08.07.2017
3. Demonstranten die ihre Rechte missbrauchen...!
Solche "Demonstranten" die so auf unseren demokratischen Grundrechten und Freiheiten herumtrampeln, sollten sowieso direkt eingespert/ auser gefecht gesetzt werden. Da war ein Warnschuss absolut angebracht, zumal der Zivielfander offensichtlich auf sich alleine gestellt war! Allgemein hätte gegen die Demonstranten deutlich rigoroser vorgangen werden müssen. Wer unser Grundrecht auf freie Meinungsäußerung so mit Füßen tritt, sollte die volle Härte des Gesetzes zu Spüren bekommen. Dies war den Polizisten aber augenscheinlich nur bedingt möglich, da in Deutschland effektive und schützende Waffen wie Gummigeschosse verboten sind. Dies geht nur zu Lasten der Polizisten, da sich die Autonome vor unseren Wasserwerfern nicht fürchten und auch das Tränengas nur bedingt hilft.
jal1988 08.07.2017
4.
Was soll der Artikel jetzt bitte aussagen? Spiegel hat also selber recherchiert und kommt zu dem Schluss, dass der Beamte sich nicht korrekt verhalten hat? "Es erscheint zweifelhaft, ob der Beamte zur Waffe greifen musste". Der Betroffene sagt selber, er ist dankbar, dass der Polizist eingegriffen hat, diese Berichterstattung macht mich fassungslos. Soll doch mal einer dieser super Journalisten, die solche Artikel verfassen einem gewalttätigen Mob gegenüberstehen und versuchen, die Situation ohne Schusswaffe zu lösen. Ich finde es ein Unding, dass die Leute, die bei solchen Einsätzen ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, sich unmittelbar danach auch noch rechtfertigen müssen, anstatt dass hervorgehoben wird, dass er einem Zivilisten (der sich nicht wirklich clever verhalten hat) den Ar... gerettet hat.
meier12 08.07.2017
5.
Ist doch gut, der Zivilfahnder hat ihm geholfen. Daran und an dem Warnschuss habe ich nichts auszusetzen. Was mir übel aufstößt, ist der Verdacht, dass der Zivilfahnder das womöglich nicht getan hätte, wenn er gewusst hätte, dass es kein Kollege ist. Waren bei dem Gipfel etwa Opfer unter der Zivilbevölkerung hinzunehmen? Ganz schäbig letztlich in diesem Fall: Das widerliche menschenverachtende Verhalten der kriminellen Chaoten, die auch noch Passanten angreifen. Als wenn die Krawallnächte mit den hohen Schäden für die unbeteiligte Zivilbevölkerung und die genausowenig an dem Gipfel beteiligten Geschäftsleute noch nicht gereicht haben.
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