20 Minuten G20-Zerstörungswut Wie der schwarze Block unbehelligt Hamburg-Altona verwüstete

Etwa 60 Autonome marodieren durch zwei Wohngebiete, setzen Autos in Brand, ängstigen Anwohner - so geschehen am Freitag in Hamburg. Wie ging der Mob vor?

SPIEGEL ONLINE

Von und


Die Szenen wirken gespenstisch: Ein Mob schwarzgekleideter Gewalttäter zieht freitagsmorgens um halb acht durch zwei angrenzende Wohngebiete, versetzt die Passagiere eines Busses in Angst und Schrecken, zündet Autos an, zerstört Fensterscheiben - alles unter den Blicken verstörter Anwohner, die die Vorgänge dokumentieren. Auf die Polizei warten die Hamburger vergeblich. Anhand von Videos, die im Netz kursieren und die SPIEGEL ONLINE zugespielt worden sind, lässt sich der etwa zwei Kilometer lange Marsch der Gewaltgruppe rekonstruieren.

Mob umzingelt Linienbus | Anwohner filmen Zerstörung | Autonome randalieren in Fußgängerzone

Ca. 7.27 Uhr: Der Hamburger Linienbus E86 zwischen Bahnhof Altona und Teufelsbrück steht auf der Elbchaussee, Höhe Heinepark, als er der Trupp auf ihn trifft. Etwa hundert Vermummte passieren von beiden Seiten den Bus, zünden Bengalos, winken höhnisch den verängstigten Fahrgästen zu. "Die Ersten kamen noch relativ freundlich auf mich zu und haben gewunken. Auf einmal ging's ab, dann haben sie die Mülleiner in Brand gesetzt und bei mir die Scheiben eingeschlagen", erzählt der Busfahrer dem Radiosender "N-Joy". Bilanz: Zwei Türen beschädigt, ein Außenspiegel abgeschlagen. "Nach drei, vier Minuten war der Spuk vorbei." Der Busfahrer fährt weiter, bringt seine Passagiere in Sicherheit - und setzt einen Unfallruf ab. Der HVV geht aktuell von einer Tatzeit von 7:35 Uhr aus - eine Diskrepanz, die mit einem später abgesetzten Unfallruf zu tun haben kann.

Ca. 7:30 Uhr: Anwohner filmen von Balkonen, wie der Mob die Elbchaussee stadteinwärts zieht, dabei Autos anzündet. 15 Wagen brennen dabei ab, zum Teil stehen sie nahe an Hauswänden. Ein Anwohner gab gegenüber SPIEGEL ONLINE an, kurz nach 7.30 Uhr die Feuerwehr gerufen zu haben.

Etwa 400 Meter weiter, an der Kreuzung Max-Brauer-Allee und Palmaille, setzen Autonome einen Müllcontainer in Brand, platzieren ihn auf die Straße. Die Barrikade steht immer noch in Flammen, als SPIEGEL-ONLINE-Redakteure gegen 8.15 Uhr an der Stelle eintreffen.

Ca. 7:40 Uhr: Die Gruppe zieht vorbei am Altonaer Rathaus, zerstört eine Bushaltestelle und entzündet ab der Max-Brauer-Allee acht weitere Wagen. Wieder filmen Anwohner die Täter. Auf dem Weg zerstören sie Fensterscheiben von drei Bankfilialen, auch das Amt für Gesundheit und eine Arztpraxis werden in Mitleidenschaft gezogen.

Wenige hundert Meter weiter attackiert die Gruppe drei am Altonaer Bahnhof postierte Wagen der Bundespolizei, Scheiben gehen zu Bruch, Molotowcocktails fliegen. Ein Beamter wird dabei leicht am Arm verletzt. Bundespolizeisprecher Sven Jahn sagt später SPIEGEL ONLINE, dass rund 60 Personen "unter Anwendung äußerster Gewalt" vorgegangen seien. "Wir waren von der Einsatzkräftelage her an mehreren S-Bahnstationen und in Gleisbereichen zu dieser Zeit eingesetzt, sodass wir hier vor Ort nur sehr schwache Kräfte hatten." Als Verstärkung kam, sei die Tätergruppe bereits "weitergezogen".

Ein Video zeigt die letzten Sekunden des Angriffs aus der Entfernung - danach können sich mehrere Personen ungehindert in die Präsident-Krahn-Straße absetzen. Eine Uhr in der Straße zeigt 7.45 Uhr an.

Der größte Teil Gruppe zieht neben dem Bahnhof über die Kreuzung und randaliert in Sichtweite zum Bahnhof in der Fußgängerzone Neue Große Bergstraße. Stühle fliegen, Scheiben gehen zu Bruch - am Möbelhaus Ikea wird ein Feuer entfacht. Das Video geht über eineinhalb Minuten, die Randalierer bleiben ungestört. Danach zerstreut sich der Mob - von der Polizei ist nichts zu sehen.



insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sven2016 08.07.2017
1.
Ich bin gespannt, wer als Erster mit "einfachen Lösungen" kommt. Falsch gehandelt von der Polizeiführung, aber möglicherweise aufgrund von Vorgaben der Bundespolitik - Sicherheit der Amtsträger gegen vor Sicherheit der Anwohner. G8/20-Gipfel wären auf echten Gipfeln besser aufgehoben, wenn sie denn überhaupt erforderlich sind.
karend 08.07.2017
2. .
"Etwa 60 Autonome marodieren durch zwei Wohngebiete, setzen Autos in Brand, ängstigen Anwohner - (...)." 60. Keine 600. Diese 60 hätten von der Polizei gestoppt und festgenommen werden müssen. Hamburgs Regierende haben versagt. Allerdings war bereits die Entscheidung, den G20-Gipfel in Hamburg durchzuführen, falsch. Aber wer erwartet noch bedachte Entscheidungen von Politikern ...
Jürgen Thiede 08.07.2017
3. "von der Polizei ist nichts zu sehen"
Die Polizei ist immer schuld. Hätte sie eingegriffen, hätte es wieder geheißen, sie hätte die Gewalttäter provoziert. Greift sie nicht ein, heißt es: "Auf die Polizei warten die Hamburger vergeblich."
InannasHost42 08.07.2017
4. militärisch-taktische Meisterleistung
Warum kam die Polizei nicht? Meine - dies sei betont - Vermutungen: Die Polizei hat sich zu dieser Zeit auf den Schutz der Konvois und des Sicherheitsbereichs konzentrieren müssen, da mehrere Aktionen zur Blockade und Verzögerung des Gipfels erwartet wurden. Als die ersten Rauchwolken in den Himmel stiegen, konnte ich in der Innenstadt (Hochhaus, Nähe Messegelände) beobachten, wie zunächst einzelne Streifenwagen, dann Mannschaftswagen und zu guter Letzt auch Wasserwerfer und Räumpanzer mit ungewöhnlich hoher Geschwindigkeit Richtung Westen fuhren. Derweil waren die Rauchsäulen bereits hundert Meter hoch, kamen aus mehreren Quellen und zogen Richtung Volkspark. Man könnte (Konjunktiv) also das Fazit ziehen: Es handelte sich um ein Ablenkungsmanöver um feindliche Kräfte zunächst zu teilen und diese an einer zweiten Front zu binden. Ich möchte nicht glauben, dass das Zufall war, zufällig war allenfalls der Ort, je nachdem, wo ein Übernachtungscamp der Aktivisten genehmigt wird. Gute Planung - mäßiger Erfolg: Melania Trump kam zu spät zum Klassentreffen und verpasste ausgerechnet den Besuch im Klimaforschungszentrum. Da alle wissen, dass sie der Brain im Clan Trump ist, hätte das vielleicht sogar etwas für den Gipfel bewirkt - wir werden es nie erfahren. Wie gesagt - alles nur Theorie. Aber die schwarzen Rauchwolken am Hamburger Morgenhimmel waren wenigstens ein kleiner Beitrag der G20-Gegner zum Klimawandel. Die Herren Beuth und Blechschmidt ringen derweil mit unterschiedlichen Worten um Fassung und Verständnis bei verschreckten Anhängern. Allerdings hat Herr Beuth jetzt mal wieder ein Interview gegeben, dass ihn Kopf und Kragen kosten sollte. Gratulation.
suedhoern 08.07.2017
5. Selbstgemacht.
Ganz sicher bin ich kein Fan von Gewalt + Ausschreitung, aber Hamburg ist seit jeher das Mekka der Autobrände. Mir wird nicht klar, wie man als Regierung so viel beispiellose Ignoranz aufbringen kann, um mit solch fragwürdig erfolgreichen Gipfeln tagelang den Verkehr in Großstädten lahmzulegen, Anwohner durch Kontrollen in den Wahnsinn zu treiben + diese Protestaktionen auch noch herauf zu beschwören. Eine weise Location wäre auch die Mark Brandenburg oder Lüneburger Heide gewesen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.