Schaulustige bei G20-Krawallen Gewalt gucken, wie geil!

Schaulustige bestaunen die Krawalle in Hamburg. Für sie ist die Gewalt ein unterhaltsames Spektakel, begeistert machen sie Selfies, manche lassen sich gar zu Straftaten verleiten. Courage beweisen nur wenige.

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Es sind nur ganz wenige Menschen und dann vor allem Frauen, die offenbar wenig Angst vor den Autonomen haben oder die überhaupt Probleme mit diesen Gewaltausbrüchen hier zu haben scheinen. Hin und wieder fasst sich eine ein Herz, schimpft und versucht, die Vermummten daran zu hindern, Gehwegplatten zu zertrümmern, Munition in Form von Steinen zu sammeln. Ein paar Leute werfen Bruchstücke und Flaschen in ein Gebüsch. Doch die meisten Leute, die am Freitagabend auf dem Neuen Pferdemarkt herumstehen und Bier trinken, halten sich zurück. Und bestaunen das Spektakel.

Auf der großen Kreuzung und in den Straßen rundherum im Hamburger Schanzenviertel spielen sich absurde Szenen ab. Vermummte laufen mit Steinen und Flaschen in der Hand durch Gruppen von Demonstranten und Schaulustigen, die Menge duldet sie wohlwollend. Nur wenn Autonome Steine oder Flaschen werfen und dabei zu nahe an die Zuschauer geraten, weichen diese zurück - aus Angst vor der Rache der Wasserwerfer.

Hunderte sind gekommen, womöglich sogar Tausende, darunter viele friedliche Aktivisten und Anwohner, aber eben auch offensichtliche Ausflügler in Flipflops und mit Sonnenbrille, mit Kindern an der Hand oder mit Hund an der Leine, ausländische Touristen und junge Männer mit Strohhüten - teilweise kippt die Stimmung ins Ballermanneske: Ein paar Hundert Meter entfernt zieht friedlich eine große Fahrraddemo über den Kleinen Schäferkamp, ein offensichtlich Besoffener grölt vom Gehweg aus zwei vorbeifahrenden jungen Frauen hinterher: "Ausziehen! Zeig mal Titten!" Party People. Und das vor der futuristisch-aufregenden Kulisse von Wasserwerfern, Räumpanzern und Hunderten Polizisten.

Der Dönerladen beim Neuen Pferdemarkt macht auch sonst ein gutes Geschäft, an Sommerabenden versammeln sich hier viele vor allem junge Leute. In diesen Tagen dürfte sein Umsatz deutlich höher ausfallen. Viele Schaulustige lassen sich auf den Holzbänken vor dem Laden nieder, essen und kommentieren das Geschehen mit ihren Freunden, fachsimpelnd wie bei einem Bundesligakick. Vor der naheliegenden Apotheke hat einer ein Fernglas dabei, mit dem er aus sicherer Distanz, etwa 40 Meter, sicherstellen will, auch ja nichts von der heißen Action zu verpassen.

Unweit vom Neuen Pferdemarkt gehen erste Barrikaden in Flammen auf, Menschen machen Selfies mit Feuerkulisse, sie jubeln den Autonomen zu; es ist, man muss das ohne falsche moralische Empörung feststellen, eine Art pervertiertes Freilufttheater hier, regelrechte Gewaltfestspiele, Protest dagegen regt sich nur vereinzelt. Ein paar Mädchen posieren für Fotos mit Bierflasche vor der österreichischen Spezialeinheit Wega. Ob sie - oder die anderen Krawallzuschauer - womöglich die Beamten behindern? Who cares.

Rauchsäulen steigen in den Himmel, Qualm liegt in der Luft, mehrere Barrikaden fackeln ab. Angst, dass die Situation eskalieren könnte, hat offenbar niemand. Auch nicht, als es langsam dunkler wird, die Polizei für lange Zeit nicht zu sehen ist, die Feuer größer werden. Die Schaulustigen filmen und fotografieren alles fröhlich mit.

Als eine Gruppe junger Männer in bunten T-Shirts ihre Bierflaschen an einem Stromkasten abstellt, fängt eine Anwohnerin an zu pöbeln: "Ihr wisst schon, dass die gleich auf Polizisten fliegen? In die Schanze kommen und Hipster spielen, ich fasse es nicht." Die Jungs zucken mit den Schultern und ziehen weiter.

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Randale bei G20-Gipfel: Spur der Verwüstung

Mancher Protestpartybesucher lässt sich gar zu Straftaten verleiten. Etwas weiter nördlich inmitten des Schanzenviertels schlendern stolz ein paar junge Männer mit vielen Flaschen Wein entlang und brüsten sich am Handy lautstark damit, einen Drogeriemarkt geplündert zu haben. Andere, die das hören, fühlen sich inspiriert. "Digga, sei nicht so schüchtern, nur schnell rein und raus", sagt einer zum anderen - und ab geht's.

Andere Krawalltouristen, junge Männer, die kaum dem harten Kern der Autonomen angehören dürften, ziehen sich immer wieder von schwarz auf bunt um, etwa, wenn sie gerade eine Barrikade angezündet haben. Ein Großteil mag gerade einmal volljährig sein. Schaulustige nehmen sie in der Menge auf, versorgen sie mit Informationen über den Standort der Polizei, warnen und schützen sie.

Zwei 15-jährige Hamburger stehen direkt neben brennenden Barrikaden am Neuen Pferdemarkt. Sie sind ganz in schwarz gekleidet. "Wir sind hier, weil wir sehen wollen, wie Leute gegen die Polizei vorgehen", sagt einer. Gegen den G20-Gipfel seien sie auch. "Er kostet zu viel Geld, man sollte es den Obdachlosen geben." Kurzzeitig hätten sie Angst bekommen, weil die Polizei auf sie zugerannt sei. Hier, neben den brennenden Barrikaden, würden sie sich aber wieder sicher fühlen.

Solche Szenen sind allgegenwärtig bei den gewalttätigen Protesten gegen den G20-Gipfel. Schaulustige brüllen den Polizisten "Haut ab!" entgegen, oder auch "Ganz Hamburg hasst die Polizei!", oder "Dieses Viertel gehört uns!". Sie jubeln und sie johlen, wenn Vermummte Flaschen und Steine werfen, wenn sie Böller zünden. Sie folgen der Gewalt, stets auf der Jagd nach dem besten Aussichtspunkt.

Auch als die Polizei am späten Abend beginnt, Richtung Schulterblatt und Rote Flora vorzurücken, stehen die Menschen noch auf dem Neuen Pferdemarkt dicht gedrängt, jeder will den besten Blick ergattern, wie bei einem Rockkonzert, so als spielten Rammstein eine ihrer gigantischen Pyroshows. Nur ist dieses Mal die Bühne die Straße.

Video: "Hier war stundenlang keine Polizei"



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Seite 1
so-oder-so 08.07.2017
1.
Was soll man denn machen? Sich dem besoffenem, schwarzen Block entgegenstellen, dann als Nazi beschimpfen und totschlagen lassen?
Mach999 08.07.2017
2.
Die Polizei hat alle in einen Topf geschmissen und kräftig umgerührt. Camp geräumt, ohne dass davon Gewalt ausging, weil es hätte ja können. Demo blockiert und angegriffen, ohne dass davon Gewalt ausging, weil es hätte ja können. Kein Wunder dass das zu einer Solidarisierung von friedlichen Demonstranten mit den Gewalttätern führt. Wenn man sowieso von der Polizei in einen Topf geworfen wird, dann fühlt man sich irgendwann auch so. Es hätte so oder so Krawalle gegeben. Aber sie wären nicht so verheerend gewesen, und es wäre nicht zu einer breiten Solidarisierung gekommen. Diese Entwicklung hat sich die Polizeiführung selbstzuzuschreiben.
bamesjond0070 08.07.2017
3. Wer da war
Weiß das die Berichterstattung leider die Situation nicht voll trifft. Ich sah eine N24 live Berichterstattung und konnte meine Augen nicht trauen, die Ausschreitungen war keine 100 Meter von mir weg, aber obwohl alles voller friedlicher Demonstranten war, war nur von Gewalttätern und Schaulustigen die Rede. Darf man jetzt nicht mehr friedlich präsenz bei einer Demo zeigen? Muss man jetzt Steine werfen um als Demonstrant anerkannt zu werden?
gepide 08.07.2017
4. Ich hätte . . .
. . . - vor allem als Mann - mehr Angst vor den vermummten Ordnungshütern, die sich ohne Sorgen vor Konsequenzen jeden Übergriff erlauben können. Sie sind ja nicht zu identifizieren und wenn doch schützen Dienstherr, Staatanwalt und Richter sie schon vor Konsequenzen. Das gilt um so mehr, wenn man berücksichtigt, was für Charaktere sich da tummeln: siehe Berliner Polizisten die voriger Woche nach Exzessen wieder zurück geschickt wurden. Ich glaube nicht, dass die Hamburger Polizei (oder die anderer Städte) frei von solchen Figuren ist. Und die werden dann nicht nur auf Gewalttäter losgelassen, sondern auch auf friedliche Demonstranten oder Unbeteiligte!
Björn L 08.07.2017
5. Was Hamburg zu ertragen hat ist weder verwunderlich noch entschuldbar
Alsbald die Polit-Elite zusammenkommt, sind die Links-Extremisten in hochform und rotten sich zusammen. Wie üblich brennen Autos (besonders schäbig bei Kleinwagen und alte Fahrzeuge, die keinesfalls Teilkasko versichert sind), es fliegen Steine samt Cocktailparties nach molotowschen Rezept. Ladenbesitzer verbarikarieren sich und bringen Anti-G20 Plakate an ihren Fenstern an, in der Hoffung somit dem Mob nicht ausgeliefert zu sein. Ein Supermarkt wurde geplündert und Linke haben sich in einem PC-Geschäft Apple-Geräte bedient - wow, authentischer "Links" kann man nicht sein, wenn Kommerzprodukte der Luxusklasse geklaut anstatt zerstört werden sowie überwiegend dem kleinen Mann sein Hab und Gut vernichtet wird. Alles was passiert und noch passieren wird, hat die Politik zu verantworten. Einen Gipfel in einer Großstadt auszurichten bei solch Erfahrungswerten ist vorsätzlich und bewußt (konjunkturfördernd ?)einkalkuliert. Aber keiner derer wird dafür zu zahlen haben, der Steuerzahler und ggf. Versicherungen werden dies ausbaden. Glückwunsch. Wenn man sich im Digital-Zeitalter schon persönlich treffen muß, dann ohne Entertainmentprogramm für die Elite und abgelegen auf einer Insel. Sie werden dann feststellen wie friedlich alles sein kann, da der Pöpel keine Yachten chartert, um seine gewaltbereiten Vollzeit-Prolls zu versammeln. Schade für Hamburg, aber scheinbar nötig, um Lehren zu ziehen, zumindest der Wähler kann dies tun.
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