Galliano vor Gericht: Auftritt eines Gefallenen

Von Nora Gantenbrink

Er liebte den Laufsteg, den Glamour, die glitzernde Modewelt - und die Modewelt liebte ihn. Bis er Adolf Hitler lobte. Wegen antisemitischer Äußerungen muss sich Selbstinszenierer und Stardesigner John Galliano jetzt in Paris vor Gericht verantworten.

John Galliano: Vom Wunderknaben zum Pöbler Fotos
AP

Hamburg - Die Geschichte des Modedesigners John Galliano ist die Geschichte einer Gratwanderung und sie beginnt lange vor diesem verfluchten Tag im Februar, von dem er später sagen wird, es sei nicht er gewesen, der da sprach, sondern ein anderer Mensch. Vollgepumpt mit Alkohol und Medikamenten.

"Unzurechnungsfähig" sei dieser Mensch gewesen, sagte sein Verteidiger Aurélien Hamelle. Aber all das ändert nichts an den Szenen in der Kneipe, die eine Handykamera dokumentierte und die um die Welt gingen, nachdem die britische Boulevardzeitung "The Sun" den Film im Februar öffentlich machte.

In eben diesem berühmten Video sitzt Galliano, der Modedesigner, mit Militärkappe und lallender Zunge in seiner Pariser Stammkneipe "La Perle" und sagt zu seinen Tischnachbarn "I love Hitler!". Und: "Leute wie Sie sollten tot sein. Ihre Mütter, Vorfahren sollten alle verdammt nochmal vergast sein!" Auf die Frage der Sitznachbarn, woher er komme, antwortet Galliano in dem Video: "Aus ihrem Arsch!" Es war das Ende für Gallianos Karriere als Chefdesigner von Dior.

Seit Mittwoch steht John Galliano in Paris wegen öffentlicher rassistischer Beleidigungen in zwei Fällen vor Gericht. Er erschien zum Prozessauftakt mit einer sehr weiten schwarzen Hose und einem dunklen Sakko, ein Tuch um den Hals.

Galliano entschuldigte sich vor Gericht für seine antisemitischen Ausfälle, die in dem Internet-Video zu sehen sind. Diese Aussagen, so der Modeschöpfer, reflektierten "die Hülle von John Galliano ... jemand, der Hilfe braucht".

"Ich wollte es mir nicht eingestehen"

Die Vorsitzende Richterin fragte Galliano auch nach dem Vorfall vom Februar, bei dem Galliano ein Pärchen mit antisemitischen Pöbeleien beleidigt haben soll. Galliano antwortete, er erinnere sich an nichts. Er sei abhängig von Alkohol und Schlaftabletten. Nach jedem kreativen Hoch sei er gefallen. Der Alkohol habe ihm geholfen. Warum er der Polizei nach seiner Verhaftung nichts von seiner Sucht erzählt habe? "Ich wollte es mir nicht eingestehen." Nach seiner Festnahme im Februar habe er sich einer Therapie in Arizona und der Schweiz unterzogen - der "Basler Zeitung" zufolge auf Anraten von Kate Moss und Naomi Campbell.

Am späten Mittwochabend beantragte die Staatsanwaltschaft eine Geldstrafe von 10.000 Euro für Galliano. Das Gericht vertagte die Urteilsverkündung auf den 8. September.

Dior, das berühmte Haute-Couture-Haus, trennte sich nach dem Eklat offiziell von ihrem einst gefeierten Genie und Chefdesigner. Galliano, der Mensch, hatte Galliano, die Modemarke, beschmutzt, und Dior wollte nichts von dem Schmutz abbekommen.

Die Glamourwelt reagierte mit Entsetzen auf Gallianos Entgleisungen: Seine opulenten Roben waren plötzlich nicht mehr "Ohhh!", sondern out. Natalie Portman äußerte sich "zutiefst schockiert" und "angewidert". Mehrere Stars boykottierten Galliano-Kleider. Die Glamourwelt und Modeszene - berühmt für Koks, Exzess und Hurerei - wandte sich ab. Galliano hatte eine Grenze überschritten.

"Dreckiges Judengesicht"

Auch Karl Lagerfeld kritisierte Gallianos Benehmen: "Dieses Bild ist um die Welt gegangen. Es wirft ein schreckliches Bild auf die Mode, weil die Leute glauben werden, alle Designer und die ganze Modewelt seien so."

Wegen des öffentlich gewordenen Nazi-Videos verlor Galliano seinen Job. Wegen weiterer antisemitischer Pöbeleien steht er jetzt vor Gericht. Denn Gallianos rassistische Äußerungen im "La Perle" waren wohl keine Ausnahme. Der 50-jährige Modeschöpfer hat angeblich noch eine Frau bereits Monate zuvor als "dreckiges Judengesicht" beschimpft. Die Frau und das Paar hatten Klage gegen Galliano eingereicht.

Wie der "Stern" berichtete, hat die Polizei an dem besagten Abend im Februar einen Blutalkoholwert von 1,1 Promille bei Galliano gemessen. Auf öffentliche rassistische Beleidigungen stehen in Frankreich bis zu sechs Monate Haft und 22.500 Euro Geldstrafe.

John Galliano, geboren 1960 in Gibraltar als Juan Carlos Antonio Galliano, galt noch nie als sonderlich brav. Die Provokation und der Wahnsinn ziehen sich wie rote Fäden durch sein Leben. Galliano wuchs in einem Arbeiterviertel in recht einfachen Verhältnissen auf, arbeitete sich aber ehrgeizig nach oben. Sein Handwerk verstand er perfekt, er studierte in der Londoner Kreativschmiede Central Saint Martins College of Art & Design. Neben dem Studium jobbte er als Ankleidehilfe im Theater und machte sich mit selbst kreierten Kostümierungen in der Club-Szene einen Namen.

Exzess und Exzentrik

Seine Spezialität waren untragbare, ausgefallene Kleider, überdimensionale Ballonröcke und ein Hang zur Dramatik. Galliano ließ sich von der Französischen Revolution inspirieren, aber auch von Bollywood oder Las Vegas. Und er machte mit irren Inszenierungen Furore, zeigte seine Schauen auf der Rennbahn oder in einem improvisierten Roma-Lager. Seine Models wirkten wie Traum-, manchmal auch wie Alptraum-Gestalten.

Der "Stern" bezeichnete ihn als "Mode-Hooligan", französische Zeitungen als "Enfant terrible". Oft hatte man den Eindruck, Galliano schwebe zwischen Genialität und Wahnsinn, während andere den medienscheuen Designerstar als scheu und sehr sensibel beschrieben.

Als John Galliano im Oktober 1996 bei Dior antrat, war das Entsetzen der französischen Presse zunächst groß. Dass dem "jungen Wilden", dem Exzentriker aus Großbritannien, das kreative Ruder bei einem der nobelsten Modehäuser der Welt anvertraut wurde, schockierte und war vor allem gänzlich "unfranzösisch".

Niemand rechnete damit, dass Galliano mehr als 14 Jahre bei Dior bleiben würde. Niemand rechnete damit, dass er die Umsätze Diors vervielfachen würde und dass Königin Elizabeth II. persönlich Galliano für seine Verdienste auszeichnen würde. Niemand rechnete allerdings auch damit, dass der Mann irgendwann wegen Nazi-Pöbeleien "unehrenhaft" entlassen und vor Gericht stehen würde.

Wie tief Galliano noch fallen wird, hängt vom Urteil des Pariser Gerichts ab. Supermodel Kate Moss, die gut mit Galliano befreundet ist und im Juli den Sänger von "The Kills" heiraten wird, hat sich gewünscht, dass Galliano ihr Hochzeitskleid entwirft. Zumindest Moss kann Galliano, was Skandale betrifft, nicht so leicht schockieren.

Mit Material von der dpa

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insgesamt 28 Beiträge
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1. die Spezialität
janne2109 22.06.2011
-----Seine Spezialität waren untragbare, ausgefallene Kleider, überdimensionale Ballonröcke und ein Hang zur Dramatik----- es ist völlig in Ordnung, dass Dior ihn sofort freigestellt und dann schnell entlassen hat, eines allerdings zur Untragbarkeit seiner Modelle: Er hat das Revival von Dior erst möglich gemacht, die Marke war so tot wie in Mumie im Keller der Vergessenheit. Heute hat Dior weltweit Geschäfte die einen sehr erklecklichen Umsatz machen, Schmuck etc. Ohne ihn wäre das nicht möglich gewesen. Schade- Spon hätte nur die Umsatzzahlen vor seinem Eintritt und bei Beendigung seiner Arbeit bei Dior nennen sollen statt von -untragbar- zu sprechen.
2. Keine Ahnung..
phiasko76 22.06.2011
..von Mode, aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass dem Mann einfach ein paar Sicherungen durchgebrannt sind. Was wohl nicht zuletzt dem Geschäft und der Welt geschuldet ist, in dem er seit Jahren arbeitet, dass, soviel weiß sogar ein Beobachter aus weiter Ferne, schon einige seiner größten Talente "gefressen" hat, bzw in den Wahnsinn, Freitod getrieben hat. Ich denke, dass ist wieder so ein Fall, wo das System an sich krankt. Das der MAnn jetzt vor Gericht steht und dabei (allein und ohne großes Hinterfragen) durchs Dorf getrieben wird, ist auch schon wieder typisch für unsere gesellschaftlichen Reflexe. Haben wir wieder einen erwischt..und den machen wir jetzt, stellvertretend für den kleinen fiesen Mann von nebenan, fertig..
3. Amüsant?
Demokratischer_Beobachter 22.06.2011
Wie in dem Video deutlich zu hören, sind die Damen am Nebentisch offenbar reichlich amüsiert, denn sie kichern und lachen, scheinen also nicht sonderlich beleidigt auf das Gelalle des stark Alkoholisierten (oder unter Drogen stehenden) zu reagieren.
4. und alle so: Yeah!
Phil1305 22.06.2011
sehr schönes Detail, dass der Artikel explizit das Outfit erwähnt in dem Galliano vor Gericht erschien... nett :-)
5. Unbehagen
bodo77 22.06.2011
Zitat von sysopEr*liebte den Laufsteg, den Glamour, die glitzernde Modewelt -*und*die Modewelt*liebte ihn. Bis*er Adolf Hitler lobte. Wegen antisemitischer Äußerungen muss sich Selbstinszenierer und Stardesigner John Galliano jetzt in Paris vor Gericht verantworten. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,769869,00.html
Ein gewisses Unbehagen beschleicht mich, wenn ich dieses Video des lallenden Galliano sehe, antisemitische Beleidigungen ausstoßend, aber eigentlich eher Mitleid erregend oder lächerlich, denn strafwürdig. Hitler scheint die letztmögliche Provokation in Europa zu sein, der Fall erinnert auch ein wenig an Lars von Trier in Cannes. Nun wird erforscht, ob Galliano ein echter Antisemit ist, oder nur so getan hat als ob. Das geht leider in Richtung Gedankenpolizei.
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