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Gefälschte Gutachten: US-Gerichtsmediziner sollen Ergebnisse manipuliert haben

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Hunderte Ergebnisse von Blutuntersuchungen hat ein staatliches Institut in den USA offenbar verfälscht. Dies trug möglicherweise zur Verurteilung Unschuldiger bei - ein Mann wurde kürzlich nach 17 Jahren Haft rehabilitiert. Der Bericht zweier Ex-FBI-Agenten brachte den Skandal zutage.

Gutachter-Skandal: Schuldig dank gefälschter Labor-Ergebnisse? Fotos
AP

Raleigh - Die Vorwürfe sind schwerwiegend: Über Jahre sollen Angestellte eines staatlichen forensischen Labors im US-Bundesstaat North Carolina die Ergebnisse von Blutuntersuchungen verfälscht, verheimlicht oder unterschlagen haben - zum Nachteil der Angeklagten. Mindestens 230 Laborberichte aus den Jahren 1987 bis 2003 sind laut einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht zumindest unvollständig.

Rund 15.000 Verdachtsfälle untersuchten die beiden ehemaligen FBI-Agenten Chris Swecker und Mike Wolf insgesamt. Hinweise, die Angeklagte hätten entlasten können, seien von den Gerichtsmedizinern des State Bureau of Investigation (SBI) systematisch unterschlagen worden, heißt es in dem Bericht.

"Informationen, die für die Angeklagten wesentlich und vorteilhaft waren, wurden nicht an das zuständige Gericht weitergeleitet", erklärte Swecker, einer der Autoren des Berichts, am Mittwoch.

In der Regel sind die Methoden, mit denen am Tatort erste Proben genommen werden, nicht hundertprozentig verlässlich. Sie werden deshalb immer durch aufwendige Zweituntersuchungen ergänzt. So kann es vorkommen, dass erste Hinweise auf Blutspuren eines Verdächtigen am Tatort in späteren Tests nicht bestätigt werden. In North Carolina sollen solche revidierten Ergebnisse zwar handschriftlich vermerkt, vor Gericht aber niemals vorgebracht worden sein. Auch seien die Verteidiger der Angeklagten darüber nicht informiert worden.

Bis 1997 habe es überhaupt keine klaren Anweisungen dazu gegeben, wie Laborergebnisse kommuniziert werden müssten. "Dies hing ausschließlich von der subjektiven Einschätzungen des Laboranten ab", so Swecker. Von 1997 bis 2003 sei es dann Politik des Hauses gewesen, komplizierte Zweitgutachten ganz unter den Tisch fallen zu lassen.

Zwar sei nicht nachzuweisen, dass deshalb Unschuldige verurteilt wurden, hieß es. Es müsse jedoch geklärt werden, ob sich Angeklagte nur aufgrund der belastenden Laborberichte zu einem Geständnis gezwungen gesehen hätten, um ein milderes Urteil zu erreichen.

"Eine völlig inakzeptable Praxis"

Generalstaatsanwalt Roy Cooper hatte die Untersuchung im März angeordnet, nachdem ein SBI-Agent bezeugt hatte, dass die Gutachterstelle den Verteidigern Ergebnisse von Blutanalysen vorenthalte.

"Dieser Bericht ist besorgniserregend. Er beschreibt eine Praxis, die schon damals inakzeptabel war und es auch heute ist", sagte Cooper am Mittwoch auf einer Pressekonferenz. Jetzt will der Generalstaatsanwalt alle in dem Bericht genannten Fälle an die betreffenden Bezirke zurückverweisen, wo sie geprüft werden sollen. In einigen Fällen könnten Prozesse neu aufgelegt werden, in anderen kommt die Untersuchung zu spät: Drei Angeklagte wurden bereits wegen Mordes hingerichtet - alle zwischen 2000 und 2003 Exekutierten hatten zuvor ein Geständnis abgelegt.

"Das wirft ein schlechtes Licht auf die gesamte serologische Abteilung", schimpfte Mary Pollard von Prisoner Legal Services (NCPLS), einer Non-Profit-Organisation, die den etwa 40.000 Strafgefangenen in North Carolina Rechtsbeistand bietet. "Absolut entsetzlich" seien die Vorwürfe, sagte sie dem "Newsobserver" und erklärte, ihre Organisation werde die Fälle aller 80 noch einsitzenden Strafgefangenen aufrollen.

Auch die beiden verurteilten Mörder von James Jordan, dem Vater von NBA-Star Michael, gehören zu dieser Gruppe. Sie sollen Jordan 1993 in seinem Auto getötet haben und müssen lebenslängliche Haftstrafen verbüßen.

Personelle Konsequenzen

Duane D., der seit 23 Jahren für das SBI arbeitet, wird mit fünf Fällen in Verbindung gebracht. In mindestens drei davon soll er Laborergebnisse aus Zweit- oder Drittuntersuchungen als "nicht beweiskräftig" oder "ergebnislos" bezeichnet haben - obwohl sie bescheinigten, dass kein Blut der Angeklagten am Tatort gefunden worden war. "Bei solchen Untersuchungen gibt es keine 'nicht beweiskräftigen Ergebnisse'", so Swecker lakonisch.

Auch im Fall von Greg Taylor, einem als Mörder verurteilten Mann, der 17 Jahre lang unschuldig im Gefängnis saß und jetzt rehabilitiert wurde, soll D. manipuliert haben: Im Februar hatte D. zugegeben, ein Zweitgutachten unterschlagen zu haben, das Taylor entlastete. Demnach handelte es sich bei der Substanz, die auf dem Beifahrersitz des Geländewagens des Angeklagten gefunden worden war, doch nicht um das Blut des Opfers.

Laut "Kansas City Star" erklärte D. jetzt, er habe lediglich auf Geheiß seines Vorgesetzten gehandelt. Sieben weitere Kollegen sind verdächtig, vier von ihnen noch beim Landeskriminalamt beschäftigt.

Lokalzeitungen zufolge sollen die Gutachter lange Zeit nach Gutdünken mit Laborergebnissen verfahren seien - abhängig davon, welchem Staatsanwalt sie gerade einen Gefallen tun wollten.

Der SBI-Chef Greg McLeod suspendierte D. vorübergehend vom Dienst. "Ich kann mit Sicherheit sagen, dass die Geschichte weitere personelle Konsequenzen haben wird", kündigte er an.

Künftigen Interessenkonflikten vorbeugen

Die Angehörigen der Verurteilten hoffen auf Wiedergutmachung: "Im Verfahren gegen unseren Vater gab es keine Augenzeugen, keine Tatwaffe und kein glaubhaftes Motiv", schreibt die Familie des wegen Mordes verurteilten Michael Peterson in einem Beitrag für den "Newsobserver". Peterson sei ausschließlich auf Basis der forensischen Analysen des umstrittenen D. und seiner Kollegen verurteilt worden, einer "Schrottwissenschaft, die die Anklage unterstützen und nicht die Wahrheit ans Licht bringen sollte", so die Familie.

Jetzt wird in Raleigh diskutiert, ob die Einrichtung eines unabhängigen Labors der Befangenheit ein Ende bereiten könnte. Der neue SBI-Leiter McLeod kündigte an, die serologische Abteilung umstrukturieren und einen Ombudsmann einsetzen zu wollen. Er sei prinzipiell nicht gegen ein unabhängiges Institut, wolle der Ermittlungsbehörde aber das Vorrecht sichern, Beweise sammeln und analysieren zu dürfen.

In zwölf US-Bundesstaaten gibt es bereits öffentlich finanzierte forensische Labore, die mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten, ihnen aber nicht unterstellt sind.

Mit Material von AP

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