Gefängnis-Skandal in Brasilien Polizei sperrte Mädchen in Männerzelle

Verbrechen hinter Gittern: Eine 15-jährige Brasilianerin wurde mit Dutzenden Männern in eine Zelle gesperrt und über Wochen hinweg vergewaltigt. Das Land ist empört. Doch der Fall ist offenbar keine Ausnahme.

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Hamburg - Der Fall begann mit einem Bagatell-Delikt. Am Sonntag, den 21. Oktober, nahm die Polizei in der Stadt Abaetetuba im brasilianischen Bundesstaat Pará einen Teenager fest. Die Beamten warfen dem Mädchen vor, einen Diebstahl begangen zu haben, und nahmen es mit auf die örtliche Wache.

Was dann geschah, ist schlicht unfassbar: Die Polizisten sperrten das Mädchen in eine Zelle der örtlichen Wache. Dass diese bereits belegt war, störte sie offenbar nicht. Mindestens 20 Männer drängten sich dort auf engstem Raum.

Die Polizisten steckten das verängstigte Mädchen zu den Gefangenen und ließen sie dort. Etwa einen Monat lang. Was sich in der Zelle zugetragen haben soll, wurde den brasilianischen Medien zunächst von einem anonymen Anrufer übermittelt und empört inzwischen das ganze Land.

"Sie wurde vom ersten Tag an vergewaltigt", beschreibt eine Sprecherin des brasilianischen Schutzzentrums für Kinder und Jugendliche, "Cedeca", die haarsträubende Situation. Zwischenzeitlich seien sogar 34 Männer mit dem Mädchen in der Zelle eingesperrt gewesen. "Sie ist unzählige Male missbraucht und gezwungen worden, ihr Essen mit Sex zu bezahlen", berichtete der Präsident der Menschenrechtskommission der brasilianischen Anwaltskammer, Miere Cohen.

Ob die Beamten Zeugen der mutmaßlichen Vergewaltigungen wurden, ist bisher nicht bekannt. Zudem weiß niemand genau, was dem Mädchen vor der Inhaftierung überhaupt vorgeworfen wurde. Zwar sei sie Verdächtige in einem Fall von Diebstahl. "Die Polizei war aber nicht in der Lage, uns zu sagen, um welchen Fall es sich dabei handelt", erklärte Cohen. Es sei noch nicht einmal offiziell Anklage erhoben worden. Trotzdem habe man sie einen Monat lang festgehalten.

Es dauere in der Regel sehr lange, bis Festgenommene dem Haftrichter vorgeführt würden, bestätigt Brasilien-Expertin Susanne Pack von Amnesty International: "Weil sich auch die Anklageerhebung hinzieht, wissen viele noch nicht einmal, warum sie überhaupt einsitzen." Die Mehrheit der Gefangenen hätte zudem kein Geld und könne sich keinen Anwalt leisten.

Auch das mutmaßliche Opfer im Vergewaltigungsfall kommt aus einer armen Familie. Das Mädchen sei "verzweifelt und sehr verängstigt", aber durchaus in der Lage, die Polizeibeamten zu identifizieren, die sie in die Zelle gesperrt hätten, sagte eine "Cedeca"-Sprecherin. Auch würde sie die Gefangenen wiedererkennen, die sie vergewaltigt hätten: "Sie ist bereit, zu sprechen." Die Zeitung "O Globo" berichtete heute, die gesamte Familie sei inzwischen in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden, um ihre Sicherheit zu garantieren.

Auch über das Alter des Mädchens war spekuliert worden. Die Angaben lagen zwischen 15 und 20 Jahren. Der Vater des Mädchens erklärte der Zeitung "O Globo" zufolge, er sei von drei Polizisten dazu gezwungen worden, eine Geburtsurkunde vorzulegen, in der das Alter des Mädchens mit 20 angegeben sei. Das echte Dokument, das die Familie besitze, beweise aber, dass das Mädchen erst 15 Jahr alt sei.

"Das tatsächliche Alter ist irrelevant, weil man sie niemals mit Männern in eine Zelle hätte sperren dürfen", erklärte die Gouverneurin des brasilianischen Bundesstaates Pará. "Ich bin schockiert und empört, als Frau und als Gouverneurin", so Ana Julia Carepa. Sie kündigte an, dass der Verantwortliche "exemplarisch bestraft" und sich ein solcher Vorfall nicht wiederholen würde.

Eingesperrt mit 70 Häftlingen - einen Monat lang

Ein vollmundiges Versprechen, sind doch die Haftbedingungen in brasilianischen Gefängnissen und Polizeistationen notorisch schlecht. Die Anstalten sind berüchtigt für ihre überfüllten Zellen und die katastrophalen Zustände. In mindestens drei weiteren Fällen seien Frauen zusammen mit Männern eingesperrt worden, erklärten örtliche Frauenrechtsgruppen in Belém, der Hauptstadt des Bundesstaates Pará. Erst vor kurzem war der Fall einer 23-jährigen Gefängnisinsassin bekannt geworden, die - ebenfalls in Pará - mehr als einen Monat lang mit 70 Männern eingesperrt worden war.

Die Situation der weiblichen Häftlinge ist besonders alarmierend: "Wir hören immer wieder von Frauen, die in der Haft sexuell missbraucht oder gefoltert werden, die unter unmenschlichen und gesundheitsschädigenden Bedingungen dort leben", sagt Tim Cahill von Amnesty International.

Kommissarin Liana Martins Paulino ist mit den Ermittlungen zu dem Fall betraut. Sie sagte der Lokalzeitung "Diário Do Pará", die Übergriffe auf das Mädchen hätten vermieden werden können: "Es gibt ein öffentliches Gefängnis in der Stadt, mit etwas gutem Willen hätte man das Mädchen dahin überstellen können", so Paulino.

Tatsächlich hätte ein solches Vorgehen Schlimmes verhindern können, denn in den staatlichen Haftanstalten wird durchaus nach Geschlechtern getrennt. Die Situation auf den brasilianischen Polizeiwachen sei um einiges schlechter als in den Strafanstalten, erklärt der Brasilienexperte der Menschenrechtsorganisation Justiça Global, Sven Hilbig: "Mehrfachmörder und Ladendiebe sitzen in einer Zelle, auf frischer Tat Ertappte ebenso wie bereits Verurteilte - und das bis zu zwei Jahren."

Laut Strafvollzugsgesetz sei es strengstens verboten, Männer und Frauen in eine Zelle zu sperren, so Hilbig. "Die Gesetze werden aber von den Vollzugsbeamten und den Direktoren systematisch verletzt." Dass die Gouverneurin von Pará sich überhaupt zu dem Fall geäußert habe, sei positiv zu bewerten, sagt Hilbig.

Ob die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen würden, sei eine andere Frage.



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