Gefängnisbesuch bei einem Gewalttäter Wie Florian zum Foltermörder wurde

Er quälte sein Opfer erbarmungslos und schrecklich erfindungsreich. Seine Mutter saß daneben und schaute zu. Die Geschichte des "Foltermörders von Großerlach" ist eine krude Mischung aus Inzest und Gewalt, Habgier und eiskaltem Sadismus. SPIEGEL ONLINE hat den 27-jährigen Täter im Gefängnis besucht.

Von , Stuttgart


Stuttgart - Es gibt Kriminalfälle, die haben von allem zu viel. So viel, dass sie wirken wie ein schlecht inszenierter Film, voller grotesker Übertreibungen und monströser Verwicklungen. Die Geschichte des Florian N. ist so ein Fall.

Am Abend des 10. April 2008 fährt der 26-Jährige mit seiner Mutter von Frankfurt nach Großerlach bei Stuttgart. Dort wohnt sein Bekannter Jan Ove S., dem er seit Jahren für Geld sexuell gefällig ist. Florian möchte seinen Freier an dessen 64. Geburtstag überraschen - und dann töten.

Lebenslang mit besonderer Schwere der Schuld: Florian N. wird mindestens 18 bis 20 Jahre in der JVA Stammheim absitzen
DPA

Lebenslang mit besonderer Schwere der Schuld: Florian N. wird mindestens 18 bis 20 Jahre in der JVA Stammheim absitzen

Seit Monaten spielt er mit dem Gedanken, sich des lästigen Verehrers zu entledigen und ihm gleichzeitig 90.000 Euro zu stehlen, die er in seinem Haus vermutet. Die 49-jährige Mutter Gabriele St. ist in die Pläne eingeweiht, sie soll den Mann mit einem Striptease in Stimmung bringen, bevor der Sohn zuschlägt. Gabriele St. und Florian pflegen ein enges Verhältnis - so eng, dass sie mitunter auch Sex miteinander haben.

Der ahnungslose Jan Ove S. freut sich über den unangekündigten Besuch des seltsamen Paares in seinem zweigeschossigen Haus am Hang. Man trinkt Bier, raucht ein paar Joints und plaudert. Kurz nach Mitternacht zieht sich S. in sein Schlafzimmer im Dachgeschoss zurück. Mutter und Sohn übernachten im Wohnzimmer. Nach allem, was später vor dem Landgericht Stuttgart über die Pläne und Motive der beiden ans Licht kam, darf man annehmen, dass sie vor dem großen Gemetzel einfach noch einmal richtig ausschlafen wollten.

"Ich höre dich nicht, meine Ohren, willst du mich umbringen?"

Am frühen Morgen überredet Florian N. den aus Schweden stammenden Ingenieur nach einigen Drinks, ihn oral zu befriedigen. Als der 64-Jährige sich arglos über N.s Schoß beugt, zerschmettert der ungerührt vier Glasflaschen auf dem Kopf seines Opfers. S. sackt in sich zusammen und blutet stark aus mehreren Platzwunden.

Gabriele S. sitzt direkt daneben auf einem Schemel und beobachtet das Geschehen. Dann reicht sie ihrem Sohn eine Dose CS-Gas, das dieser Jan Ove aus unmittelbarer Nähe ins Gesicht sprüht. "Gib mir dein Geld", fordert Florian, der nicht weiß, dass die begehrten 90.000 Euro lediglich von einem Konto auf ein anderes verschoben, nicht aber in bar abgehoben wurden. "Hier ist keins", beteuert S. wahrheitsgemäß - doch sein Peiniger scheint inzwischen komplett entfesselt zu sein.

Aus der Küche holt er sich ein Filetiermesser und zieht es zweimal über die Kehle seines Opfers. Dann schießt er ihm mit einer Schreckschusspistole aus etwa fünf Zentimeter Entfernung mehrmals ins Gesicht. S. kippt nach hinten. Sein linkes Trommelfell ist geplatzt, in Todesangst schreit er: "Ich höre dich nicht, ruf mir einen Krankenwagen, meine Ohren, willst du mich umbringen?"

N. macht unbeeindruckt weiter. Er begießt sein Opfer mit Reinigungsmitteln und versucht, es anzuzünden - ohne Erfolg. Er legt einen laufenden Staubsauger und eine elektrische Heckenschere auf dem wimmernden Mann ab und schüttet Wasser darüber, um Stromschläge zu erzeugen. Als auch dies misslingt, geht er mit der Heckenschere auf S. los, schlägt ihn mit einem Gürtel, zerschmettert einen Stuhl auf seinem Kopf.

An einem bestimmten Punkt dieses wahnsinnigen, sich über Stunden hinziehenden Kreislaufs von Gewalt, Blut und Schmerzen schnappt sich N. den Fingerprint-gesicherten Würfeltresor und drückt den Finger seines Opfers auf die dafür vorgesehene Stelle. Der Tresor öffnet sich nicht - zu viel Blut klebt an der Hand.

Geordneter Rückzug

Irgendwann gegen Abend lässt Florian N. von Jan Ove ab. Er schließt den Sterbenden im Dachgeschoss ein, nimmt alle Handys im Haus an sich und kappt den Festnetzanschluss. Er beschließt, den Würfeltresor mitzunehmen und aufzusägen, findet darin allerdings später nur 150 Euro Bargeld, elektronische Geräte und Schreckschussmunition. Mutter Gabriele hat während der Folter das Haus nach Wertgegenständen durchsucht. Nun packt das Paar seine magere Beute und das Tatmesser in einen Trolley, schließt das Dachgeschoss ab und macht sich auf den Heimweg.

Die Leiche wird erst fünf Tage später gefunden, nachdem die Untermieterin eine Vermisstenanzeige erstattet hat. Am 17. April nimmt die Polizei zunächst N., eine weitere Woche später die Mutter fest. Beide legen ein detail- und umfangreiches Geständnis ab. Im Dezember 2008 verurteilt sie das Landgericht Stuttgart wegen Mordes in Tateinheit mit schwerem Raub jeweils zu lebenslanger Haft.

Die Fragen, die sich angesichts des Tathergangs stellen, liegen auf der Hand: Ist N. ein rasender, ein wahnsinniger, ein psychisch gestörter Freak oder ein habgieriger, kaltblütiger Räuber? Was ist das für eine Mutter, die mit ihrem Sohn schläft und seelenruhig zusieht, wie er jemanden zu Tode foltert? Wie sollte die Justiz mit solchen Tätern umgehen?

"Wenn ich geduscht habe, ist er einfach reingekommen"

Besuch in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. Blonde Mädchen sitzen leicht bekleidet auf dem Schoß schwerer Jungs, muslimische Mütter zupfen nervös an ihrem Kopftuch und ziehen Süßigkeiten aus dem Automaten. Florian N. freut sich über ein neues Gesicht und ein wenig Abwechslung. Im Vorfeld des Treffens hat er für Aufregung gesorgt, als er eine Vollzugsbeamtin "aus Spaß" fragte, ob er in den Bunker käme, wenn er seinem Anwalt die Gurgel aufschlitze. Deshalb sitzt er jetzt hinter einer zentimeterdicken Glasscheibe. Aus Sicherheitsgründen.

N. hält den Kopf ein wenig gesenkt. Sein dünnes braunes Haar ist gescheitelt und klebt an der Schläfe. Seit die Vorderzähne bei einem im Rausch verursachten Fahrradunfall vor Jahren herausbrachen, klafft eine große Lücke in seinem Mund. Was Jan, sein Opfer, für ein Mensch gewesen sei? "Er war ein angenehmer Zeitgenosse", sagt N. und lässt seine kleinen braunen Augen herausfordernd auf seinem Gegenüber ruhen. "Mit ihm konnte man reden."

Allerdings habe ihn der verwahrloste Zustand des Hauses angewidert, in dem "der Kühlschrank bereits ein Eigenleben entwickelt hatte": "Wenn du willst, dass jemand bei dir bleibt, musst du auch mal sauber machen." Ob Jan ihn geliebt habe? "Er wollte immer eine Beziehung zu mir - aber ich bin nicht schwul", sagt N. unwillig und knetet die großen Hände mit den nikotingebräunten Fingern.

Überhaupt habe S. ihn immer betatscht, nachts besoffen angerufen und gefragt, wie es ihm geht. "Sogar wenn ich geduscht habe, ist er einfach reingekommen", empört sich N., dessen Augenbrauen zur Nasenwurzel hin ansteigen und seinem weichen, weißen Gesicht einen kindlichen Ausdruck geben.

Warnsignal an den "dummen Schweden"

Immerhin habe er bis zu 200 Euro pro Treffen verdient und es jahrelang mit dem Ingenieur ausgehalten. "Wenn man gut schauspielern konnte, ging es", sagt N., der seinem Freier laut Zeugenaussagen wegen seiner Gutgläubigkeit verachtete und dessen Telefonnummer unter "dummer Schwede" gespeichert hatte.

Jan Ove S. hätte gewarnt sein können: Bereits im Oktober 2005 hatte Florian N. ihn schwer alkoholisiert mit einem Messer an Kinn und Hals verletzt, ihm CS-Gas ins Gesicht gesprüht und ihn dann bewusstlos geschlagen. Dann stahl er Handys, Ausweise sowie Hausschlüssel und flüchtete aus der Frankfurter Wohnung. Weil N. die Sachen später zurückgab, erstattete S. keinen Strafantrag - nicht ahnend, dass es sich bei dem Übergriff gleichsam um eine Ouvertüre zum Mord handeln sollte.

"Warum haben Sie Ihrem Opfer nicht einfach die Augen verbunden, ihn gefesselt und sich dann den Tresor geschnappt? Wieso mussten Sie S. foltern und töten?" N. schweigt irritiert. Wenn die Fragen drängend werden, schmunzelt er verhalten, so dass es aussieht, als würde er gleich losprusten vor Lachen. "Eine schwer gestörte Persönlichkeit mit einem hohen Gefährlichkeitspotential" nennt ihn der psychologische Gutachter im Verfahren.

Warum also die Folter? "Ich konnte ihn einfach nicht mehr ertragen. Er war so eklig, das war wie ein Film im Kopf", bricht es aus N. heraus. War sein Opfer also letztlich nur ein Sündenbock, einer, der für die Prügel durch den besoffenen Vater und den Missbrauch durch die Großmutter herhalten musste?

Oder hat N. - im Leben ein Loser - einfach die Rollen vertauscht, ist vom Opfer zum Täter geworden, brutal, unnachgiebig, empfindungslos, mit einem befreienden "Jetzt bin endlich ich mal dran" auf den Lippen? Ein Moment der Erleichterung könnte dafür sprechen: "Ja, als wir das Haus verlassen haben, da war ich richtig ruhig und zufrieden. Der Druck war weg", sagt N. - aber: "Die Heimreise war ein wenig zu lang."

Ob Jan Ove den Tod verdient habe? "So halb-halb", windet sich der Gefangene. Er hatte also das Recht, den Mann zu töten? N. legt den Kopf ein wenig schief und schaut fragend durch die Glasscheibe. Dann schüttelt er schweigend und zögernd den Kopf, wie ein Kind, das unbedingt die richtige Antwort geben will, die Frage aber gar nicht verstanden hat. "Manchmal passieren Dinge, mit denen man nicht klarkommt, die aus dem Ruder laufen", versucht er eine Erklärung und beißt sich mit dem Eckzahn auf die Unterlippe.

Mutter und Sohn - "ein durch und durch kaputtes Verhältnis"

Der Gutachter im Verfahren, der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Peter Winckler vom Universitätskrankenhaus Tübingen, attestierte dem Täter eine schwere Persönlichkeitsstörung mit Borderline-Komponente - obwohl "er so schwer gestört ist, dass man ihn eigentlich gar nicht in die klassischen Subtypen einer solchen Krankheit einordnen kann."

Die Mutter-Sohn-Beziehung beschreibt er SPIEGEL ONLINE als "ein durch und durch kaputtes Verhältnis". Der Inzest sei die Folge einer pathologischen Nähe - allerdings einer Nähe ohne Bindung. "Ich würde St. im Kern als eher asexuelles Wesen bezeichnen", sagte die Anwältin der Mutter, Heidi Riediger, SPIEGEL ONLINE. Ihre Mandantin habe das inzestuöse Verhältnis zum Sohn nicht als dramatisch empfunden, sondern "einfach so hingenommen".

Auch, dass Florian in die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters trat und die Mutter mitunter massiv schlug, scheint diese auf Grund einer "hohen Anpassungsfähigkeit und der Schwierigkeit, sich anderen gegenüber abzugrenzen" geduldet und verheimlicht zu haben, so Winckler. "Sie hatte mindestens so wenig Mitleid mit sich selbst wie mit dem Opfer - es war der totale Mangel an Empathie", ergänzt Riediger. Ihre Mandantin habe immer wieder stereotyp darauf beharrt, dass sie "doch nichts gemacht hat" - weil es für sie jenseits des konkreten Folterns und Tötens offenbar gar keine Schuld geben könne.

"Als würde er ein Kaugummi klauen"

Die schaurige Gefühllosigkeit scheint über Generationen gewachsen: Schon der Großvater habe seine Kinder komplett ignoriert und sei "emotional total verkrüppelt", die Großmutter alkoholkrank und so aggressiv, dass sie noch vor Gericht auf ihre Tochter Gabriele St. losging. "Wo man hinschaut, bricht man in den Sumpf ein", sagt Gutachter Winckler.

Der Anwalt des Täters, Jens Rabe aus Waiblingen, empfand seinen Mandanten als "emotional so weit runtergefahren", dass er die Tat ohne jede Gefühlsregung begangen habe, "als würde er ein Kaugummi klauen".

Prozess und Urteil hinterlassen Unbehagen: Beide Rechtsanwälte und der Gutachter sind sich darin einig, dass der verurteilte Mörder in einer Therapieeinrichtung besser aufgehoben wäre. "Heutzutage ist es allerdings gigantisch schwer, eine verminderte Schuldfähigkeit und damit eine Einweisung des Täters in die Psychiatrie vor Gericht durchzubringen. Da hat sich die Rechtsprechung in den vergangenen Jahren dramatisch verändert", sagt Anwältin Riediger. Leute, die "offensichtlich komplett von der Rolle sind", solle man aber nicht für schuldfähig erklären.

Anfang Juni 2007 war N. nach Verhaltensauffälligkeiten in die Psychiatrie Hanau gebracht worden, wo die Ärzte eine Borderline-Störung, Impulskontrollstörungen und eine niedrige Frustrationstoleranz diagnostizierten. Am 27. Juli 2007 wurde er auf eigenen Wunsch entlassen. "Für eine Unterbringung in der Psychiatrie fehlten im Prozess die formal-juristischen Voraussetzungen", erklärt Winckler. Man habe nicht auf verminderte Steuerungsfähigkeit setzen können, weil die Tat über Monate angedacht und geplant wurde. Der Angeklagte selbst hatte in der Hauptverhandlung erklärt, S. des Geldes wegen getötet zu haben.

Die zuständige Staatsanwältin Eva Hanss - vom Täter wegen ihrer angeblichen Giftigkeit "die grüne Mamba" genannt - beschränkte sich in einer Stellungnhame darauf, zu erklären, dass im Fall Florian N. antragsgemäß entschieden wurde. Man habe auf die besondere Schwere der Schuld erkannt, sagte sie SPIEGEL ONLINE. Damit kann frühestens nach 18 bis 20 Jahren ein Haftprüfungsantrag gestellt werden.

Gabriele St. ist laut ihrer Anwältin mit der Unterbringung in der Strafvollzugsanstalt Frankfurt-Preungesheim "hochzufrieden". Dass sie bei guter Führung nach etwa 15 Jahren freikommt, gilt als wahrscheinlich. Dann wird sie sich vermutlich jenen Wesen widmen, zu denen sie die einzig innige Beziehung ihres Lebens pflegt - den Katzen. Auch Jan Ove S. hatte vier davon in seinem Haus. Die Polizei fand die Tiere nach der Tat halbverhungert im Dachgeschoss. Sie hatten die Leiche angefressen.



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