Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gefängnisstrafe für Graffiti-Legende OZ: Das Ende des Sprühlings

Von

Hamburgs Graffiti-Großvater muss hinter Gitter: Ein Gericht hat Street Artist OZ zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt - wegen Sachbeschädigung. Stoppen wird das Urteil den 61-Jährigen kaum. Sehr zur Freude seiner Fans in der Hansestadt.

Streetart-Mythos OZ: Die Stadt als Galerie Fotos
DPA

Walter F. lächelt nur ein einziges Mal an diesem Vormittag. Als sein Anwalt eine Zeugenaussage genüsslich zerpflückt, huscht ein Grinsen über das hagere Gesicht des 61-Jährigen. Ein wenig abgerissen wirkt er, still und schmächtig. Doch der Eindruck täuscht: Walter F. ist OZ, Hamburger Graffiti-Legende. Seit diesem Freitag sitzt er hinter Gittern. Wieder einmal.

14 Monate muss Walter F. dieses Mal in Gewahrsam verbringen. Weil er reihenweise fremdes Eigentum beschädigt hat. So sehen es Staatsanwaltschaft und Richterin am Amtsgericht Barmbek. Weil er Hamburg ein wenig bunter, wilder, schöner gemacht hat, sagen seine zahlreichen Fans und Unterstützer.

"Ich kann nicht beurteilen, ob das was Herr F. macht, Kunst ist. Es ist mir auch egal", sagt Richterin Heike Valentin in ihrer Urteilsbegründung. Kunst könne sich nun einmal nicht über das Eigentumsrecht hinwegsetzen. Dann rechnet sie minutiös vor, welches Vergehen wie viele Tage im Gefängnis zur Folge hat. Von einer der hinteren Zuschauerreihen ist ein deutliches "Pfui" zu hören. Auch heute sind die OZ-Fans ins Gericht gekommen.

Fakt ist: Wer in Niendorf, ganz im Norden der Stadt, aus dem U-Bahn-Fenster schaut, sieht ein OZ-Tag. Einen seiner simplen Schriftzüge. Steigt man in Harburg, an der Südgrenze Hamburgs, aus der Bahn, fällt der Blick auf ein nahezu identisches OZ-Tag. Oder auf einen gesprühten Smiley. Oder auf einen bunt bemalten Gullideckel.

OZ ist in Hamburg allgegenwärtig. Auf 120.000 Graffiti wird sein Gesamtwerk geschätzt, seit 1977 durchstreift er die Straßen der Stadt. In dem Bildband "Es lebe der Sprühling" sind seine besten Werke gesammelt, das Buch ist immer wieder vergriffen.

Die Streetart-Szene explodiert derzeit. Stars wie der Brite Banksy genießen Weltruhm, seine Werke sind ein Vermögen wert. OZ hat noch nie ein Bild verkauft - weil er es noch nie versucht hat. Wo Kunstszenen-Darling Banksy seine Aktionen in Meisterdieb-Manier inszeniert, gibt Walter F. den tollpatschigen Ganoven, der sich immer wieder erwischen lässt. Und der trotzdem unermüdlich loszieht.

Zuletzt griff ihn eine Polizeistreife im April beim Sprühen auf, da lief das Hauptverfahren schon. Acht Jahre hat F. insgesamt bereits für seine Kunstwerke gesessen. Die "Bild"-Zeitung nennt ihn seit Jahren "Hamburgs schlimmsten Schmierer". 2003 höhnte das Blatt nach einer Verurteilung: "Endlich im Knast!"

Aus grau mach bunt

Es war ein langer Prozess. 20 Anklagevorwürfe wegen "Sachbeschädigung" zwischen November 2008 und Juli 2010 standen im Raum. Sechs Verhandlungstage waren angesetzt, es wurden 20. In vielen Anklagepunkten ging es um rasch dahingekritzelte Schriftzüge an Brücken, auf Hauswänden oder Fahrkartenautomaten.

Keinesfalls jedoch beschränkt sich der gebürtige Hesse allein auf die schnell hingesprühten Tags. Manchmal arbeitet er wochen- und monatelang an großen Werken. Anwalt Beuth schildert im Detail wie F. an einem Hochbunker auf St. Pauli zunächst das Gestrüpp abtrug. Dann bereitete er die verwitterte Waschbetonwand vor, fast wie eine Leinwand. Schließlich verzierte er die gigantische, schmutziggraue Fläche mit einem bunten Ornament.

Begeisterte Anwohner hätten damals Würstchen gebracht, alle hätten sich gefreut. Dabei schwenkt Beuth eine Fotografie des Werkes. Für Richterin Valentin war es nicht mehr als Anklagepunkt 19, zu bestrafen mit 30 Tagessätzen.

Popstars engagieren sich für OZ

Kurz bevor die Richterin ihr Urteil verkündet, tritt Walter F. noch einmal ans Fenster des Gerichtssaals. Es ist ein stiller Moment, die Verhandlung unterbrochen. F. blickt auf den Häuserblock gegenüber. Er sieht einen schlichten Klinkerbau, wie man ihn in Barmbek oft findet. Die Balkone sind ungeschmückt, nur an einem flattert die Fahne des FC St. Pauli.

Dem Viertel fehlt die Coolness Londons, der Glamour Hollywoods, wo sich Stars wie Brad Pitt oder Christina Aguilera um die neuesten Streetart-Exponate reißen. Es ist ein Arbeiterviertel, ohne lang zu suchen findet man hier noch "Hamburger Originale". Einer wie F. passt hier gut rein. Doch nun hat ihn das Gericht "von der Straße geholt", wie es sein Anwalt formuliert.

Da half es auch nichts, dass Beuth in seinem Schlusswort eindringlich aus einer Petition zitierte, die 600 Organisationen und Einzelpersonen unterzeichnet haben. "Freispruch für OZ" fordern Bands wie Tocotronic oder Fettes Brot. Hier, so die Brandschrift, habe es eine Einzelperson geschafft, gesellschaftliche Normen zu hinterfragen und den öffentlichen Raum beispiellos zu beleben. "OZ" stehe für ein "Recht auf Stadt" und für einen "Kontrast zu dem allgegenwärtigen Botschaften der Werbewirtschaft", so sein Anwalt.

"Hamburg ohne OZ ist München"

Nach dem Urteilsspruch umringen die Kamerateams vor dem Gericht die beiden Anwälte des Verurteilten. Andreas Beuth erklärt, dass sein Mandant Rechtsmittel einlegen wird. Noch ist der Fall OZ nicht ausgestanden. "Diese Stadt bleibt gespalten", sagt Beuth. Manche Hamburger stellten sich hinter den Sprayer-Veteranen, viele gegen ihn. Weitermachen werde OZ nach seiner Freilassung ohnehin, da waren sich Anwalt und Richterin ausnahmsweise einmal einig.

Ein paar Meter weiter steht eine Gruppe junger Männer. Manche von ihnen saßen eben noch im Gerichtssaal, einer hält ein selbstgebasteltes Schild in der Hand. "Hamburg ohne OZ ist München" steht darauf. Die Parole ist mit der Spraydose geschrieben.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 206 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Schmiererei
glasperlenspieler 29.07.2011
Von Kunst ist OZ weit entfernt. Das sind Schmierereien auf Kindergartenniveau.
2. Erkrankung
a.weishaupt 29.07.2011
Ich verstehe nicht, wieso man immer darauf besteht, psychisch Kranke einzusperren. Das ist absoluter Unsinn und erschreckend primitiv. "Oz" gehört behandelt, es ist doch offensichtlich dass er ein psychisches Problem hat. Sowieso glaube ich, dass die meisten Häftlinge eigentlich in eine psychiatrische Einrichtung gehören. Bei Straftäterinnen wird sowas ja öfter berücksichtigt, nun müsste man es noch auf alle ausweiten...
3. Dem Hermann Hesse-Nick
Joshua Schneebaum, 29.07.2011
Zitat von glasperlenspielerVon Kunst ist OZ weit entfernt. Das sind Schmierereien auf Kindergartenniveau.
Da geben Sie sich einen Hermann Hesse-Nick, heraus kommt aber unterste Schublade. Schade. Denn die Fragen, die Jemand wie Oz aufwirft, sind andere: Wer gestaltet die städtischen Lebensräume? Einzig die Hausbesitzer? Einzig die Auto-Industrie? Einzig die Werbebranche? Ist Besitz wirklich das einzige Recht, das gilt? Heißt es da nicht irgendwo im GG: Eigentum verpflichtet? Und OZ ist bestimmt eines nicht: Ein Schmierer. Da gibt es andere. Auch Wortschmierer. Und graudumme Besitzschmierer.
4. Kunst???
Chris110 29.07.2011
omg, das ist doch keine Kunst. Um Gottes Willen. Um Himmels Willen. Das ist reiner Vandalismus. Ich sprüh doch auch nicht mein Zeug überall hin.
5. .
Saïph 29.07.2011
Nunja, Kunst liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters, die großflächig bunten Werke oder lachende Gullis sind ja die eine Sache, die ich ja sogar noch ganz ulkig finde (auf mit dem Besitzer abgesprochenen Flächen) aber für einfach hingeschmierte Tags habe ich kein Verständnis. Die verschönern auch keinen noch so hässlichen Telekom-Kasten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Buchtipp

Colortrip (Hrsg.):
Es lebe der Sprühling

Fastline Production

216 Seiten; 29,90 Euro.



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: