Häftlinge in Brasilien Lies dich frei

Mehr lesen gleich weniger Strafe: Durch Beschäftigung mit Literatur sollen brasilianische Gefängnisinsassen ihre Haft verkürzen können. Die Regierung verspricht "Erlösung durch Lesen" - und hofft auf eine Entlastung der überfüllten Strafanstalten.

Corbis

Brasilia - Brasiliens Gefängnisse sind chronisch überfüllt. Mit einer literarischen Maßnahme will der Staat das Problem lindern: Häftlinge sollen einen Teil ihrer Haftstrafen erlassen bekommen, wenn sie Bücher lesen und sich schriftlich mit den Werken befassen. Das teilte die Regierung mit.

Das Programm, genannt "Erlösung durch Lesen", richtet sich an die Insassen von vier staatlichen Gefängnissen, in denen einige der berüchtigtsten Kriminellen des Landes sitzen. Konkret sieht der Plan vor, pro Buch vier Tage Haft zu erlassen. Die Verkürzung soll bei maximal zwölf Büchern pro Jahr greifen - damit könnte ein fleißig lesender Häftling seine Zeit im Gefängnis jährlich um 48 Tage verkürzen.

Der Bücherkanon soll aus Klassikern der Wissenschaftsliteratur, Philosophie und Belletristik bestehen. Die Häftlinge haben pro Buch bis zu vier Wochen Zeit, das Werk zu lesen und einen Aufsatz zu schreiben. Die schriftlichen Abhandlungen müssen leserlich und möglichst fehlerfrei sein sowie Absätze und freie Seitenränder haben.

Ein Gremium soll der Regierung zufolge entscheiden, welche Häftlinge an dem Programm teilnehmen dürfen. "Eine Person kann das Gefängnis aufgeklärter und mit einer erweiterten Sicht auf die Welt verlassen", sagt der Anwalt André Kehdi aus São Paolo. Er betreut ein Projekt, das Bücherspenden für Gefängnisse sammelt. "Zweifelsfrei", sagt Kehdi, "werden die Teilnehmer das Gefängnis als bessere Menschen verlassen."

In Brasilien gibt es rund 500 Gefängnisse. Die meisten sind veraltet und überfüllt. Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International sind Folter von Häftlingen und Gewalttaten der Insassen keine Ausnahme. In vielen Bundesstaaten kontrollieren der Organisation zufolge kriminelle Banden die Strafanstalten. Die teilweise katastrophalen Haftbedingungen führen häufig zu Fluchtversuchen und Revolten.

Erst im April hatten Häftlinge in Aracaju 130 Besucher und drei Justizbeamte in ihre Gewalt gebracht, um gegen die Haftbedingungen zu protestieren. Die Strafanstalt war für 2000 Häftlinge ausgelegt, tatsächlich sollen zeitweise doppelt so viele dort gewesen sein.

Das Lese-Programm könnte ein zaghafter Versuch Brasiliens sein, das marode Strafvollzugssystem zu erneuern, um sich bei mehreren Großereignissen in den kommenden Jahren als moderner Staat zu präsentieren. 2014 findet in Brasilien die Fußball-Weltmeisterschaft statt, nur zwei Jahre später die Olympischen Spiele.

ulz/Reuters

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