Fall Stefan Arzberger Der Filmriss

Stefan Arzberger spielt Geige im renommierten Leipziger Streichquartett, in einem New Yorker Hotel soll er eine Frau angegriffen haben. Am frühen Morgen, nackt. Er hat keine Erinnerung an die Tat. Überwachungsbilder liefern eine mögliche Erklärung.

Hudson Hotel, 9. Stock: Was geschah hier am 27. März?
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Hudson Hotel, 9. Stock: Was geschah hier am 27. März?

Von  Karin Assmann, New York


Als Stefan Arzberger, 42, am Morgen des 27. März auf seinem Bett im Hudson Hotel in New York zu sich kommt, trägt er Handschellen und ist nackt. Kurz darauf wird Arzberger, der die erste Geige des renommierten Leipziger Streichquartetts spielt, in die Polizeiwache in der 54th Street gebracht.

Es ist das Ende einer Nacht, die sein Leben verändern sollte. Und von der er so gut wie keine Erinnerung mehr hat. Was mutmaßlich geschah, erfuhr er aus dem Protokoll der Aussage einer Frau namens Pam Robinson.

Die 64-Jährige aus North Carolina ist noch im Schlafanzug, als es kurz vor 8 Uhr an ihrer Tür im Hudson Hotel klopft. Vor ihr steht ein 1,93 Meter großer Mann. Er ist nackt. Sie sehen sich wortlos an, und als sie die Tür zuschlagen will, legt er eine Hand über ihren Mund, mit der anderen packt er ihren Hals. "Ich versuchte, um Hilfe zu rufen, aber es kam nur ein Röcheln aus mir heraus", erklärt Robinson und fasst sich bei der Erzählung immer wieder an die Kehle. Der Mann ist Stefan Arzberger.

Im Video: Wie Pam Robinson den Angriff erlebte

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20 Minuten lang soll der Geiger zuvor durch die Gänge des neunten Stocks geirrt und wahllos an Türen geklopft haben. Mitarbeiter des Hotels bekamen es mit, Wachmann Ricky Greene machte sich auf den Weg.

Kaum fällt die Tür hinter Arzberger und Robinson ins Schloss, erscheint Greene und öffnet sie mit seiner Generalkarte. Er solle die Frau loslassen, befiehlt der Wachmann zweimal. Arzberger gehorcht.

"Wenn ich das bei vollem Bewusstsein getan habe", sagt Arzberger, "dann müsste ich die Konsequenzen ziehen." Er kann sich aber an nichts erinnern, sagt er, hat einen Filmriss von 2 Uhr morgens bis zu dem Moment, als er mit Handschellen nackt auf dem Bett sitzt.

Arzberger erzählt den Polizisten irgendetwas von Hilferufen, dass er habe helfen wollen, doch auch davon weiß er später nichts mehr. Woran er sich noch erinnert ist ein Polizist, der sagte, es wirke so, als stünde er unter dem Einfluss von Drogen. Es ist die für den Geiger einzig mögliche Erklärung. Er sei kein Mensch, der bei klarem Verstand nackt durch die Gänge irrt und eine Frau würgt.

100.000 Dollar Kaution

Auch Pam Robinson fragt sich, was der fremde Mann eigentlich wollte. Er habe zugedrückt, als wolle er sie ermorden, sagt sie unter Tränen. Wenn Greene nicht dazwischen gegangen wäre, davon ist sie überzeugt, wäre ihm das auch gelungen. Nach Arzbergers Festnahme will sie einfach nur weg. Sie verweigert eine ärztliche Untersuchung und fährt nach Connecticut zu ihrer Schwester.

Als sich dort Blutergüsse und geplatzte Adern in ihren Augen bilden, setzt der Schock ein. Sie dokumentiert die Hämatom-Entwicklung mit ihrem iPhone.

Handyfoto von Pam Robinson
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Handyfoto von Pam Robinson

Sam Cocks, der zuständige Staatsanwalt, ruft sie an und gesteht, dass die Polizeibeamten im Hotel ihr Gesicht nicht aussagekräftig abgelichtet hätten. Sie schickt ihm ihre Fotos.

Arzbergers einziger Anruf aus der Polizeiwache gilt seiner Agentin, Erica Shupp. Sie ist es, die einen Kautionsagenten organisiert, mit dem sie die 100.000 Dollar auftreibt für seine Freilassung. Als die Polizei ihr sagt, sie solle schon mal einen neuen vierten Mann für das Quartett buchen, raten sie ihr auch, gleich einen Rechtsanwalt für ihren Schützling zu engagieren.

Die Anklage: Versuchter Mord mit Vorsatz

Nicholas Kaizer und Richard Levitt übernehmen den Fall. Arzbergers Pass wird eingezogen. Die Fluchtgefahr, so der Staatsanwalt, sei zu groß. Er bittet Pam Robinson, vor einer Grand Jury auszusagen, die entscheiden soll, ob das Delikt schwer genug ist für eine offizielle Anklage. Nach einem dramatischen Auftritt hat sie die Geschworenen überzeugt, und so lautet die Anklage am 1. April: Einbruch, Körperverletzung, Strangulierung und versuchter Mord mit Vorsatz.

Das Quartett kehrt nach Leipzig zurück. Zu dritt. Arzberger macht sich auf die Suche nach einer Erklärung. Als seine Anwälte, gemeinsam mit dem Staatsanwalt, die Überwachungsvideos des Hudson Hotel durchsehen, werden sie fündig. Um 3.52 Uhr am Morgen des 27. März erscheint Arzberger im Eingangsbereich mit einer großen, schlanken Frau.

Er folgt ihr auf der Rolltreppe, durch die Lobby in Richtung Aufzüge. Sie nimmt ihn bei der Hand. Seine Jacke schleift ein wenig auf dem Boden, und er schwankt, als sie auf den Lift zusteuern. Im Aufzug scheint sie mit ihm zu flirten, beugt sich in seine Richtung, als wolle sie ihn küssen, er dreht den Kopf zur Seite, schiebt seine Hand nach vorne und bewegt den Zeigefinger so, als wolle er sagen: Nein, das nicht. Es sind Bilder, auf denen er sich erkennt, aber nicht wiedererkennt. Szenen von denen Arzberger meint, er habe sie nicht miterlebt.

Im Video: Was trieb Stefan Arzberger?

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Um 4.37 Uhr erscheint dieselbe Frau wieder auf dem Bildschirm. Diesmal nimmt sie den Aufzug zurück ins Erdgeschoss. Unter ihrem rechten Arm klemmt Arzbergers iPad. In ihrer Tasche stecken die Kreditkarten und Bargeld aus seinem Portemonnaie.

Eine Stunde später nimmt die Überwachungskamera einer Bank auf, wie sie versucht mit den Kreditkarten des Geigers Geld abzuheben. Mit dabei eine Komplizin, die sich immer wieder vor die Kamera stellt. Die Bank zeichnet die vergeblichen Versuche auf, die Pin-Codes zu erraten.

Wieder zu Hause in Brooklyn bestellt sie zwei iPhones bei Walmart und Schmuck im Wert von 1000 Dollar. Sie gibt ihre Lieferadresse, eine E-Mail Adresse und eine Rufnummer an.

Die zwölfmal wegen Prostitution verhaftete "Melissa" sitzt inzwischen in Untersuchungshaft auf Riker's Island. Ihre Aussage ist noch unter Verschluss.

Dass er mit einer Transvestitin freiwillig aufs Zimmer ging, schließt Arzberger kategorisch aus. "Ganz schemenhaft erinnere ich mich, dass ich von einer Person angesprochen wurde unter einer Art Gerüst. Ich kann nicht sagen, ob sie schwarz, weiß oder asiatisch war. Wir sind die Treppe hoch oder runter, ich weiß es nicht. Es war ein körperlich unwohles Gefühl."

Die Lücken der Macht

Anwalt Richard Levitt erklärt es so: "Es ist absolut denkbar, dass diese Person Herrn Arzberger ausrauben wollte und natürlich wusste, dass sie das nur schafft, wenn er dabei ohnmächtig ist."

Wann ihm K.-o.-Tropfen und vielleicht noch ein paar andere Mittel verabreicht worden sein könnten, bleibt unklar. Anhand der Ortungsdaten seines iPhones kann er seine Schritte an jenem Abend nachvollziehen. Er läuft die Strecke immer wieder ab:

Das Abendessen in Matt's Grill auf der 8th Avenue, dann ein Drink im Three Monkeys nahe Times Square. Danach ging er zurück an die Hotelbar, etwas später lief er noch einmal zum Times Square, weil dort die Szene mit dem im psychotischen Wahn in seiner Unterhose umherirrenden Michael Keaton für den Film "Birdman" gedreht wurde. Es ist kurz vor 2 Uhr. Ab dann zeichnet das Gerät lückenhaft auf, dass er in Bewegung war, bis hin zum Hotel.

Hatte ihn "Melissa" an der Hotelbar ins Visier genommen und ihm, als er für eine Rauchpause hinausging und einen Bierdeckel über sein Glas legte, einen Drogencocktail verabreicht? Dessen Wirkung ihm etwas später die Sinne raubte? So in etwa stellt Arzberger es sich vor.

Kurz vor 4 Uhr: Arzberger kommt in Begleitung einer großen Frau ins Hotel

Etwa 45 Minuten später: Die Frau verlässt alleine das Hotel

Etwa eine Stunde später: Die Frau versucht in einer Bank, Geld abzuheben

Morgen des 27. März: Arzberger wird von Polizisten abgeführt

Arzberger vor Gericht: Es drohen ihm viele Jahre Haft

Gewissheit gäbe es durch einen Drogentest. Am Tag seiner Verhaftung hatte man ihm auf dem Revier auch Blut abgenommen. Getestet wurde es allerdings nur auf HIV und Hepatitis. Erst mit ihrem dritten Antrag erreichten seine Anwälte, dass sein Blut auch auf Drogen untersucht wird. Allerdings waren inzwischen 13 Tage vergangen, das Resultat wies keine bekannten Rauschmittel auf. Die Urinprobe hatte man bereits entsorgt.

Pam Robinson hat Mühe, Mitleid für ihren Angreifer zu empfinden. Einerseits, so meint sie, täte er ihr leid. Wie er denn Geld verdienen solle, wenn er in den USA gefangen sei, ohne Arbeitserlaubnis und ohne Wohnung? Dann kommt sie wieder, die Erinnerung an diese Schreckensmomente, in denen sie dachte, sie müsse sterben. Hat er eine Prostituierte auf sein Zimmer mitgenommen? Ist er dann nicht selbst Schuld? Oder glaubt man ihm, dass er schon vor der Begegnung mit der Transvestitin unter Drogen gesetzt wurde?

Dr. Marta Concheiro-Guisan, Toxikologin am New Yorker John Jay Institute for Criminal Justice, sind Drogen-Kombinationen bekannt, die erst willig machen, dann Aggressionen und Halluzinationen auslösen. "Ich denke da an eine Mischung von verschiedenen Substanzen. Depressiva, Drogen, die eine Amnesie hervorrufen können, und Halluzinogene, die entsprechend dosiert werden könnten, damit die Aufnahme langsam erfolgt und zum Beispiel erst nach einigen Stunden effektiv ist. Auch kommt es darauf an, ob er Alkohol getrunken hat. Da reicht eine kleine Menge, um unvorhersehbare Reaktionen auszulösen."

Die Unterstützer Arzbergers sammeln nun Spenden. Seine Frau packt ihr gemeinsames Hab und Gut, denn die Wohnung in Leipzig können sie sich nicht mehr leisten. Sie versucht, seine Versicherungsbeiträge zu minimieren und bemüht sich nun um Sozialhilfe für ihren Mann.

Der nächste Gerichtstermin findet am 20. August statt. Bis dahin soll ein psychologisches Gutachten erstellt werden. Der Richter entscheidet, ob und wann das Hauptverfahren beginnt. Wird Arzberger schuldig gesprochen, muss er mit 5 bis 25 Jahren Haft rechnen. Vorsichtshalber hat Pam Robinson schon einmal eine Zivilklage eingereicht. Ihr Anwalt legte den Betrag nun fest: 20 Millionen Dollar soll sie bekommen, um die Schreckensminuten zu vergessen.

Im Video: Woran sich Stefan Arzberger erinnert

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Karin Assmann ist SPIEGEL-TV Autorin und lebt in Washington.



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