Geiselbefreiung durch US-Marine Somalische Piraten schwören Rache

Es war ein gezielter Gewalteinsatz gegen Piraten: Scharfschützen der US-Marine töteten die Entführer des Kapitäns Richard Phillips und befreiten ihn aus unmittelbarer Lebensgefahr. Die Reaktion kam prompt - somalische Piraten haben Vergeltungsangriffe auf US-Schiffe angekündigt.


Mogadischu/Washington - Der Kommandant auf der "USS Bainbridge" musste blitzschnell entscheiden: Die Verhandlungen mit den Piraten waren gescheitert, sie richteten die Mündung eines Sturmgewehrs auf ihre gefesselte Geisel, den US-Kapitän Richard Phillips. Da gab der Kommandant seinen Scharfschützen den Befehl zu feuern - und aus einer Entfernung von etwa 30 Metern schossen sie den Piraten in den Kopf. Richards konnte unverletzt gerettet werden, der Verhandlungsführer der Kidnapper wurde gefangen genommen.

Somalische Piraten: "Wir werden Vergeltung üben für den Tod unserer Männer"
REUTERS

Somalische Piraten: "Wir werden Vergeltung üben für den Tod unserer Männer"

Ein gewaltsames Ende einer Geiselnahme, das die Situation vor der Küste Somalias womöglich entscheidend verschärfen könnte. "Das dürfte zu einer Eskalation der Gewalt in dieser Region führen, keine Frage", sagte US-Vizeadmiral Bill Gortney, Befehlshaber des Zentralkommandos der US-Marine, am Sonntag bei einer Pressekonferenz in Washington. In unmittelbarer Gefahr sind vor allem die Besatzungen der Schiffe, etwa 230 Seeleute, die sich zurzeit noch in den Händen von Piraten befinden - darunter die deutsche "Hansa Stavanger". Bislang kamen die Schiffsbesatzungen bei Entführungen oft unverletzt wieder frei, häufig nach Zahlung eines Lösegeldes. Doch mit der Zunahme von Piratenangriffen erwägen offenbar immer mehr Regierungen andere Mittel. Nach SPIEGEL-Informationen sollte ein GSG-9-Kommando zu Beginn der Entführung der "Hansa Stavanger" das Schiff stürmen - doch die Befreiungsaktion platzte.

Welche möglichen Folgen gewaltsame Befreiungsaktionen haben können, zeigte die prompte Reaktion der Piraten auf den Einsatz der US-Marine: Abdullah Lami, der die Crew eines griechischen Schiffs gefangen hält, sagte in einem Telefoninterview mit der Nachrichtenagentur AP, dass Amerika nun reichlich Gelegenheit bekommen würde, Opfer zu betrauern: "Jedes Land wird von uns so behandelt, wie es uns behandelt. Wir werden Vergeltung üben für den Tod unserer Männer."

Aus dem Piratenstützpunkt Eyl meldete sich ein Pirat namens Jamac Habeb bei AP, auch er mit der Drohung, man werde Gewalt mit Gewalt begegnen: "Wenn wir künftig Schiffe kapern, und ihre Nationen versuchen, uns zu attackieren, werden wir die Geiseln töten." Über die US-Marinekräfte in der Region sagte er: "Sie sind jetzt unser Feind Nummer eins."

Noch Minuten vor den tödlichen Schüssen hatten die Amerikaner mit den Kidnappern verhandelt. Sie hatten die Piraten überreden können, ihr Boot in Schlepp zu nehmen, während einer der Männer an Bord der "USS Bainbridge" die Gespräche führte. Dabei sei auch die Forderung nach einem Lösegeld gestellt worden, sagte Vizeadmiral Gortney, was von US-Seite jedoch abgelehnt worden sei. Der Vertreter der Piraten sei daraufhin auf das Boot der Geiselnehmer zurückgekehrt und die Situation habe sich verschärft. Angaben zu der Höhe der Lösegeldforderung machte er nicht.

Richard Phillips nach fünftägiger Geiselhaft wohlauf

"Ich bin sehr erfreut, dass Kapitän Phillips gerettet wurde", erklärte US-Präsident Barack Obama am Sonntag in Washington. Die Sicherheit des Familienvaters habe bei dem Einsatz im Vordergrund gestanden. Die USA seien weiterhin entschlossen, den Kampf gegen die Piraterie vor der somalischen Küste fortzuführen. Angaben aus US-Regierungskreisen zufolge sprach Obama am Telefon mit Phillips und dessen Ehefrau Andrea. Phillips stammt aus dem Neuengland-Staat Vermont, er hat zwei erwachsene Kinder.

Nach Angaben der US-Streitkräfte wurde der 53-Jährige zunächst auf den Lenkwaffenzerstörer "USS Bainbridge" und von dort auf die "USS Boxer" gebracht. Phillips sei nach der fünftägigen Geiselhaft wohlauf, sagte Gortney. Demnach wurde der Kapitän auf der "USS Boxer" medizinisch untersucht und hatte die Gelegenheit, seine Familie anzurufen.

Das US-Justizministerium prüfe nun, wie der bei der Befreiungsaktion festgenommene Pirat zur Rechenschaft gezogen werden könne. Auf Geiselnahme wie auf Piraterie steht nach amerikanischem Recht eine lebenslängliche Haftstrafe.

"Uns stehen verschiedene Wege offen", erklärte US-Vizeadmiral Gortney. "Da es sich um ein Schiff unter US-Flagge handelt, können wir ihn nach Amerika fliegen und dort vor ein Gericht stellen. Außerdem bestehe ein Abkommen zwischen den USA und Kenia, wo man Piraten den Prozess machen könne. Die Entscheidung liege letztlich bei Chefankläger Eric Holder, der noch in der vergangenen Woche in einem Interview sagte, in den USA habe seit mehr als hundert Jahren kein Pirat vor Gericht gestanden.

Die Crew der "Maersk Alabama" feiert ihren Kapitän

Phillips' Schiff, die "Maersk Alabama" mit einer Ladung Hilfsgüter für Ruanda und Uganda, war am Mittwochmorgen von Piraten angegriffen worden, der Kapitän wurde als einziges Besatzungsmitglied entführt. Die Seeräuber verschleppten ihn auf dem Rettungsboot, von dem er bereits am Samstag zu entkommen suchte, indem er ins Meer sprang. Die US-Marine hatte zwei Kriegsschiffe in die Nähe des Rettungsbootes geschickt.

Gortney bestätigte Medienberichte, wonach der Kapitän sich als Geisel angeboten hatte, um seine Crew zu schützen. Wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete, brach die Mannschaft auf der "Maersk Alabama" im Hafen der kenianischen Küstenstadt Mombasa in Jubel aus, als sie von der Befreiung ihres Kapitäns erfuhr. Sie öffneten demnach eine Flasche Champagner und schwenkten eine US-Flagge.

Phillips selbst wehrte die Lobeshymnen bescheiden ab: "Ich bin doch nur eine Nebenfigur in der ganzen Angelegenheit", sagte er in einem ersten Telefongespräch mit Mærsk-Chef John Reinhart, dem Reeder des entführten Frachters. "Die wahren Helden sind die Männer von der Navy, die mich nach Hause bringen."

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
Klicken Sie auf die Überschrift, um mehr zu erfahren
Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

oka/AFP/AP



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.