Geiseldrama vor Somalia US-Marine befreit Kapitän aus Gewalt der Piraten

Er sprang vom Boot ins Meer, dann erschossen US-Soldaten drei seiner Entführer: Das Geiseldrama um Richard Phillips ist mit einer spektakulären Kommandoaktion beendet worden - die Ermächtigung dafür kam direkt von Barack Obama. Die Crew der "Maersk Alabama" feiert ihren Kapitän nun als Helden.


Washington - Es gab einen kurzen Schusswechsel - dann war das Geiseldrama vor der Küste Somalias nach vier Tagen beendet: Der 53 Jahre alte Kapitän ist wieder frei. Das bestätigte das US-Außenministerium am Abend, auch die Reederei Mærsk Shipping Line meldete die Rettung ihres Kapitäns.

Er sei wohlauf und inzwischen auf dem US-Kriegsschiff "USS Boxer", erklärte die amerikanische Marine. Der Kapitän der "Maersk Alabama" war von vier somalischen Piraten auf einem Rettungsboot festgehalten worden. Zuletzt war das Boot immer näher an die somalische Küste gedriftet. Laut CNN lag das Boot rund 30 Kilometer vor der somalischen Küste.

Bei der Befreiungsaktion wurden drei der Piraten von Scharfschützen getötet. Phillips habe sich in unmittelbarer Gefahr befunden, erklärte Vizeadmiral Bill Gortney den Einsatz. Die Piraten hätten Sturmgewehre vom Typ AK-47 und Pistolen auf den im Wasser schwimmenden Kapitän gerichtet. Der Kommandant des Kriegsschiffes "USS Bainbridge" habe daraufhin den Befehl gegeben zu schießen. Zuvor habe das Weiße Haus klare Anweisung gegeben, Phillips' Leben notfalls mit Gewalt zu schützen. Ein vierter Pirat wurde festgenommen. Er soll sich zu diesem Zeitpunkt zu Verhandlungen auf der "Bainbridge" befunden haben.

Die US-Marine hatte das Rettungsboot, in dem Phillips gefangen gehalten wurde, seit Tagen verfolgt. Am Samstag verhinderten die Amerikaner, dass andere gekaperte Schiffe, darunter die deutsche "Hansa Stavanger", den bedrängten Piraten zu Hilfe kommen konnten. Angesichts der Kriegsschiffe konnten die Entführer mit ihrer Geisel nicht an Land gelangen.

US-Präsident Obama zeigte sich erleichtert über die Rettung des Kapitäns. Phillips habe Tapferkeit und Mut gezeigt und sich selbstlos für seine Crew eingesetzt. Er sei ein Vorbild für alle Amerikaner. Obama sagte kurz nach Bekanntwerden der Befreiung, er sei stolz auf das US-Militär und die an der Rettung beteiligten Behörden. Er betonte, dass die USA auf die Hilfe anderer Staaten bei der Bekämpfung der Piraterie angewiesen seien.

Bereits am Freitag war Phillips für kurze Zeit seinen Entführern mit einem Sprung ins Meer entkommen. Die Piraten eröffneten jedoch das Feuer und zwangen ihn zurück an Bord.

Die "Maersk Alabama" war am Mittwochmorgen von Piraten angegriffen worden. Der Kapitän wurde als einziges Besatzungsmitglied entführt, die Seeräuber verschleppten ihn auf dem Rettungsboot. Medienberichten zufolge hatte sich Phillips als Geisel angeboten, um seine Crew zu schützen.

Am Samstag traf die "Maersk Alabama" ohne ihren Kapitän im kenianischen Hafen Mombasa ein. Die Besatzung feierte Phillips als Helden: "Er hat unser Leben gerettet." Demnach wies der 53-Jährige die Mannschaft bei dem Piratenüberfall an, sich in Sicherheit zu bringen und einzuschließen. Dann habe er sich den somalischen Seeräubern ergeben, um seine Männer zu retten.

Die "Maersk Alabama" soll nun von Spezialisten der US-Bundespolizei FBI überprüft werden. Das Schiff sei in ein Verbrechen hineingezogen worden, so dass eine Spurensicherung notwendig sei, teilte die Mærsk Shipping Line im US-Staat Virginia mit. Ferner solle die 19-köpfige Besatzung detailliert vernommen werden. Deshalb dürften die Männer vorerst auch noch nicht von Bord gehen.

Somalische Stammesführer hatten am Sonntag mit den Piraten Gespräche über eine Freilassung des Kapitäns geführt. Die Gespräche waren in den vergangenen Tagen daran gescheitert, dass die Piraten auf Straffreiheit und die USA auf ihre Überstellung an die somalischen Behörden pochten. US-Medienberichten zufolge verlangten die Piraten ein Lösegeld von zwei Millionen Dollar.

"Wir sind absolut begeistert"

Familie, Freunde und Kollegen des Kapitäns zeigten sich überglücklich über die Befreiung. "Wir sind absolut begeistert darüber, dass Richard in Sicherheit ist und bald wieder mit seiner Familie vereint sein wird", teilte der Chef von Phillips' Reederei, John Reinhart, mit. Man sei der US-Marine, der US-Bundespolizei FBI und vielen anderen, die an der Befreiung mitgearbeitet hätten, "zutiefst dankbar".

Laut Reinhart war die Reederei der "Maersk Alabama" um 19.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit von der Befreiung Phillips' unterrichtet worden. Er habe umgehend Phillips' Frau Andrea angerufen, um ihr die Neuigkeit mitzuteilen. "Wir freuen uns darauf, ihn in den kommenden Tagen zu Hause wieder willkommen zu heißen", so Reinhart.

Phillips' Ehefrau Andrea zeigte sich schon vor dem Ende des Geiseldramas optimistisch, dass ihr Mann freikommen werde. "Er ist ein intelligenter Mann", sagte Andrea Phillips. "Ich weiß, dass er da gut herauskommt."

Franzosen kehren heim, noch keine Spur von Italienern

Dagegen gibt es auch einen Tag nach der Entführung eines italienischen Schleppers vor der Küste Somalias noch kein Lebenszeichen von der Besatzung. An Bord der "Buccaneer" befanden sich nach Angaben der Reederei Micoperi zehn Italiener, fünf Rumänen und ein Kroate.

Das Außenministerium in Rom erklärte, das italienische Kriegsschiff "Maestrale" habe inzwischen das Seegebiet erreicht, wo die "Buccaneer" entführt worden sei. Weitere Einzelheiten wurden nicht mitgeteilt, um das Leben der Seeleute nicht zu gefährden.

In Paris trafen vier Franzosen ein, die am Freitagabend aus ihrem von Piraten entführten Segelschiff gerettet worden waren. Eine fünfte Geisel kam ums Leben, als französische Soldaten das Boot "Tanit" erstürmten. Drei Seeräuber wurden gefangengenommen.

Laut dem französischen Verteidigungsminister Hervé Morin kann vorerst nicht ausgeschlossen werden, dass die tödliche Kugel auf die männliche Geisel von französischen Soldaten abgefeuert wurde. Näheres soll eine Obduktion klären. Die Witwe des Mannes, ihr gemeinsames dreijähriges Kind und zwei Freunde blieben unverletzt.

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

itz/wal/ore/dpa/Reuters/AP/AFP



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