Rathaus-Geiselnahme in Ingolstadt: Stalker ging gezielt in Büro seines Opfers

DPA

Im Rathaus von Ingolstadt hat sich ein Stalker mit zwei Geiseln in einem Büro verschanzt - darunter auch die junge Frau, der er seit Monaten nachstellt. Eine weitere Geisel, der Dritte Bürgermeister der Stadt, ist inzwischen wieder frei.

Ingolstadt - Ein bewaffneter Mann hat im Ingolstädter Rathaus drei Menschen als Geiseln genommen. Bei dem Täter handelt es sich um einen verurteilten Stalker. Der 24-Jährige habe einer Mitarbeiterin des Rathauses nachgestellt und Hausverbot in der Stadtverwaltung, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. In den vergangenen Wochen sei der Konflikt eskaliert.

Unter den Geiseln war zunächst auch Ingolstadts Dritter Bürgermeister Sepp Mißlbeck (Freie Wähler). Der Lokalpolitiker kam jedoch nach fünf Stunden frei. Ein Polizeisprecher sagte SPIEGEL ONLINE, diese Freilassung sei das Ergebnis von Verhandlungen mit dem Geiselnehmer gewesen. Klare Forderungen habe dieser allerdings nicht formuliert. Man stehe weiter in Kontakt mit ihm.

In der Gewalt des Täters sind jetzt noch eine Frau und ein Mann. Beiden gehe es so weit gut, hieß es. Bei der Frau handelt es sich um die Mitarbeiterin der Stadtverwaltung, die seit längerer Zeit von dem Stalker verfolgt wird.

"Gezielt das Büro der Mitarbeiterin aufgesucht"

Am Montagmorgen um kurz vor 9 Uhr hatte der 24-Jährige das Alte Rathaus der oberbayerischen Stadt betreten. "Er hat dann gezielt das Büro der Mitarbeiterin aufgesucht", sagte ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE. Im Vorfeld sei der Mann mehrfach in psychiatrischen Kliniken in Behandlung gewesen.

Nach Angaben des "Donaukuriers" verschanzt er sich mit den Geiseln im zweiten Stock des Gebäudes. Zuletzt wurden dem Mann nach Angaben der Polizei Tabletten ins Rathaus gebracht. Er habe außerdem nach Essen verlangt.

Bürgermeister Mißlbeck wurde nach seiner Freilassung von den Ermittlern vernommen. "Selbstverständlich ist er beeindruckt von dem, was er den ganzen Vormittag erdulden musste, aber er scheint zumindest körperlich absolut gesund", sagte ein Polizeisprecher. Auch den anderen beiden Geiseln gehe es den Umständen entsprechend gut.

"Begriff Stalker erscheint mir etwas verharmlosend"

Ingolstadts Oberbürgermeister Alfred Lehmann sagte über das Motiv des Geiselnehmers: "Er möchte, dass wir einen Bescheid aufheben." Um welchen Bescheid es gehe, sei bisher nicht bekannt. Möglicherweise handele es sich um das Hausverbot, das gegen den Täter erlassen wurde.

"Der Begriff Stalker erscheint mir etwas verharmlosend, weil er doch eine ganze Liste von Vorstrafen hat, die weit über das hinausgehen, was man als Stalking bezeichnet", sagte Lehmann weiter über den 24-Jährigen. Er sei wegen Körperverletzung und Bedrohungsdelikten bekannt.

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Ingolstädter Rathaus: Stalker nimmt drei Geiseln
Der Mann hat nach Polizeiinformationen eine vermutlich scharfe Pistole bei sich. Es gebe regelmäßigen Kontakt des Krisenstabs zu dem Mann. 208 Einsatzkräfte der Polizei seien im Einsatz.

Merkel-Auftritt in Ingolstadt abgesagt

Ein zunächst geplanter Wahlkampfauftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel direkt vor dem Rathaus wurde wegen der Geiselnahme abgesagt. Die CDU-Chefin sollte um 17 Uhr zusammen mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer direkt auf dem seit dem Morgen weiträumig abgesperrten Rathausplatz auftreten. Auch ein für 19 Uhr geplanter Auftritt in Regensburg wurde abgesagt.

Einen Zusammenhang zwischen dem geplanten Merkel-Besuch und der Geiselnahme sieht die Polizei jedoch nicht. "Ich denke, dass das nicht das Motiv sein dürfte", sagte ein Sprecher.

Auch Stunden nach Beginn des Einsatzes fuhren am Rathausplatz immer mehr Mannschaftswagen der Polizei vor. Ein Spezialeinsatzkommando bereitete sich vor Ort auf einen möglichen Zugriff vor.

Unterdessen versammelten sich auch Schaulustige rund um den abgesperrten Rathausplatz. "Die stehen da und warten, dass was passiert", sagte eine Verkäuferin, die in der Nähe des Platzes arbeitet. Ein Café direkt am Rathausplatz ist bisher noch geöffnet. "Wir verköstigen jetzt die Einsatzkräfte", sagte ein Mitarbeiter. Andere Geschäfte im Bereich des Einsatzortes mussten schließen.

Das Alte Rathaus in Ingolstadt steht im Norden des Rathausplatzes und geht im Kern auf das 14. Jahrhundert zurück. 1960 baute die Stadt das Neue Rathaus an der Ostseite des Rathausplatzes und gliederte zahlreiche Verwaltungsräume dorthin aus. Das Alte Rathaus ist aber weiter Sitz des Ingolstädter Oberbürgermeisters und der Touristeninformation.

rls/hen/dpa/AFP

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