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Geiselnehmer von Ingolstadt: Trickser, Manipulierer, armer Hund

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Das Geiseldrama von Ingolstadt wirft Fragen auf: Wieso war der psychisch schwer gestörte Täter nicht in stationärer Behandlung? Haben die Gutachter im Stalking-Prozess gegen ihn versagt? Anklagevertreter winken ab: Man habe keine rechtliche Handhabe gegen den 24-Jährigen gehabt.

Ingolstädter Rathaus: Geiselnahme beendet Fotos
DPA

"Krieg wird über dich kommen. Du wirst sterben, Schlange." Wer solche Kurzmitteilungen auf seinem Handy liest, hat jeden Grund, sich Sorgen zu machen. Wer täglich bis zu 90 solcher Drohungen erhält, verfällt in Panik. So erging es einer von vier Geiseln, die ein Stalker im Rathaus von Ingolstadt neun Stunden lang festhielt, bevor die Polizei ihn mit Schüssen außer Gefecht setzte.

Im Jobcenter lernte eine heute 25-jährige Rathausangestellte vor sechs Jahren einen jungen Mann kennen. Man verstand sich gut, plauderte, ging gemeinsam spazieren, ab und zu eine Pizza essen. "Es hat sich irgendwie eine Freundschaft entwickelt", sagte die Ingolstädterin später vor Gericht.

Da hatte sich die Sympathie bereits in Todesangst gewandelt. Da hatte die Sekretärin Hunderte schlaflose Nächte hinter sich, sie hatte eine Alarmanlage in ihrer Wohnung installiert, außerdem Überwachungskameras, wie die "Augsburger Allgemeine" berichtet. Da hatte sie einen neuen Partner gefunden und plötzlich jeden Tag Dutzende SMS von ihrem Jobcenter-Bekannten erhalten, fast alle mit dem gleichen Tenor: "Warum zwingst du mich, dir weh zu tun?"

Die junge Frau war verzweifelt. Sie ging zur Polizei, ein Kontaktverbot wurde ausgesprochen. Und ignoriert. Der Stalker belästigte sie weiter an ihrem Arbeitsplatz, bedrohte ihre Kollegen und Vorgesetzten, erhielt schließlich Hausverbot im Rathaus. Als der aufdringliche Ex-Bekannte im August 2012 erneut versuchte, Kontakt aufzunehmen, nahm die Polizei ihn fest.

"Hochmanipulative Persönlichkeit"

Es wurde Anklage erhoben wegen Nachstellung, versuchter Nötigung, Beleidigung und Bedrohung, aber auch wegen Körperverletzung, weil der Mann in einer psychiatrischen Klinik in München einen Sicherheitsbeamten geschlagen hatte. Wie der "Donaukurier" berichtet, schätzten ihn die Ärzte dort als "hochmanipulativ" ein. So soll er unter anderem vorgetäuscht haben, gehörlos zu sein, bis ihm die behandelnden Psychiater auf die Schliche kamen. Die Mediziner soll er mit eigentümlichen Spitznamen wie "Doktor Schnuffelschnäuzchen" angesprochen haben. Weil er Angst vor Videoüberwachung hatte, weigerte sich der Patient zudem, auf seinem Bett zu schlafen und verkroch sich darunter - was beim Pflegepersonal nicht gut ankam.

Von schizoiden Zügen und Autismus war die Rede, von zahlreichen schwersten Störungen, die nur mit einem jahrelangen stationären Aufenthalt in der Psychiatrie angegangen werden könnten. "Die Familiengeschichte des Mannes war katastrophal", erinnert sich der damalige Anklagevertreter, Oberstaatsanwalt Günter Mayerhöfer.

Die Mutter hatte demnach neun Kinder von fünf verschiedenen Männern. Der leibliche Vater habe ihn sexuell missbraucht, berichtete der Sohn verschiedenen Betreuern. Laut Staatsanwaltschaft gab es ein entsprechendes Verfahren gegen den Vater in Frankfurt am Main. "Es wurde aber eingestellt, die Akten vernichtet", so Mayerhöfer. Seit seiner Kindheit lebte der spätere Geiselnehmer in Heimen, Jugendhilfeeinrichtungen und psychiatrischen Einrichtungen. "Er war ständig unter Beobachtung", so der Oberstaatsanwalt.

"Besser in stationäre Behandlung"

Ende Juli 2013 verurteilt das Landgericht Ingolstadt den damals 23-Jährigen wegen Stalkings zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung. Im Rückblick schätzte Mayerhöfer schon damals die Situation richtig ein: "Für die Allgemeinheit und auch für Sie wäre es besser, wenn Sie sich in stationäre Behandlung begeben würden", sagte er. "Aber ich weiß, dass Sie das nicht wollen, und rechtlich können wir es nicht erzwingen."

Im Rückblick jedoch plagt auch den Staatsanwalt die Frage, ob das Verbrechen zu verhindern gewesen wäre. "Er war so verkorkst, dass man ihn zu seinem eigenen Wohl hätte in die Psychiatrie bringen sollen. Aber wir hatten keine rechtliche Handhabe." Das Strafmaß sei letztlich verhältnismäßig gewesen.

Zwei Psychiater waren in dem Verfahren damit beauftragt worden, eine Prognose abzugeben- und hatten die Ungefährlichkeit des Angeklagten attestiert. Sie waren auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Haben sie den Mann eklatant falsch eingeschätzt? "Die Gutachter haben nicht versagt", betont der Leitende Oberstaatsanwalt Helmut Walter aus Ingolstadt. "Letztlich können Sie nicht in die Psyche eines Menschen reinschauen, es gibt keine Garantie für eine fehlerfreie Einschätzung."

Eine Verschärfung der geltenden Gesetze gegen Stalking, wie sie Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) forderte, hält Walter nicht für nötig: "Man sollte die Funktionalität einer allgemeinen Regelung nicht wegen eines Einzelfalls in Frage stellen." Auch die Deutsche Stalking-Opferhilfe hatte härtere Strafen angemahnt. Der Verein schätzt die Zahl der jährlichen Nachstellungen in Deutschland auf 600.000 bis 800.000. Laut polizeilicher Kriminalstatistik gab es 2012 etwa 24.600 Stalking-Fälle.

Mayerhöfer hält den Ruf nach schärferen Gesetzen in diesem Zusammenhang für "kompletten Unsinn". Der Geiselnehmer von Ingolstadt hätte selbst bei drohender Todesstrafe nicht anders gehandelt. "Bei psychisch schwer gestörten Tätern machen härtere Strafen überhaupt keinen Sinn, weil sie für Leute, die in einem paranoiden Wahnsystem leben, meist keine Rolle spielen." Der Täter sei vorbestraft gewesen, verbal sehr aggressiv und sehr bedrohlich, aber nie übergriffig. "Niemand hat erwartet, dass er diese Grenze überschreiten würde, so, wie er es gestern getan hat. Ich bin heilfroh, dass im Rathaus niemand zu Schaden gekommen ist."

Sein Mandant habe das Gefühl gehabt, "mit dem Rücken zur Wand zu stehen", sagt Anwalt Jörg Gragert, der den Geiselnehmer auch im anstehenden Verfahren vertreten wird. Erst vor kurzem habe die Stadt dem 24-Jährigen Hausverbot für eine Obdachlosenunterkunft erteilt, in der er vorübergehend übernachtete. "Das hat ihm wohl den Boden unter den Füßen weggezogen." Dem Anwalt zufolge wurde der Mann von drei Kugeln der Einsatzkräfte getroffen - an der Schulter, am Handwurzelknochen und am Oberschenkel.

"Alter Mann, du bist der Erste, der eine Kugel in den Kopf kriegt"

Den Geiseln geht es den Umständen entsprechend gut. Eine von ihnen, der dritte Bürgermeister Sepp Mißlbeck, hatte das Rathaus fünf Stunden nach Beginn der Geiselnahme verlassen können. "Alter Mann, du bist der Erste, der eine Kugel in den Kopf kriegt", soll der Täter zu ihm gesagt haben. "Ich lach schon drüber, auch wenn mir nicht zum Schmunzeln ist", sagte Mißlbeck später. Der Mann sei wohl ein "armer Hund".

Das Verhalten des Geiselnehmers beschrieb er als "sehr konsequent, sehr ruhig". Er habe mit ihm zusammen im Internet die Berichte gelesen. "Schau, jetzt bist du ein berühmter Mann", habe er zu dem 24-Jährigen gesagt. Als Motiv habe der angegeben, seinen guten Ruf nach dem ungerechten Gerichtsurteil vom Juli wiederherstellen zu wollen.

Mit Material der Agenturen

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