Opfer-Talk bei Jauch: Geisel ein Leben lang

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Geisel-Talk bei Jauch: Kein Hunger, niemals satt Fotos
dapd

Wie überlebt man eine Entführung? Welche Spuren hinterlässt sie? Johannes Erlemann, Marcus Hellwig und Natascha Kampusch wurden in einer Holzkiste, einer Zelle, einem Kellerverlies gefangen gehalten. Bei Günther Jauch sagten sie, was das Schlimmste sei an der Geiselhaft: die Zeit danach.

Johannes Erlemann fühlt sich lebendig begraben. Er ist elf Jahre alt, es ist März 1981. Drei Männer haben ihn auf dem Heimweg entführt, ihn in einer Kiste unter der Erde vergraben. Sie ist zwei Meter lang, 1,50 Meter breit und so hoch, wie Johannes Erlemann groß ist: 1,60 Meter. Die Unbekannten haben ihn angekettet. Ohne Fenster, ohne Strom. Ein Sarg für einen Jungen, dessen Vater Jochem ein erfolgreicher Unternehmensberater und Präsident des Eishockeyclubs "Haie" ist, eine Größe in Köln, vermögend. Die Entführer fordern drei Millionen D-Mark Lösegeld.

14 Tage ist Johannes Erlemann in der Gewalt seiner Entführer, bis sie ihn mitten auf einem Acker freilassen. Er läuft zu einer Gaststätte, bestellt sich ein Taxi und fährt nach Hause. Im weißen Frotteebademantel tritt er noch am selben Abend vor die Fernsehkameras. Ein blonder Junge, der nicht verstört wirkt, schon gar nicht traumatisiert. Eher so als sei er gerade von einem Tennisturnier nach Hause gekommen.

32 Jahre später, Vater Jochem ist inzwischen verstorben, sitzt Johannes Erlemann in Günther Jauchs Talkrunde und sagt über die Spuren, die die Todesangst hinterlassen hat: "Die Entführung war schlimm, aber die Zeit danach noch mehr. Man wird wie Vieh durchs Dorf getrieben." Erlemann wurde auf dem Schulhof von anderen Kindern vertrimmt, er wechselte auf ein Internat, seine Kindheit war vorbei. Nach der Schule verließ er Köln. Heute arbeitet er als Geschäftsführer einer Internetfirma wieder in seiner Heimatstadt.

"Sie ist die Botschafterin des Überlebens"

Jauch hat sich für ein abseitiges Thema entschieden und mit Natascha Kampusch eine der bekanntesten Entführungsopfer in seinen Stuhlkreis gebeten: Sie feiert an diesem Abend ihren 25. Geburtstag. Acht Geburtstage musste sie in einem fünf Quadratmeter großen Kellerverlies ausharren. 1998 war sie in Wien von dem Techniker Wolfgang Priklopil entführt worden.

Kampusch teilt in der Talkrunde Erlemanns Erkenntnis. Noch immer bekommt sie den Hass anderer zu spüren, die ihre Version ihrer Gefangenschaft nicht glauben wollen, die ihr ihre öffentlichen Auftritte verübeln, sie anpöbeln, diffamieren. Kampusch erklärt es sich so, dass diese Leute erstaunt sind darüber, dass sie sich als Opfer anders verhält, als man es erwartet. Ein Opfer soll sich wegducken, das Trauma womöglich als Monstranz vor sich hertragen.

Kampusch macht exakt das Gegenteil - und damit das Richtige, wie Georg Pieper sagt. Pieper ist Psychotherapeut, spezialisiert auf die Behandlung von Trauma-Patienten. Er betreute deutsche Geiselopfer im Libanon und die Opfer des Grubenunglücks von Borken. Natascha Kampusch sei "ein leuchtendes Beispiel für eine aktiv Überlebende", so Pieper. Eine, die sich der "radikalen Akzeptanz" unterworfen habe, die notwendig sei, das eigene Schicksal anzunehmen. "Sie ist die Botschafterin des Überlebens."

Die Strategien, wie ein Mensch Gefangenschaft überlebt und woraus er Hoffnung schöpft, sind unterschiedlich. Marcus Hellwig begann auf vier Quadratmetern Sport zu treiben. Der Reporter der "Bild am Sonntag" war im Oktober 2010 gemeinsam mit dem Fotografen Jens Koch während eines Interviews im Iran festgenommen worden. Er hatte ohne staatliche Genehmigung ein Interview mit dem Sohn und dem Anwalt von Sakineh Ashtiani geführt, die wegen Ehebruchs und Beihilfe zur Ermordung ihres Ehemanns zum Tod durch Steinigung verurteilt worden war.

Gespräche mit Klamotten

132 Tage saß Hellwig im iranischen Gefängnis, ohne Tageslicht, bewacht von vermummten Wärtern. Er wurde gefoltert, verprügelt, endlos lange verhört, stundenlang musste er mit dem Gesicht zur Wand stehen. "Ich bin heute ein anderer Mensch", sagt er bei Jauch.

Die wichtigste aller Strategien, so klang es in der Gesprächsrunde an, ist die, sich nicht zum Opfer machen zu lassen. Für Johannes Erlemann funktionierte das durch Kommunikation. "Man kann eine solche Situation nicht überleben, ohne eine Kommunikation zum Täter aufzubauen", sagt der 42-Jährige. Die Kommunikation bewahre die Möglichkeit, Einfluss auf das Geschehen zu nehmen, ein Kontrollgefühl aufrechtzuerhalten und sich damit aus der Opferrolle zu schälen, konstatierte Pieper.

Bei Natascha Kampusch ging es so weit, dass sie ihre Kleider auf einem Stuhl so drapierte, als seien sie Personen. Mit dem Klamottenberg führte sie Gespräche, probte Dialoge, die sie mit dem Täter führen wollte. Und je länger sie in der Gewalt ihres Entführers war, der ihre einzige Bezugsperson war, umso mehr Verständnis entwickelte sie für ihn. "Er war enorm verzweifelt, litt unter einer emotionalen Instabilität", so Kampusch. "Dieser Mensch konnte nicht anders."

Kein Hunger, niemals satt

Doch von einem Stockholm-Syndrom - wenn Geiseln ihr eigenes Wertesystem aufgeben und sich mit den Werten ihrer Entführer identifizieren - kann man bei Jauchs Gästen nicht sprechen. Das Syndrom wurde nach einer Geiselnahme in einer Bank in Stockholm 1973 benannt. Damals besuchten die Opfer nach ihrer Befreiung ihren Geiselnehmer im Gefängnis und baten um eine milde Strafe für ihn.

Kampusch sagt im Berliner Gasometer, sie habe sich an das erinnert, was sie im Religionsunterricht gelernt hatte: dem anderen vergeben. Ein Kraftakt für ein Mädchen von zehn Jahren, das begreift, dass ihr Entführer ihr unterlegen ist, sie ihm körperlich aber nichts entgegensetzen kann. Vielleicht ließ Wolfgang Priklopil seine Geisel auch deshalb tagelang hungern und um jeden Bissen betteln. Bis heute, so sagt Kampusch, habe sie jegliches Gefühl für Hunger oder Sattsein verloren.

Mit dem Film "3096" über den Fall Kampusch, der am 28. Februar ins Kino kommt, hat Kampusch auch noch den letzten Rest an Privatheit, wie sie es in den vergangenen Jahren nannte, abgetreten. Im Film fesselt Priklopil sein Opfer mit Kabelbindern an sich und vergeht sich an ihm. Über den sexuellen Missbrauch hatte Kampusch bislang geschwiegen.

Vielleicht gehört diese Absolutheit dazu, wenn man partout kein Opfer sein will. In jedem Fall erfordert diese Rolle eine gewisse Furchtlosigkeit: Man überlässt dem Täter nicht mehr das Feld. So echauffierte sich Erlemann darüber, dass einer seiner Entführer durch eine Erfindung inzwischen mehrfacher Millionär sei. Dieser habe einen Innovationspreis erhalten und sei vom Ministerpräsidenten geehrt worden. Erlemann, der noch immer fast jede Nacht von seiner Entführung träumt, sagt: "Im Gegensatz zu den Tätern haben wir lebenslänglich bekommen. Und das ändert sich auch nicht."

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