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Geplanter Amoklauf von Köln: Heftige Debatte über Polizeistrategie

Nach der überraschenden Wende im Fall um den geplanten Amoklauf von Köln läuft die Diskussion über das Vorgehen der Behörden auf Hochtouren. Die Polizei hat ihren Weg verteidigt. Experten werfen den Beamten dagegen vor, dass es lediglich um Ermittlungserfolge gegangen sei.

Berlin/Passau - Die Kölner Polizei hat die Kritik an ihrer Öffentlichkeitsarbeit zurückgewiesen. Am Wochenende hätten viele Gerüchte im Zusammenhang mit dem Freitod des 17-Jährigen kursiert, der mit einem 18-jährigen Mitschüler einen Amoklauf geplant haben soll, sagte der Leiter der Direktion Kriminalität der Kölner Polizei, Norbert Wagner. Dies habe viele Eltern und ihre Kinder verunsichert.

Georg-Büchner-Gymnasium in Köln: Ermittlungen um geplanten Amoklauf
DPA

Georg-Büchner-Gymnasium in Köln: Ermittlungen um geplanten Amoklauf

Auch die Polizeigewerkschaften wiesen Kritik an der Ermittlungsarbeit zurück. "Das Verhalten der Polizei war korrekt", sagte der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, der "Berliner Zeitung". "Es hat am Freitag keine Hinweise auf eine Suizidgefahr des Schülers gegeben, auch nicht nach einem Gespräch der Schulleitung mit seiner Mutter", verteidigte Freiberg das Vorgehen der Polizei. Einer der verdächtigen Schüler hatte sich am Freitag das Leben genommen.

Rolf Kaßauer, Berliner Landeschef des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BdK), argumentiert ähnlich: "Natürlich stehen Ermittlungsbehörden unter starkem Druck, wenn ein Anschlag im Internet angekündigt wird. Man kann anfangs nicht wissen, ob jemand seine Pläne vielleicht schon aufgegeben hat", sagte Kaßauer.

Der Münchner Polizeipsychologe Georg Sieber kritisierte dagegen das Vorgehen der Kölner Polizei. "Die Fahnder wollten rasch einen publikumswirksamen Erfolg präsentieren", sagte Sieber der "Berliner Zeitung". "Wenn es ihnen um den Jugendlichen gegangen wäre, hätten sie anders reagiert." Sieber sieht als eine der Ursachen den hohen Erwartungsdruck. "Wenn es Präventivkampagnen gibt, wie zuletzt nach dem Schulmassaker in Finnland, kommt es auch vermehrt zu handwerklichen Fehlern", sagte der Psychologe. Im finnischen Tuusula hatte ein 18-jähriger Abiturient in seiner Schule acht Menschen getötet und später sich selbst erschossen.

Der Vorsitzende des Bundes der Kriminalbeamten, Klaus Jansen, forderte in der "Passauer Neuen Presse" politische Maßnahmen gegen gewaltverherrlichende Videos und Computerspiele. Er regte an, Gymnasien auf eine erhöhte Gefahr von Amokläufen zu untersuchen. "Bei den Fällen von Schulgewalt in Deutschland stehen meistens Gymnasien in den Schlagzeilen." Es müsse untersucht werden, ob hier der Leistungsdruck und die Angst, abgehängt zu werden, besonders stark sind oder es mehr als an anderen Schulformen zu Mobbing kommt."

Jansen sieht jedoch auch positive Entwicklungen. "Die Sensibilität scheint zu wachsen. Die Schüler haben verstanden, wie wichtig es ist, Sicherheitsbehörden einzuschalten." Der Verbandschef fordert die Einrichtung einer Internetplattform, auf der Bürger Hinweise auf mögliche Gewalttaten abgeben könnten. "Die Polizei kümmert sich dann darum, dass die zuständige Dienststelle die Hinweise erhält." Er frage sich, warum Kinder und Jugendliche Zugang zu einer Soft-Air-Pistole oder einer Armbrust haben müssten. Auch seien keine gewaltverherrlichenden Videos oder Computer-Spiele erforderlich, um aus Jugendlichen Erwachsene zu machen.

Die Gewerkschaft für Bildung und Erziehung (GEW) regte eine Konzentration auf die Vermittlung sozialer Kompetenzen im Schulunterricht an. Der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", Lehrer müssten stärker als bislang darauf vorbereitet werden, mit der Hilf- und Sprachlosigkeit von Schülern umzugehen. Er beklagte, dass die Zahl der Schulpsychologen und Sozialarbeiter "immer weiter abgebaut" werde. "Wir haben ein Bildungswesen, das überhaupt erst Gewinner und Verlierer produziert", kritisierte Thöne. Die Schule müsse "weg vom reinen Paukwissen".

Die Ermittlungen nach dem Selbstmord hatten die Polizei zu einem 18-jährigen Mitschüler geführt. Bei Durchsuchungen der Wohnungen beider Schüler fanden die Ermittler zwei Armbrüste, mehrere Softair-Waffen und eine Liste mit den Namen von 17 Lehrern und Schülern, die womöglich dem zunächst geplanten Amoklauf zum Opfer fallen sollten. Die beiden Gymnasiasten sollen sich zudem Informationen über die Herstellung von Rohrbomben beschafft haben.

ler/AFP/dpa

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Köln: Armbrüste, Pfeile, Softair-Waffen

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