Geplatzte Studie zum Missbrauch: Kinderschutzbund spricht Kirche Willen zur Aufklärung ab

Die deutschen Bischöfe stehen nach dem Scheitern des Forschungsprojekts zum Missbrauchsskandal massiv in der Kritik. Der Präsident des Kinderschutzbundes wirft der katholischen Kirche vor, sich dem Thema nicht mehr stellen zu wollen.

Hamburg - Der Präsident des Kinderschutzbunds, Heinz Hilgers, hat der katholischen Kirche nach dem Stopp des Forschungsprojekts über Kindesmissbrauch den Willen zur Aufklärung abgesprochen. "Ich habe den Verdacht, dass starke Kräfte in der katholischen Kirche jetzt nach der Methode Vergessen-und-Vergeben arbeiten", sagte Hilgers der "Saarbrücker Zeitung". "Es gibt derzeit keine Missbrauchsskandale, über die öffentlich berichtet wird, und deshalb glaubt man in Kirchenkreisen jetzt offenbar, den Mantel des Schweigens darüber hängen zu können."

Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Missbrauchsskandals ist nach einem Zerwürfnis zwischen der Kirche und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen vorerst gescheitert. Der Leiter des Instituts, Christian Pfeiffer, will das Forschungsprojekt trotzdem fortsetzen - auch ohne Unterstützung der Bischöfe. Die wiederum suchen nun nach einem neuen Projektpartner.

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast sprach von einem "Schlag ins Gesicht der Opfer". Es müsse schnell ein neuer Weg für die rückhaltlose Aufklärung gefunden werden, verlangte sie in der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Pfeiffer hält indes an seinem Vorwurf der Zensur fest. "Die katholische Kirche wollte offenbar ein Gutachten ganz nach ihrem Geschmack." Die Hauptwiderstände seien aus der Diözese München und Freising gekommen, in der Papst Benedikt XVI. einst Erzbischof war. Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass dieser Zusammenhang eine Erklärung sein könnte.

Die Bischöfe weisen den Zensurvorwurf von sich. Die Bischofskonferenz hat Pfeiffer nach Angaben von deren Sprecher Matthias Kopp eine strafbewehrte Unterlassungserklärung zustellen lassen. Demnach hat Pfeiffer bis Donnerstagmittag Zeit, die Erklärung zu unterzeichnen, andernfalls wolle die Bischofskonferenz eine einstweilige Verfügung vor Gericht erwirken.

Kopp nannte den Vorwurf der Zensur im "Mannheimer Morgen" absurd: "Der Wechsel des Projektpartners, den wir jetzt vollziehen, hat ausschließlich persönliche Gründe im Zerwürfnis mit dem Projektleiter." Er verwahrte sich gegen den Vorwurf, die Aufarbeitung sei an kirchlichem Widerstand gescheitert. "Es gibt kein Bistum, das aus dem Projekt ausgestiegen ist", sagte er.

Der Münsteraner Theologe Klaus Müller vermutet dagegen einen Machtkampf unter den Bischöfen hinter dem vorläufigen Scheitern des Projekts. Insbesondere konservative Geistliche hätten Angst vor den Ergebnissen der umfassenden wissenschaftlichen Untersuchung, sagte der Wissenschaftler vom Exzellenzcluster "Religion und Politik" an der Universität Münster. "Es kann nur daran liegen, dass die Seite der Bischöfe, die diese Form der Aufklärung für richtig halten, unter massivem Druck der konservativen Kräfte steht."

bim/dpa/AFP/dapd

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insgesamt 77 Beiträge
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1. optional
1965 10.01.2013
Zumindest in Schleswig-Holstein hat die Kirche deutlich dringlichere Themen zu bearbeiten. Hier wird mit der Androhung rechtlicher Schritte für die Einschränkung der Bäderregelung (Sonntagsverkauf) gestritten. Was würde man sich wünschen die Kirche würde dem Missbrauchstheme mit solcher Vehemenz nachgehen. Mich wundert weiterhin, dass es nicht zu einem Massenaustritt der Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft kommt.
2.
PublicTender 10.01.2013
Zitat von sysopDie deutschen Bischöfe stehen nach dem Scheitern des Forschungsprojekts zum Missbrauchsskandal massiv in der Kritik. Der Präsident des Kinderschutzbundes wirft der katholischen Kirche vor, sich dem Thema nicht mehr stellen zu wollen. Geplatzte Studie zum Missbrauch: Kinderschutzbund kritisiert Bischöfe - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/geplatzte-studie-zum-missbrauch-kinderschutzbund-kritisiert-bischoefe-a-876684.html)
Katholischer Klerus = Päderasten War immer so, wird immer so bleiben. Möchte nicht wissen was in Polen, Irland, Spanien in den letzten Jahrhunderten gelaufen ist. Da wird einem nur übel wenn man daran denkt was da in Gottes Namen verbrochen wurde und wird.
3. .
frubi 10.01.2013
Zitat von sysopDie deutschen Bischöfe stehen nach dem Scheitern des Forschungsprojekts zum Missbrauchsskandal massiv in der Kritik. Der Präsident des Kinderschutzbundes wirft der katholischen Kirche vor, sich dem Thema nicht mehr stellen zu wollen. Geplatzte Studie zum Missbrauch: Kinderschutzbund kritisiert Bischöfe - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/geplatzte-studie-zum-missbrauch-kinderschutzbund-kritisiert-bischoefe-a-876684.html)
Als damals auf der Pressekonferenz vollständige und lückenlose Aufklärung versprochen wurde, musste ich innerlich schmunzeln. Es war eigentlich schon von Anfang an klar, dass es massive Widerstände gegen eine solche Aufklärungsarbeit geben würde. In der katholischen Kirche hacken sich die Krähen eben gegenseitig kein Auge aus. Als Außenstehender muss man sich wirklich die Frage stellen, ob es nicht über Jahre hinweg einen von allen Seiten aktzeptierte Missbrauchssystematik gegeben hat. Zudem gibt es sicherlich immer noch eine große Anzahl an Opfern, die aus Scham immer noch nicht an die Öffentlichkeit gehen oder mit den Behörden zusammenarbeiten. Für mich ist der Sumpf noch lange nicht trocken und selbst Hardcore-Katholiken müssten sich so langsam mal fragen, ob es noch zu verantworten ist, wenn man seine Kinder in die Obhut der katholischen Kirche geben kann.
4.
!!!Fovea!!! 10.01.2013
Zitat von sysopDie deutschen Bischöfe stehen nach dem Scheitern des Forschungsprojekts zum Missbrauchsskandal massiv in der Kritik. Der Präsident des Kinderschutzbundes wirft der katholischen Kirche vor, sich dem Thema nicht mehr stellen zu wollen. Geplatzte Studie zum Missbrauch: Kinderschutzbund kritisiert Bischöfe - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/geplatzte-studie-zum-missbrauch-kinderschutzbund-kritisiert-bischoefe-a-876684.html)
Hat denn jemand tatsächlich gedacht, dass die Kirche an Aufklärung interessiert sei?! Männer, die Kleidchen tragen und tief verwurzelt in ihrer Denke das Mittelalter noch nicht verlassen haben, die sollen sich bereit erklären Kindesmissbrauchsfälle bereitwillig aufzuklären? Wer das glaubt, für den kommt demnächst der Osterhase.... Viel schlimmer ist, dass x-Mio. Menschen im 21. Jhd. diesen Märchenerzählern noch Glauben schenken.
5. Oh Wunder
lordgrössenwahn 10.01.2013
Welch Überraschung, dass da geblockt und gemauschelt wird!? Das Thema ist ja auch raus aus den Medien, daher reichen Lippenbekenntnisse ja auch vollkommen aus. Welch Heuchelei der Christlichen Kirche, vielleicht aber auch nur zuviel Nächstenliebe?
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