Prozess in Gera Ärztin quält und erpresst Rentner

Ein 82-Jähriger und seine Frau sollen monatelang von einer Psychiaterin in Thüringen gequält worden sein. Jetzt steht die Ärztin vor Gericht - und verweist auf ihr Engagement für Opfer des Stasi-Terrors.

Angeklagte Kerstin S. in Gera
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Angeklagte Kerstin S. in Gera


Eine Psychiaterin soll ein Rentnerehepaar über Monate hinweg eingesperrt, gequält und erpresst haben. Gegen die 59-jährige Kerstin S. begann am Montag am Landgericht Gera der Prozess.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll die Medizinerin im Jahr 2016 vor allem den damals 82 Jahre alten Mann misshandelt und drangsaliert haben. Die Taten trugen sich demnach in der Wohngemeinschaft der Ärztin im thüringischen Remptendorf (Saale-Orla-Kreis) zu.

Angeblich hatte der Mann seine Tochter und möglicherweise auch seine Enkel, die in der Wohngemeinschaft lebten, früher sexuell missbraucht und sollte von der Ärztin therapiert werden. Der an Alzheimer erkrankte und gehbehinderte Mann sollte ein "neuer Mensch" werden.

Im Verlauf der "Therapie" sei das Opfer geschlagen worden, habe sich Filme sexuellen Missbrauchs ansehen müssen und es sei ihm damit gedroht worden, in seinem sozialen Umfeld als Vergewaltiger dargestellt zu werden. So schilderte es der Staatsanwalt beim Prozessauftakt.

Um das Leid seiner Opfer zu kompensieren, habe der Mann unterschreiben müssen, dass er ihnen sein Vermögen überlässt. Um an Bargeld und Edelmetalle im Wert von mehr als 70.000 Euro zu kommen, soll die Angeklagte mit anderen in die Wohnung des Mannes eingedrungen sein, nachdem sie ihm den Schlüssel dazu entwendet hatte.

Angeklagte wehrt sich gegen die Vorwürfe

Die Ärztin wehrte sich in einer von ihrer Anwältin verlesenen Erklärung gegen die Vorwürfe. "Das Bild, das die Anklage zeichnet, ist vernichtend", sagte Rechtsanwältin Stefanie Burgold. Niemals sei die Ärztin so manipulativ und gefühlskalt gewesen, wie sie beschrieben worden sei.

Die Anwältin entwirft vor Gericht ein ganz anderes Bild ihrer Mandantin: In der DDR von der Stasi verfolgt, habe sie sich nach der Wende für die Opfer des Spitzelapparats eingesetzt. Dafür sei sie sogar mit der Ehrenmedaille der Stadt Erfurt ausgezeichnet worden. Die von der Staatsanwaltschaft behauptete Geiselnahme, eine Erpressung oder Freiheitsberaubung sowie Körperverletzungen habe es niemals gegeben.

Nach einem Streit um die Besetzung der Schöffen war der Prozess zunächst nur zäh in Gang gekommen. Ein ursprünglich vorgesehener Schöffe war verhindert und wurde durch eine andere Schöffin ersetzt. Dass der Grund des Wechsels nicht dokumentiert worden war, kritisierte die Verteidigung und bekam Recht: Die Verhandlung wurde abgebrochen. Als das Gericht für eine zweite Ersatzschöffin sorgte, scheiterte die Verteidigung mit einer weiteren Rüge und der Prozess konnte anfangen. Bis Ende November sind fast 40 Zeugen geladen.

mja/dpa

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