Urteil zu Statistiklücke: Verschwundene Schweriner

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Schwerin ist nicht gleich Schwerin: Namensvetter aus Brandeburg und Mecklenburg-Vorpommern

In der Landesstatistik fehlt dem brandenburgischen Schwerin rund ein Fünftel der Einwohner - etwa aufgrund einer Verwechslung mit der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns? Die Gemeinde forderte vor Gericht eine Korrektur. Sie scheiterte.

Cottbus - Beim Dorffest wird Bürgermeister Heinz Gode seine 780 Schweriner trösten müssen. Er weiß schon jetzt, dass sie ungehalten reagieren werden. Immer wieder ist die kleine Gemeinde in Brandenburg mit der Landeshauptstadt in Mecklenburg-Vorpommern verwechselt worden. Die Schweriner kennen das. Doch die Verwechslungsgefahr zieht sich offenbar bis in die Verwaltung des Landesstatistikamts. Die Gemeinde fürchtete dadurch einen finanziellen Schaden und zog vor Gericht.

Schwerin ist eine kleine Gemeinde in Brandenburg. Das Dorf liegt eine Dreiviertelstunde Autofahrt südöstlich von Berlin zwischen zwei Seen - am Wochenende erholt sich hier der Großstädter. Es gibt einen Angel- und einen Seniorenverein, in zwei Tagen findet das Dorffest statt. Mit Königsschießen und Höhenfeuerwerk um Mitternacht. Niemand, der je hier war, würde das beschauliche Dorf mit der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns verwechseln. Doch das Landesstatistikamt macht keine Hausbesuche.

Seit 22 Jahren ist Heinz Gode, 66, parteilos, ehrenamtlicher Bürgermeister von Schwerin. Seit Jahren fällt ihm auf: Laut den Zählungen des Landesstatistikamts Berlin-Brandenburg schrumpft die Gemeinde, während das ortseigene Melderegister höhere Zahlen meldet.

Die Einwohnerzahlen seien rapide gefallen, sagt Gode. 2007 wurde die Differenz besonders deutlich: Das Statistikamt kam auf 602 Einwohner, in Schwerin zählte man 780.

Eine kleine Ungenauigkeit, möchte man meinen. Doch sie bedeutet einen großen Verlust für das kleine Schwerin. Rund 130.000 Euro pro Jahr sind dem Ort so entgangen - viel Geld für eine Gemeinde, deren Etat sich auf 840.000 Euro im Jahr beläuft. Doch so sind die Regeln des Länderfinanzausgleichs: je weniger Einwohner, desto weniger Zuwendung vom Land Brandenburg.

In Schwerin könnte man das Geld gut gebrauchen

Gode vermutet: Eine Verwechslung mit der mecklenburgischen Landeshauptstadt. "Ich kriege so viel Post, die eigentlich für die Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern bestimmt ist", sagt er. Er schicke sie dann einfach ungeöffnet weiter. Auch jetzt glaubt er an den Fluch des Namens: Der Fehler kann schnell geschehen, das Ummelden erfolgt per Mausklick. Er ist sich sicher, dass Wegzüge aus der Stadt Schwerin irrtümlicherweise in der Gemeinde Schwerin gemeldet wurden.

Das kleine Schwerin klagte. Vor dem Cottbusser Verwaltungsgericht wollte es das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg dazu verpflichten, die offizielle Bevölkerungszahl rückwirkend für die Jahre 2007, 2008 und 2009 zu korrigieren.

Doch das Gericht lehnte die Klage nun ab. Es gebe keine Rechtsgrundlage für die Ansprüche, heißt es in der Urteilsbegründung. Außerdem lasse sich kein methodischer Fehler beim Vorgehen des Statistikamts feststellen. Der Umstand, dass mit großer Wahrscheinlichkeit auch Fortzüge von Bewohnern aus der Stadt Schwerin von der Gemeinde Schwerin abgezogen wurden, spreche nicht dagegen.

Rund ein Fünftel der Schweriner, irgendwo bei der statistischen Berechnung abhanden gekommen.

Beim Amt für Statistik Berlin-Brandenburg war nach dem Urteil niemand zu erreichen. Könnte der Fehler nicht doch an der Zählweise im märkischen Schwerin liegen? "Nein", ist Gode überzeugt. Die Schweriner waren zuversichtlich. Ihrer Meinung nach hielten sie ohnehin den ultimativen Beweis in den Händen: den Zensus 2011. 780 Einwohner sind dort für die Gemeinde Schwerin in Brandenburg notiert. 392 Männer, 388 Frauen.

Eine gütliche Einigung zwischen den Instanzen sei nicht möglich gewesen, sagt Gode. Es habe einen regen Schriftverkehr gegeben, viele persönliche Gespräche. Die Gemeinde habe sogar angeboten, selbst eine Volkszählung durchzuführen - ohne Erfolg. "Wir durften nicht eingreifen", sagt Gode und ärgert sich über die "hochheiligen Zahlen" der Landesstatistiker. Erst als man klagte, sei eine Reaktion gekommen. "Deswegen haben wir uns ja auch so echauffiert!", sagt der Bürgermeister.

In Schwerin könnte man das Geld gut gebrauchen. Für den Mehrgenerationen-Treffpunkt zum Beispiel. Oder den Bolzplatz. Oder die vielen geplanten Straßenmaßnahmen. Vieles könne sich der Ort nicht leisten. "Wir erfüllen so gerade unsere Pflichten", sagt Gode. Eine Pflicht will der Bürgermeister jedoch sicher erfüllen: "Wir werden auf jeden Fall prüfen, ob wir in Berufung gehen können."

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Ich wünsche mir ...
Michi2010 27.06.2013
1. Beamte die Postleitzahlen lesen können 2. Kurz mal nachzählen, wird wahrscheinlich mit Prüfung der Rechtsgrundlage, Auswahl befähigter Mitarbeiter, Genehmiung durch den Personalrat und dem Eintreten einer geeigneten Wetterlage bis 2018 dauern ... Am meisten würde mich freuen, wenn Wowereit die Berliner zählt ...
2. optional
wqa 27.06.2013
Ja Schwachsinn in Potenz. Aber hier ist Deutschland. Die Bürokratie lebt.
3. Ich glaube,
hmm27 27.06.2013
die haben alle heimlich in'n Westen gemacht...
4. optional
alsi 27.06.2013
Wo kämmen wir da hin wenn man an Statistiken zweifeln könnte
5. rein statistisch
wolki 27.06.2013
sind beide besoffen, wenn die Frau OB und der Herr Gode zusammen eine Flasche Schnaps trinken, aber der Herr Gode nur Wasser nimmt und die Frau OB den Schnaps. Hicks
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