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Gerichtsurteil: Belgischer Sexualstraftäter darf sterben

Archivfoto aus 2013: Frank Van Den Bleeken vor Gericht in Brüssel Zur Großansicht
AFP

Archivfoto aus 2013: Frank Van Den Bleeken vor Gericht in Brüssel

Drei Jahrzehnte verbrachte der verurteilte Mörder Frank Van Den Bleeken in Haft: Weil er seine sexuellen Wahnvorstellungen nicht in den Griff und offenbar kaum Therapieangebote bekam, will er jetzt sterben. Ein Gericht billigte ihm dies zu.

Brüssel - Frank Van Den Bleeken will sterben. Nicht irgendwann, wenn die Natur es will, sondern möglichst bald. Und das darf er, beschied nun ein Berufungsgericht in Brüssel, das dem Antrag des Häftlings auf aktive Sterbehilfe stattgegeben hat.

Der heute 50-Jährige war einst wegen Mordes und mehrerer Vergewaltigungen verurteilt worden. Er leide extrem unter seinen sexuellen Wahnvorstellungen, hatte Van Den Bleeken angeführt. Er wolle sterben, weil er nicht ausreichend therapiert worden sei, lautete eines der Argumente.

Sein Anwalt Jos Vander Velpen hatte schwere Vorwürfe gegen den Strafvollzug erhoben. Tatsächlich sei sein Mandant während der gesamten Haft fast gar nicht therapiert worden. Anträge auf Verlegung in ein niederländisches Gefängnis mit entsprechenden Therapiemöglichkeiten seien nicht einmal beantwortet worden.

Van Den Bleeken ist der erste Häftling Belgiens, dem die Inanspruchnahme aktiver Sterbehilfe zugebilligt wurde. Nachdem er auf Sterbehilfe klagte, haben mittlerweile 15 weitere Häftlinge den Tod verlangt.

In Belgien ist Sterbehilfe seit 2002 erlaubt. Darunter wird "die Handlung eines Dritten, mit der das Leben einer Person auf deren eigenen Wunsch beendet wird", verstanden. Diese Erlaubnis gilt für Menschen, die unerträgliche Leiden nachweisen können, auch psychische. In Belgien ist auch Sterbehilfe für Minderjährige erlaubt. Im vergangenen Jahr gab es 1807 Fälle von Sterbehilfe im Lande. In Deutschland ist aktive Sterbehilfe strafbar; Ärzte dürfen bei Schwerkranken nur lebenserhaltende Maßnahmen abbrechen.

Delphine Paci, Präsidentin einer Organisation zur Überwachung der Haftbedingungen in Belgien, machte "unerträgliche" Haftbedingungen für die Todeswünsche verantwortlich. Von den mehr als tausend Sicherheitsverwahrten, zu denen auch Van Den Bleeken gehört, seien rund 40 Prozent psychisch krank. Als "apokalyptisch" beschrieb der Geschäftsführer eines Verbands für menschenwürdiges Sterben, Benoît Van der Meerschen, die Lage der psychisch kranken Häftlinge.

Die Hinterbliebenen des Mordopfers hatten vor dem endgültigen Gerichtsbeschluss kein Verständnis für den Todeswunsch gezeigt: "Er soll in seiner Zelle sterben", sagte die Schwester des Opfers dem Blatt "Het Laatste Nieuws".

ala/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Der Tod als Flucht?
Paolo123 29.09.2014
Nun, auch nach den Erkenntnissen der Sterbeforschung nutzt ihm der staatlich unterstützte Selbstmord nichts, sondern er wird sich anschließend - körperlos aber nicht bewusstlos - mit denselben Problemen in noch schwierigerer Form herumschlagen müssen. Und wie leicht man an eine aktive Sterbehilfe herankommt finde ich schon erschreckend. Wie schnell werden dann auch andere und leichtere Fälle bald als Begründung akzeptiert?
2. Paradox
Listerholm 29.09.2014
juristisch: Ein überführter Straftäter wird zur gesetzlichen Höchststrafe verurteilt, welche aus guten, vom Parlament gebilligten Gründen, nicht die Todesstrafe ist. Ziel ist die Resozialisierung des Täters unter Abwägung der legitimen Opfer- und Täterinteressen. Der Täter aber als wohl Schuldiger soll ein frei verantwortlich handelnder Mensch bleiben. Seine Würde bleibt dadurch gewahrt, dass er seine Strafe als schuldangemessene erlebt und absitzt. Dieser Gedanke wird konterkariert, wenn der Gefangene nun zum "Herrn seines Schicksals" (mit staatlicher Hilfe) wird und mittels des gleichen Rechtes, welches die Todesstrafe abgeschafft hat, sich selbst richtet, indem er denselben Apparat bittet, ihm eben genau diese Freiheit zu gewähren. Absurd. moralisch: Wie feige ist es, als Triebtäter mehrere Menschen zu missbrauchen, dann selbst unfähig zur Aggressions- und Konfliktbewältigung zu sein (selbst wenn entsprechende Stellen ihre Hilfe verweigern. Warum sollen sie genötigt und verpflichtet sein.) und dann zu wimmern, wie schlimm das alles ist. Die tödliche Spritze ist hier einfach nur erbärmliches Dokument der Unfähigkeit, sich der eigenen Verantwortung zu stellen. BTW: Hier wird gleichsam nebenbei der Staat und seine "angebliche Verweigerung kompetenter Therapie" verantwortlich gemacht. Man stirbt ja gerne als Märtyrer. politisch: Mit der Sterbehilfe haben so ziemlich alle demokratischen Staaten ein Problem. Belgien spielt durchaus nicht die Rolle des beispielhaften Vorreiters, sondern eher die des gehetzten, dem mainstream gehorchenden Vollstreckers eines diffusen Bürgerwillens. Dass dies nun ausgerechnet an einem Straftäter exemplifiziert wird, zeigt die ganze Ausweglosigkeit eines Systems, welches jedes Wissen über Recht und Moral verloren hat.
3. Erstaunlich!
kleinerquatsch 29.09.2014
Erstaunlich, dass das Gericht eher der aktiven Sterbehilfe zustimmt, als die Haftbedingungen in Bezug auf Therapie zu ändern. Damit wäre sie den Opfern, aber auch dem unter seinen Wahnvorstellungen leidenden Mann gerecht geworden. Aber das ist natürlich teurer als ihn sterben zu lassen.
4. Wäre was für den europäischen Gerichtshof
at.engel 29.09.2014
Das ist im Grunde nichts anderes als... Todesstrafe - über drei Ecken natürlich. Die Hardliner werden natürlich sagen, was heißt hier "Strafe", wenn der Häftling sie selbst verlangt. Andererseits gibt man hier in der Tat dem Verurteilten wieder eine "Chance", wieder die Initiative über seine weitere Existenz zu übernehmen. Aber de facto stirbt hier jemand im Gefängnis mit staatlicher Beihilfe. Wäre was für den europäischen Gerichtshof...
5. Paradox
Listerholm 29.09.2014
juristisch: Ein überführter Straftäter wird zur gesetzlichen Höchststrafe verurteilt, welche aus guten, vom Parlament gebilligten Gründen, nicht die Todesstrafe ist. Ziel ist die Resozialisierung des Täters unter Abwägung der legitimen Opfer- und Täterinteressen. Der Täter aber als wohl Schuldiger soll ein frei verantwortlich handelnder Mensch bleiben. Seine Würde bleibt dadurch gewahrt, dass er seine Strafe als schuldangemessene erlebt und absitzt. Dieser Gedanke wird konterkariert, wenn der Gefangene nun zum "Herrn seines Schicksals" (mit staatlicher Hilfe) wird und mittels des gleichen Rechtes, welches die Todesstrafe abgeschafft hat, sich selbst richtet, indem er denselben Apparat bittet, ihm eben genau diese Freiheit zu gewähren. Absurd. moralisch: Wie feige ist es, als Triebtäter mehrere Menschen zu missbrauchen, dann selbst unfähig zur Aggressions- und Konfliktbewältigung zu sein (selbst wenn entsprechende Stellen ihre Hilfe verweigern. Warum sollen sie genötigt und verpflichtet sein.) und dann zu wimmern, wie schlimm das alles ist. Die tödliche Spritze ist hier einfach nur erbärmliches Dokument der Unfähigkeit, sich der eigenen Verantwortung zu stellen. BTW: Hier wird gleichsam nebenbei der Staat und seine "angebliche Verweigerung kompetenter Therapie" verantwortlich gemacht. Man stirbt ja gerne als Märtyrer. politisch: Mit der Sterbehilfe haben so ziemlich alle demokratischen Staaten ein Problem. Belgien spielt durchaus nicht die Rolle des beispielhaften Vorreiters, sondern eher die des gehetzten, dem mainstream gehorchenden Vollstreckers eines diffusen Bürgerwillens. Dass dies nun ausgerechnet an einem Straftäter exemplifiziert wird, zeigt die ganze Ausweglosigkeit eines Systems, welches jedes Wissen über Recht und Moral verloren hat.
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Arten der Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe
Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).
Passive Sterbehilfe
Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.
Indirekte aktive Sterbehilfe
Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.
Assistierte Selbsttötung
Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings haben mehrere Landesärztekammern die Formulierung abgewandelt oder gar nicht in ihre Berufsordnungen übernommen. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren wegen Sterbehilfe zum Entzug der Approbation gekommen wäre.
Patientenverfügung
In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.


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