Gerichtsurteil in der Türkei: Alkoholpanscher müssen 60 Jahre ins Gefängnis

Drei Lübecker Schüler starben 2009 in der Türkei an einer Schnapsvergiftung - der Alkohol war mit Methanol gepanscht. Nun hat ein Gericht in Antalya zwei Männer zu je 60 Jahren Haft verurteilt, zwei weitere müssen für jeweils fünf Jahre ins Gefängnis.

Anwalt Echkhard Brand und Lars Neca, Vater eines getöteten Jungen: Urteil in der Türkei Zur Großansicht
DPA/ Anadolu Agency

Anwalt Echkhard Brand und Lars Neca, Vater eines getöteten Jungen: Urteil in der Türkei

Istanbul - Im Prozess wegen der tödlichen Schnapsvergiftung von drei Lübecker Schülern in der Türkei hat ein Gericht in Antalya zwei Alkoholpanscher zu hohen Haftstrafen verurteilt. Wie die Nachrichtenagentur dpa meldet, sind die beiden Brüder wegen vorsätzlichen Totschlags und wegen vorsätzlicher Körperverletzung schuldig gesprochen worden - sie müssen nach übereinstimmenden Berichten insgesamt je 60 Jahre ins Gefängnis.

Zwei weitere Angeklagte sind wegen fahrlässigen Totschlags und fahrlässiger Körperverletzung zu je fünf Jahren Haft verurteilt worden, wie Anwalt Hakan Evcin sagte. Die neun weiteren Angeklagten wurden nach fast zweijähriger Verfahrensdauer freigesprochen.

Bei einer Klassenfahrt im März 2009 hatte die Schülergruppe aus Lübeck im Hotel "Anatolia Beach" in Kemer den gepanschten, tödlichen Alkohol getrunken. Die Schüler dachten, es sei Wodka. Ein 21-Jähriger starb an einer Methanolvergiftung, ein 17- und ein 19-Jähriger fielen ins Koma und starben später in der Uni-Klinik Lübeck.

Zwei in Untersuchungshaft sitzende Brüder wurden als Haupttäter beschuldigt. Ihnen warf die Anklage vor, Schnaps mit hochgiftigem Methylalkohol gepanscht zu haben. Nun wurden die beiden Brüder Cengiz und Halil E. schuldig gesprochen, durch die Bereitstellung von gepanschtem Alkohol für den Tod der drei Deutschen und die Vergiftung vier weiterer Opfer verantwortlich gewesen zu sein.

"Das Urteil war eine große Erleichterung"

Die Verurteilungen seien in einem Panscher-Prozess in der Türkei bisher einzigartig, sagte die Nebenklage-Anwältin Deniz Yildirim. In ähnlichen Prozessen habe die Anklage stets auf fahrlässige Tötung gelautet, was weit mildere Urteile zur Folge gehabt habe. Nun sei zu hoffen, dass das Urteil von Antalya eine abschreckende Wirkung haben werde, sagte Yildirim.

Anwalt Hakan Evcin, der einen mitangeklagten Hotelangestellten in dem Prozess verteidigte, sagte, er sei mit dem Urteil nicht zufrieden. Der Prozess werde vor dem obersten Berufungsgericht in Ankara landen. Das dortige Verfahren dürfte mehrere Jahre dauern.

"Für die Angehörigen war es wichtig, dass es überhaupt einen Schuldspruch gegeben hat. Dadurch ist klargestellt, dass die Jugendlichen ihren Tod nicht selbst durch Alkoholexzesse verschuldet haben, sondern dass sie Opfer eines Verbrechens geworden sind", sagte Opferanwalt Frank-Eckhard Brand. Der Vater des 21-jährigen Getöteten hatte den ganzen Prozess begleitet, war immer wieder zur Gerichtsverhandlung in die Türkei gereist. "Für ihn war das Urteil eine große Erleichterung", sagte Brand.

Die beiden Verurteilten sollen bereits vor dem Fall mehrfach wegen mutmaßlicher Alkoholpanscherei aufgefallen sein. 2006 hatten Fahnder bei ihnen schwarzgebrannten Schnaps gefunden. Ein Jahr später war ein Bekannter der Brüder gestorben, nachdem er Alkohol aus dem Firmenlager getrunken hatte. 2008 verloren sie ihre Lizenz, weil bei ihnen gepanschter Whisky und Cognac gefunden wurden. Die Geschäfte liefen trotzdem weiter, weil einer der beiden die Firma auf den Namen seiner Ehefrau ummeldete.

aar/ulz/dpa/AFP

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