Gescheiterte Revision im Fall Lohfink Ein Richter teilt aus

Gina-Lisa Lohfink beschuldigte zwei Männer der Vergewaltigung und wurde dafür verurteilt. Nun bestätigte das Berliner Kammergericht den Schuldspruch - und erteilte der 30-Jährigen und ihrem Anwalt eine Lektion.

Von , Berlin


Diesmal stehen keine Unterstützer vor der Tür. Niemand reckt ein Transparent in die kalte Luft des Februarmorgens. Niemand ruft "Nein heißt Nein". Um zehn vor zehn betritt Gina-Lisa Lohfink das Berliner Kammergericht und rauscht wortlos an den Journalisten vorbei - begleitet von ihrem Freund Florian Wess, von Manager Helmut Werner und Verteidiger Burkhard Benecken.

Ob die 30-Jährige schon ahnt, dass man heute kurzen Prozess mit ihr macht? Dass ihr Anwalt so zerrupft und zerzaust dastehen wird, wie es Verteidigern wohl nur sehr selten passiert?

Im vorigen Sommer galt Lohfink als Lichtgestalt der Frauenbewegung. Sie behauptete, zwei Männer hätten sie vergewaltigt und mit K.-o.-Tropfen gefügig gemacht. Die Staatsanwaltschaft glaubte ihr nicht, warf ihr eine falsche Verdächtigung vor. Es gibt Videos vom Sex, auf denen Lohfink "Hör auf" sagt. Der Ausruf aber beziehe sich auf das Filmen, sagten die Ermittler. Einen Strafbefehl wollte Lohfink nicht akzeptieren.

Demos vor dem Amtsgericht

Der Prozess vor dem Amtsgericht Tiergarten geriet zum Politikum, scharenweise marschierten Demonstranten auf. Die Justiz mache ein Opfer zur Täterin, so die verbreitete Lesart damals. Es gelte offenbar das Motto: "Kurzer Rock, große Brüste - die taugt nicht als Vergewaltigungsopfer", schimpfte Anwalt Benecken. Welche Frau werde noch eine Vergewaltigung anzeigen, wenn sie später dafür bestraft werden solle?

Selbst Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) sprang Lohfink bei. Die Amtsrichterin ließ sich von dem Getöse nicht beeindrucken und verurteilte Lohfink zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 250 Euro, insgesamt 20.000 Euro. Der Verkehr sei einvernehmlich gewesen, eine Vergewaltigung habe es nicht gegeben. Schon damals sprachen Kritiker von einer Show vor Gericht, die Lohfink einen lukrativen Vertrag für den RTL-Dschungel gebracht habe.

Lohfink und ihr Anwalt schäumten öffentlich, kündigten an, im Rahmen einer Sprungrevision sofort die höchste Instanz anzurufen. Das Berliner Kammergericht solle das Urteil auf Rechtsfehler prüfen - und kippen. Seiner Mandantin, so Anwalt Benecken, seien die Strapazen einer neuen Beweisaufnahme in einer normalen Berufung vor dem Landgericht nicht zuzumuten.

Anwalt von Gina-Lisa Lohfink

Wie sehr das Kalkül schief ging, zeigt sich an diesem Morgen nach einer dreiviertel Stunde. Da verkündet der Vorsitzende Richter Ralf Fischer bereits das Urteil: Der Schuldspruch für Lohfink ist rechtskräftig. Lediglich die Höhe der Tagessätze muss das Amtsgericht Tiergarten neu bestimmen. In diesem Punkt sei der Richterin im ersten Prozess ein "kleiner Fehler" unterlaufen, sagte Fischer. Der Betrag sei nicht ausreichend begründet.

Und dann holt der 57-Jährige in seiner Urteilsbegründung zu einer denkwürdigen Lektion aus. Es sind Sätze, die Lohfink und Benecken wie Ohrfeigen schmerzen müssen. Warum denn, fragt Fischer, habe die Angeklagte an allen Sitzungen im Amtsgericht teilgenommen, wenn das Verfahren sie so sehr belastet habe? Sie sei dazu nicht verpflichtet gewesen, weil es vor dem Amtsgericht um einen Strafbefehl gegangen sei.

Für ihn, so Fischer, seien nur zwei Erklärungen denkbar: Entweder habe Lohfink "für Eigenwerbung bewusst die öffentliche Aufmerksamkeit gesucht". Oder Benecken habe hinter ihrem Rücken das Interesse an ihrer Person ausgenutzt und sie "den Haien zum Fraß vorgeworfen". Sei das der Fall, solle Lohfink ihren Anwalt verklagen.

Es erschließe sich ihm auch nicht, so Fischer, dass Benecken die Sprungrevision eingereicht hat. Der Antrag ziele darauf ab, das Urteil aufzuheben und erneut vor dem Amtsgericht zu verhandeln. Wo solle da der Vorteil sein, verglichen mit einer Berufung vor dem Landgericht, wenn der Fall doch ohnehin neu aufgerollt werden solle?

"Sinn macht die Argumentation eigentlich nur, wenn man von der völligen Aussichtslosigkeit seines Rechtsmittels überzeugt ist und nur um des schönen Scheins willen nicht kampflos aufgeben will", sagte Fischer, der seit drei Jahren Senatsvorsitzender ist.

Klarer Videobeweis

Fischer wies den Vorwurf zurück, das Verfahren gegen Lohfink müsse Frauen abschrecken, eine Vergewaltigung anzuzeigen. "Keine Staatsanwaltschaft in Deutschland wird ein Vergewaltigungsopfer allein deshalb anklagen, weil dem Täter die Vergewaltigung nicht nachgewiesen werden konnte." Im Fall Lohfink aber hätten die Videos den Vorwurf der Vergewaltigung klar widerlegt. Die 30-Jährige habe allen wirklichen Vergewaltigungsopfern "einen Bärendienst erwiesen".

Lohfink wäre "gut beraten gewesen, den Strafbefehl zu akzeptieren" und die Chance zu ergreifen, das Verfahren geräuschlos zu beenden. "Wer bei einem solchen Videobeweis an die Möglichkeit eines Freispruchs glaubt, muss entweder von seiner eigenen Unverwundbarkeit überzeugt sein oder in einer irrealen Welt der alternativen Fakten und der scripted reality leben."

Lohfink vor Berliner Kammergericht
REUTERS

Lohfink vor Berliner Kammergericht

Benecken hatte die Revision vor allem damit begründet, dass das Verfahren zu lange gedauert habe, die Richterin befangen gewesen sei. Außerdem habe Lohfink nie das Wort Vergewaltigung benutzt, als sie über das Verhalten der beiden Männer gesprochen habe.

Richter Fischer wies alle diese Punkte zurück. Die Länge des Verfahrens? Laut Richter benannte Benecken keine konkreten Verzögerungen im Verfahren gegen seine Mandantin, sondern hob vor allem auf die Ermittlungen gegen die Männer ab. Damit, so der Richter, beanstande Benecken, dass die Staatsanwaltschaft Lohfink nicht schneller auf die Schliche gekommen sei. "Es ist das erste Mal, dass sich jemand beklagt, man hätte seine Straftat schneller aufdecken müssen."

Das fehlende Wort Vergewaltigung? Fischer liest vor, dass Lohfink bei der Polizei darüber geklagt habe, die Männer hätten sie festgehalten, sie hätte die Polizei rufen wollen. Da müsse man nicht mehr von Vergewaltigung sprechen, die Schilderungen seien eindeutig.

Benecken quittiert die Sätze des Richters mit einem Lächeln, das von Minute zu Minute mehr gefriert. Lohfink blickt vor sich ins Leere, die Finger mit den langen bunten Nägeln aber kann sie nicht stillhalten, sie müssen sich ständig berühren. Lohfink hatte sich in ihrem Schlusswort gewünscht, "dass alles ein Ende hat".

So schnell aber wird das nicht gehen. Einer der beiden Sexpartner verklagt sie auf Unterlassung. Sein Anwalt Christian Gerlach sagte SPIEGEL ONLINE, der Zivilprozess beginne am 30. Mai vor dem Landgericht Berlin. Und das erneute Verfahren vor dem Amtsgericht, in dem es um die Höhe der Tagessätze geht, wird erst anberaumt.

Richter Fischer gab Lohfink für die Verhandlung einen Rat: Sie solle sich, wenn sie wirklich gelitten habe, einen Verteidiger nehmen, der ihre Interessen wichtiger nehme als sich selbst. "Und wenn er dann noch etwas vom Strafrecht verstünde, wäre das ein wirklicher Gewinn."

Anders als beim Prozess vor dem Amtsgericht verschwand Benecken mit seiner Mandantin nach der Verhandlung durch den Hinterausgang.

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