Freilassung auf Kaution: "Pistorius wurde mit Samthandschuhen angefasst"
Keine Sonderbehandlung für Oscar Pistorius - das hatten die Behörden immer wieder betont. Jetzt kam der des Mordes beschuldigte Sprintstar auf Kaution frei. Viele Südafrikaner reagieren auf die Entscheidung des Gerichts empört, manche unterstellen einen rassistischen Hintergrund.
Man ist recht strikt auf der Polizeiwache von Brooklyn in Pretoria. Besuchszeit ist zwischen drei und vier am Nachmittag, und normalerweise achten die Beamten darauf, dass sich jeder daran hält. Die Familie von Oscar Pistorius aber soll immer vom Revierleiter empfangen worden sein - außerhalb der Besuchszeiten. Für den Sportstar habe man sogar extra neue Bettlaken und Kissen anliefern lassen, meldete die Hauptstadtzeitung "Pretoria News" heute auf der Titelseite. Der Prothesenläufer habe eine Einzelzelle bekommen, sogar ein bequemeres Polizeiauto gab es für ihn.
Und nun, gut eine Woche, nachdem seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen aufgefunden wurde, konnte Pistorius gegen eine Zahlung von umgerechnet rund 85.000 Euro das Gericht als freier Mann verlassen - allerdings unter strengen Auflagen. So darf Pistorius keinen Flughafen betreten und nicht mit Zeugen reden; er muss seine Pässe und Waffen abgeben und rund um die Uhr erreichbar sein.
Trotz dieser Einschränkungen wurde sofort Kritik an der Entscheidung laut: Polizei und Justiz hatten immer wieder betont, der weltberühmte Sportler würde keine Sonderbehandlung bekommen. Jetzt werden Zweifel laut, ob die Behörden ihr Versprechen einhalten.
"Pistorius wurde mit Samthandschuhen angefasst, von den Behörden und den Medien, weil er ein privilegierter, reicher, weißer Südafrikaner ist", empörte sich etwa der angesehene Kolumnist Rapule Tabane von der Wochenzeitung "Mail & Guardian". Manche würden dank "Rasse und Klasse" geschützt. "Viel zu oft haben wir in Südafrika gesehen, dass Geld und gute Anwälte die Waagschalen der Justiz beeinflussen."
Einen Rassenhintergrund stellte auch der Kolumnist Niren Tolsi her: Die große Angst vor Gewalt sei bei weißen Südafrikanern ein äußerst beliebtes Dauerthema. Dabei zeigten doch Untersuchungen, dass in der Mehrheit Schwarze Opfer von Verbrechen sind - wenngleich meist von schwarzen Kriminellen verübt. Und der Autor schlug den großen Bogen von Kolonialismus und Apartheid zur Gegenwart: "Seit 1652 nutzen Weiße ihre Feuerwaffen, um ihren Besitz und ihre Frauen vor den schwarzen Eingeborenen zu schützen."
"Es gibt keine Beweise dafür - aber wir vermuten, dass Pistorius aufgrund seiner Berühmtheit anders behandelt wurde als andere Verdächtige", sagt auch Jackie Mofokeng von der ANC Women's League, der Frauenorganisation innerhalb der südafrikanischen Regierungspartei.
Sie respektiere die Entscheidung des Gerichts, sei aber enttäuscht über Pistorius' Freilassung. "Wir werden, wenn es so weit ist, sehr genau hinsehen", sagt Mofokeng im Hinblick auf die anstehende Hauptverhandlung. "Niemand darf wegen seines Standes eine Sonderbehandlung erfahren."
Mitglieder der ANC Women's League hatten sich in den vergangenen Tagen an Protestaktionen beteiligt. Frauen hatten während der Verhandlungen in der Innenstadt Pretorias gegen häusliche und sexuelle Gewalt demonstriert und einen fairen Prozess gefordert. "Pistorius soll im Gefängnis verrotten", hatten sie auf ihre Plakate geschrieben, und: "Keine Gewalt gegen Frauen!" Sogar Südafrikas Frauenministerin machte beim Protest mit.
Auf der anderen Seite stehen Familie und Fans des Sportlers. Arnold Pistorius, sein Onkel, sagte am Nachmittag: "Auch wenn wir erleichtert sind über die Entscheidung, bleibt es für die Familie von Reeva und für uns eine traurige Situation." Man sei überzeugt, dass sich Oscars Version der Geschehnisse als wahr herausstellen werde.
Die öffentliche Meinung indes ist geteilt. Für die einen ist Pistorius unschuldig, die anderen sehen ihn als Täter. Schon seit vor einer Woche die ersten Meldungen verbreitet wurden, das Model Reeva Steenkamp sei erschossen aufgefunden worden, wuchern Verschwörungstheorien. Dass es bei den ersten Ermittlungen in der Tatnacht Schlampereien gab und Beweismittel möglicherweise verschwunden sind, hat das Misstrauen weiter verstärkt. Gleichzeitig wächst der Ärger über das Unvermögen der Behörden. "Die Marke Südafrika hat wegen der demonstrierten Inkompetenz der Polizei Schaden genommen", kommentierte die Zeitung "Business Day". Die Pistorius-Anhörung habe demonstriert, wie "chaotisch die Justiz" sei und welchen Einfluss das Engagement eines Staranwalts hat.
Wenn nun am 4. Juni der Prozess gegen Pistorius beginnt, geht es um einiges. Für die südafrikanische Gesellschaft, weil der Mann ein Held war, sein Fall bewegt und spaltet das Land. Für die Justiz, weil die beweisen muss, dass ein fairer Prozess auch gegen einen Prominenten möglich ist. Und für Pistorius selbst; ihm drohen im schlimmsten Fall Jahrzehnte hinter Gittern. "Der erste Akt", so titelt das englische Magazin "GQ" heute Abend, "ist abgeschlossen". Aber nicht das ganze Stück.
Mit Material von dpa
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