Gesprengte Geldautomaten Es knallt in Deutschlands Banken

Alle paar Tage sprengen Kriminelle Geldautomaten in die Luft, legen SB-Bereiche in Schutt und Asche, entkommen mit dem Geld. Die Polizei hat bislang noch kein Mittel gegen diesen neuen Trend.

Von und


Gesprengter Automat in Hambühren: Entkommen, wieder einmal
DPA

Gesprengter Automat in Hambühren: Entkommen, wieder einmal

Der Geldautomat der Volksbank im niedersächsischen Hambühren explodiert Anfang Dezember. Drei Unbekannte haben das Gerät in der Nacht mit Gas gefüllt und es dann in die Luft gejagt. Samt Bargeld fliehen die Täter - zunächst mit einem Auto, schließlich verschwinden sie zu Fuß im Wald. Entkommen. Wieder einmal.

Inzwischen knallt es alle paar Tage: Die Täter suchen sich abgelegene Geldautomaten in der Provinz - für die schnelle Flucht meist jedoch in der Nähe einer Autobahn oder Bundesstraße gelegen. Dann leiten sie Gas in die Geräte ein, zünden das Gemisch und flüchten nach der Explosion mit den Geldkassetten.

Da die Diebe von der Detonationswucht häufig keine Vorstellung haben, richten sie immer wieder enorme Verwüstungen an. "In Einzelfällen kann sowohl der Diebstahlsschaden als auch der Schaden an Gebäuden und Einrichtungen weit über 100.000 Euro betragen", teilt das Bundeskriminalamt (BKA) auf Anfrage mit. Nicht selten übersteigen die Reparaturkosten am Ende auch den Wert der Beute.

Die Zahl der Automatensprengungen ist seit 2005 gestiegen. 63-mal rummste es laut BKA bereits in diesem Jahr (Stand: Anfang November), mittlerweile dürften es noch deutlich mehr Fälle sein. Mindestens 34-mal waren die Täter erfolgreich, wie die Grafik zeigt:


Besonders viele Sprengungen ereigneten sich laut BKA in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Berlin, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. In der Folge haben dort mehrere Sparkassen und Volksbanken entschieden, nachts ihre SB-Bereiche zu schließen.

In Düsseldorf und Hannover übernahmen zudem die Landeskriminalämter die Ermittlungen gegen Automatenknackerbanden. "Wir als Polizei haben die Nase voll", sagt der Abteilungsleiter für Organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt (LKA) Niedersachen, Christian Zahel, SPIEGEL ONLINE. "Die Täter begehen fortlaufend Taten, bei denen Gefahren für andere bestehen und hohe Sachschäden verursacht werden."

Diebstähle mit Knalleffekt scheinen ein krimineller Trend zu sein. "Während Banküberfälle immer seltener werden, wächst die Zahl von Angriffen auf Geldautomaten", sagt der Abteilungsleiter für Organisierte Kriminalität im LKA NRW, Thomas Jungbluth. "Das hat damit zu tun, dass dieses Delikt in der Wahrnehmung der Täter risikoloser ist: Sie schlagen nachts auf dem Land zu und brauchen nur einige Minuten in der Bank." Die Profis unter den Dieben flüchteten sich anschließend häufig in hochmotorisierten Autos mit hoher Geschwindigkeit in die Niederlande. "Dort vermuten wir mehrere Gruppen, die für eine Vielzahl der bislang 63 Automatensprengungen in diesem Jahr in NRW verantwortlich sein könnten", so Jungbluth zu SPIEGEL ONLINE.



Die Ermittler gehen davon aus, dass in Deutschland sowohl reisende Kriminelle - überwiegend aus Ost- und Südosteuropa stammend - als auch ortsansässige Straftäter zuschlagen. Viele Verdächtige seien zuvor häufig bereits mit Eigentumsdelikten oder anderen Straftaten in Erscheinung getreten, heißt es. Um Automaten zu sprengen, brauchten die Kriminellen keine "technische Vorbildung". Das notwendige Know-how vermittelten sie sich gegenseitig, so die Beamten.

In NRW machte vor einiger Zeit die sogenannte Audi-Bande Furore, die sich eine spektakuläre Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferte und schließlich entkommen konnte. Einer vertraulichen Analyse des LKA zufolge operierte die Gruppe "in wechselnder Zusammensetzung" bereits in Holland, NRW und Niedersachsen. In der Regel seien an den Raubzügen vier bis fünf Personen beteiligt gewesen und bereits vollmaskiert zu den Tatorten gefahren, schrieben die Beamten. Stets flüchteten die Kriminellen anschließend mit Audis - über die Grenze nach Holland.

Die Täter haben in Deutschland vergleichsweise leichtes Spiel, hier sind nur wenige Automaten gesichert. "Das Phänomen ist in den Niederlanden schon länger festzustellen", sagt Ermittler Zahel. "Die dortigen Banken haben darauf reagiert und ihre Geräte mit entsprechender Sicherheitstechnik aufgerüstet. In Deutschland besteht da noch Nachholbedarf." Denkbar wäre es zum Beispiel, sagt Zahels Kollege Jungbluth, "in den Automaten Farbkartuschen zu verbauen, um die Geldscheine nach einer Sprengung unbrauchbar zu machen".

Doch die Banken zögern. Sie halten einen flächendeckenden Einsatz der Farbbomben nicht für sinnvoll. "Einen statistisch begründeten Nachweis zur Präventionswirkung solcher Systeme in Deutschland gibt es nicht", teilt die Deutsche Kreditwirtschaft auf Anfrage mit. Täter ließen sich davon nur bedingt abhalten, weil es auch einen Markt für eingefärbte Scheine gebe, so ein Sprecher. Doch zur Wahrheit gehört auch: Eine Umrüstung aller Automaten ist teuer. Dagegen sind selbst die Schäden aller Diebstähle zusammengerechnet Peanuts.

Frankreich, Belgien und Schweden haben die Banken daher gesetzlich verpflichtet, ihre Automaten mit Farbkartuschen auszurüsten. Ein solches Gesetz ist in Deutschland aber nicht geplant. Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE teilt das Bundesinnenministerium mit, das Bundesfinanzministerium sei für das Thema zuständig. Aus dem Bundesfinanzministerium wiederum heißt es, es sei genau umgekehrt. Polit-Mikado in Berlin, wer zuerst zuckt, verliert.

Der nächste Knall aber kommt bestimmt.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.