Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gesprengte Geldautomaten in NRW: Die einen machen Beute, die anderen nur viel kaputt

Von

Gesprengter Geldautomat in Bielefeld (30. Dezember 2015): Serie von Taten in NRW Zur Großansicht
DPA

Gesprengter Geldautomat in Bielefeld (30. Dezember 2015): Serie von Taten in NRW

Die Serie von gesprengten Geldautomaten in NRW kann nicht das Werk einer einzelnen Bande sein. Die Polizei erkennt im Vorgehen der Kriminellen unterschiedliche Muster - auch die Erfolgsquoten sind sehr unterschiedlich.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Serie von Geldautomaten-Sprengungen in Nordrhein-Westfalen fällt nicht auf eine einzelne Bande zurück. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen geht das Düsseldorfer Landeskriminalamt (LKA) von mindestens zwei Kategorien moderner Bankräuber aus. Sie unterscheiden sich in der Art und der Qualität ihres Vorgehens, ihrem Fluchtverhalten und im Hinblick auf die Orte, an denen sie sich verstecken, heißt es in einer vertraulichen Analyse der Behörde.

Da sind demnach zum einen die aus den Niederlanden operierenden Profis, denen bislang 31 der insgesamt 66 im vergangenen Jahr verübten Geldautomaten-Aufbrüche in NRW zugeordnet werden. Dabei setzen die zumeist maskierten Kriminellen in den Banken ein Acetylen-Sauerstoff-Gemisch ein, das sie zur Detonation bringen. Generell gehen sie laut LKA sehr planvoll vor.

Auch ihre Flucht ist dem Papier zufolge bestens vorbereitet: Sie nutzen hochmotorisierte Limousinen von Audi, BMW und Mercedes und rasen mit mehr als 250 Kilometern pro Stunde zurück nach Holland. Ihr Aktionsradius erstreckt sich dabei über die Grenzen NRWs hinaus bis nach Hessen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. Die Polizei geht davon aus, dass die Bankräuber bewaffnet sind und auch nicht davor zurückschrecken werden, Straßensperren zu durchbrechen.

Millionenschaden, keine Beute

In die andere Kategorie fallen dem LKA zufolge die eher robust vorgehenden Amateure, die zwar viel kaputt, aber selten große Beute machen. Dazu zählt etwa die im Dezember festgenommene Bande aus dem niederrheinischen Kleve. Mit den 13 Sprengungen, die ihr zugerechnet werden, richtete sie einen Millionenschaden an und stahl doch keinen einzigen Euro. Auch die Gruppe, die für sieben Taten im Bonner Raum verantwortlich sein soll, erfüllt dieses Muster. Im Unterschied zu den Profis benutzen die lokal operierenden Kleinkriminellen zuweilen flüssige Brandbeschleuniger, um Detonationen herbeizuführen.

Die Zahl der gesprengten Geldautomaten ist bundesweit im vergangenen Jahr auf ein Rekordniveau gestiegen. Wie das Bundeskriminalamt auf Anfrage mitteilte, sprengten zumeist unbekannte Täter insgesamt 132 Automaten in die Luft, 2014 waren es noch 116 Geräte. Die Gründe: Attacken auf Geldautomaten sind risikoloser als "echte" Banküberfälle. Außerdem haben die Verbrecher in Deutschland vergleichsweise leichtes Spiel. Hier sind nur wenige Automaten gesichert.

Mittelsmänner mieten geheime Depots an

"Das Phänomen ist in den Niederlanden schon länger festzustellen", sagte der Abteilungsleiter für organisierte Kriminalität im LKA Niedersachsen, Christian Zahel, im Dezember SPIEGEL ONLINE. "Die dortigen Banken haben darauf reagiert und ihre Geräte mit entsprechender Sicherheitstechnik aufgerüstet. In Deutschland besteht da noch Nachholbedarf." Doch aus Kostengründen zieren sich die hiesigen Geldinstitute.

In NRW hatte vor einiger Zeit die sogenannte Audi-Bande Furore gemacht, die sich eine spektakuläre Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferte und schließlich entkommen konnte. Laut LKA-Analyse operierte die Gruppe zuvor "in wechselnder Zusammensetzung" bereits in Holland, NRW und Niedersachsen. In der Regel seien an den Raubzügen vier bis fünf Personen beteiligt gewesen und bereits vollmaskiert zu den Tatorten gefahren, schrieben die Beamten. Stets flüchteten die Kriminellen anschließend mit Audis über die Grenze nach Holland.

Ende Dezember konnte die Polizei nun im niederländischen Arnheim und im niedersächsischen Winsen an der Luhe zwei gestohlene Audi RS 4 sicherstellen, die von Geldautomatensprengern genutzt wurden.

Das LKA geht daher davon aus, dass die Banden auch in Nordrhein-Westfalen geheime Depots angelegt haben, in denen sie Wagen und Material für ihre Coups unterbringen. Es gebe Hinweise darauf, so die Kriminalisten, dass Mittelsmänner der aus Holland operierenden Täter entsprechende Immobilien in NRW angemietet hätten. Nur wo die Lager liegen, ist noch unklar.


Zusammengefasst: Die Zahl der gesprengten Geldautomaten ist bundesweit im vergangenen Jahr auf ein Rekordniveau gestiegen. Besonders oft knallt es in Nordrhein-Westfalen. Das Düsseldorfer Landeskriminalamt geht von mindestens zwei Kategorien moderner Bankräuber aus: Profis, die aus den Niederlanden heraus operieren und mit schnellen Fahrzeugen über die Grenze flüchten. Und Amateure, die zwar viel kaputt, aber selten große Beute machen.

Zum Autor

Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

Mehr Artikel von Jörg Diehl

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Einspruch
laermgegner 19.01.2016
In Berlin Brandenburg hat man den Eindruck, dass jede Woche ein Fahrkartenautomat oder eine Bank in die Luft fliegt - und hier gibt es eine orangen Leute. Das Wort Serie kann man gelten lassen - aber es ist Geld von uns allen, dass kaputt gemacht wird ! Oder hat jemand wirklich vor- Bargeld abzuschaffen ?!
2.
P.Delalande 19.01.2016
Wie gut, dass zukünftige Amateur-Automatenknacker nun wissen, dass ein Acetylen-Sauerstoffgemisch zum Erfolg führt.
3. Wie überall...
lukapp 19.01.2016
... unterscheidet das Wollen und das Können voneinander.
4. Anleitung für Automatenknacker
JaguarCat 19.01.2016
Ich muss P.Delalande zustimmen: Wie unklug von der Polizei, das richtige Gas zu benennen. Den Fehler mit dem "flüssigen Brandbeschleuniger" hätte man ja noch nennen können, damit es weniger Möchtegern-Diebe damit versuchen.
5.
dirvoloei 19.01.2016
Zitat von P.DelalandeWie gut, dass zukünftige Amateur-Automatenknacker nun wissen, dass ein Acetylen-Sauerstoffgemisch zum Erfolg führt.
Ja, ich hätte es auch besser gefunden wenn die Anfänger auch weiterhin mit untauglichen Brandbeschleunigern das ganz Haus niederbennen, anstatt nur den Geldautomaten (und die unmittelbare Umgebung) beschädigen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: