Geständnis im Fall Dennis Der Serienmörder von nebenan

Nett, intelligent, hilfsbereit - so beschreibt sein Umfeld Martin N. Doch die Fassade täuschte: Der 40-Jährige hat den Mord an Dennis K. und zwei anderen Kindern gestanden. Die Polizei ermittelt in weiteren Mordfällen. 

dapd/ Polizei

Von und Simone Utler


Verden - Er lebte sein Leben unauffällig, die Fassade war perfekt - dabei war er der Maskenmann. Das Phantom. Der Mann, der kleine Jungen wie Dennis K. aus einem Schullandheim entführte. Und Dennis R. aus einem Ferienlager. Und Stefan J. aus einem Internat. Und sie dann anschließend tötete. Der Mann, der jahrelang den Fahndern entkam. Das ist Martin N.

Stets sei er hilfsbereit gewesen, immer akkurat, habe einen intelligenten Eindruck gemacht, berichteten Zeugen der Staatsanwaltschaft. N. habe sich sozial unauffällig verhalten, sagte ein älterer Mann, der mit ihm Wand an Wand im selben Haus wohnte. "Man hat von ihm nichts gehört. Wir können nix sagen. Er ist vielleicht ein Eigenbrötler", so der Nachbar.

Martin N. ist offenbar ein Serienmörder. Drei Morde hat er gestanden. 1992 habe er den 13 Jahre alten Stefan getötet, 1995 den achtjährigen Dennis R. und 2001 den neun Jahre alten Dennis K. Weitere 40 Kinder habe er missbraucht. Und das sind nur die ersten Ergebnisse. Die Arbeit der Soko "Dennis" gehe weiter, sagte deren Leiter Martin Erftenbeck am Freitag.

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Soko "Dennis": Fahndungserfolg nach fast zehn Jahren
N. führte ein Doppelleben: Einerseits war er der nette Nachbar, der Lehramtsstudent und Pädagoge, der zwischenzeitlich als Jugendbetreuer und zuletzt in der Erwachsenenbildung arbeitete - andererseits der Kindermörder, der norddeutsche Familien über Jahre in Angst versetzte. "Im Prinzip hat er eine Art doppelte Buchführung betrieben", sagte Profiler Alexander Horn. So einen Menschen haben die Ermittler hinter den Taten vermutet.

Täter zog durch Schullandheime, Zeltlager, Einfamilienhäuser

Am Freitagmittag präsentierten Staatsanwaltschaft und Polizei im niedersächsischen Verden die grausamen Fakten. Der Mann habe Dennis K. in der Nacht zum 5. September 2001 aus dem Schullandheim Wulsbüttel im Kreis Cuxhaven geholt. Der Junge trug damals einen weißen Schlafanzug mit schwarzen Hunden. Zwei Wochen später wurde er tot aufgefunden, rund 40 Kilometer entfernt.

Bereits zwei Jahre vorher sei N. in demselben Schlullandheim auf Jungenfang gewesen, berichteten die Beamten. Damals habe er einen Jungen nachts in den Eingangsbereich der Herberge geführt und ihn aufgefordert, aufreizende Posen zu machen. Dann habe er das Kind fotografiert.

Schullandheime, Zeltlager, Einfamilienhäuser in Wohnsiedlungen in Norddeutschland - dort suchte der Täter seine Opfer.

Dennis R., dessen Ermordung N. auch gestanden hat, wurde 1995 aus einem Zeltlager in Schleswig-Holstein verschleppt. Seine Leiche wurde in einer Sanddüne in Dänemark gefunden. In der Nähe des Fundorts hatte der geständige Täter ein Ferienhaus angemietet.

Stefan J., den N. nach eigenen Angaben ebenfalls tötete, war im März 1992 aus einem Internat in Scheeßel in Niedersachsen verschwunden. Wochen später wurde die Leiche des 13-Jährigen gefunden, gefesselt und vergraben in den Verdener Dünen.

Erscheinungsbild wie der "große, schwarze Mann"

Schon länger waren die Ermittler von einem Serientäter ausgegangen. Zwischen 1992 und 2004 wurden insgesamt fünf Jungen überwiegend nach demselben Muster getötet - in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Die Taten im Ausland streitet Martin N. ab. Die Ermittler suchen in diesen Fällen jedoch weiter nach Spuren und wollen ein Bewegungsprofil des Mannes erstellen.

Bei ihren Ermittlungen hatten sich die Fahnder auf einen Täter aus Deutschland konzentriert, der einen starken geografischen Bezug zum Raum Bremen und dessen Umland aufweist: In dieser Gegend ereignete sich die größte Anzahl der Taten. Martin N. wurde in Bremen geboren, lebte seit rund zehn Jahren in Hamburg.

Zwischen 1994 und 1997 stieg der Täter in Bremen in Wohnhäuser ein und missbrauchte Kinder. Die Opfer - ausnahmslos Jungen im vorpubertären Alter - berichteten stets übereinstimmend von einem großen, maskierten Mann.

"Das äußere Erscheinungsbild entspricht dem der Beschreibung der Opfer vom 'großen, schwarzen Mann'", sagte Martin Erftenbeck, Leiter der Sonderkommission "Dennis". Neben dem Geständnis wiesen "exklusives Täterwissen" des Mannes, Indizien und Beweismittel darauf hin, dass der 40-Jährige tatsächlich der Mörder sei. Zudem sei bei der Durchsuchung seiner Hamburger Wohnung belastendes Datenmaterial auf seinem PC gefunden worden, sagte Staatsanwalt Kai Thomas Breas.

Martin N. narrte Polizisten und Richter

N. spielte die Rolle des Harmlosen so überzeugend, dass auch die Ermittler zunächst darauf hereinfielen. 2007 war er bereits einmal von der Soko "Dennis" befragt worden. Damals hatte die Polizei keinen konkreten Verdacht, die Beamten überprüften aktenkundige Sexualstraftäter aus dem norddeutschen Raum. Dazu gehörte auch der Pädagoge.

Ein Verdacht erhärtete sich laut Polizei damals aber nicht. Der Mann habe teils ausweichend geantwortet und falsche Angaben gemacht, hieß es nun zur Erklärung. "Das war eine Größenordnung von über tausend Leuten, das muss man sich vor Augen halten", sagte einer der Ermittler auf die Frage, warum die Polizei damals den Mann nicht näher ins Visier nahm. "Heute können ihm zahlreiche Aussagen von 2007 widerlegt werden", so die Ermittler.

Auch die Hamburger Justiz hatte nach den Verbrechen zweimal mit N. zu tun - und schöpfte keinen Verdacht, dass es sich um einen gesuchten Serienmörder handeln könnte. 2005 wurde er angeklagt, weil er zwei sechs- und achtjährige Jungen in seiner Wohnung auf nackter Haut am Bauch gestreichelt haben soll. Weil es sich um ein Vergehen "an der Grenze zur Straflosigkeit" gehandelt habe, sei der Fall vom Gericht gegen eine Geldauflage von 1800 Euro eingestellt worden, sagte der Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft, Wilhelm Möllers.

Ebenfalls 2005 musste sich N. wegen versuchter Erpressung vor dem Amtsgericht Hamburg-Harburg verantworten. Laut Anklage hatte er von einem Mann aus Berlin 20.000 Euro gefordert - sonst, so drohte N., veröffentlichte er Kinderpornos aus dessen Besitz. N. wurde zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Er habe diese Bewährungsfrist anstandslos bestanden, damit sei der Fall erledigt gewesen, so Möllers.

In beiden Fällen habe es weder Hinweise auf die Morde noch auf andere Straftaten und damit auch keinen Anlass für weitere Ermittlungsansätze gegeben, sagte Möllers.

Zumindest in seinem engsten persönlichen Umfeld musste sich Martin N. keine Mühe geben, sein Geheimnis zu verbergen. Seit seinem 21. Lebensjahr lebte der Mann allein, ohne Partner. "Geringe soziale Kontrolle" - nannten das die Polizisten.

Neuer Hinweis brachte Lösung des Falls

Mit seinem harmlosen Äußeren narrte N. offenbar auch seine Arbeitgeber. Immer wieder hatte der Pädagoge in der Vergangenheit als Kinderbetreuer gearbeitet. Dabei lernte er offenbar auch mindestens eines seiner späteren Opfer kennen.

Nach einem erneuten Fahndungsaufruf vor neun Wochen meldete sich ein junger Mann als Zeuge bei der Polizei. Er erinnerte sich daran, dass ihn ein Betreuer bei einer Jugendfreizeit 1995 in auffälliger Weise über seine Wohnsituation ausgefragt hatte - einige Monate später war der Junge von einem maskierten Mann missbraucht worden.

Diese Aussage brachte die Polizei auf die Spur des Martin N. und führte letztlich zur Festnahme. "Genau dieser Hinweis war der Schlüssel, um die Gesamtserie lösen zu können", sagte Soko-Leiter Erftenbeck. Der Hinweis eines Zeugen auf ein Auto, in dem Dennis K. gesessen haben soll, entpuppte sich nicht als heiße Spur - ließ aber den nun bedeutsamen Zeugen aktiv werden.

Ein Richter hat gegen Martin N. Haftbefehl wegen dreifachen Mordes erlassen. "Es ist anzunehmen, dass die Anklage umfangreicher sein wird als der Haftbefehl", sagte Kai Thomas Breas, der Sprecher der Staatsanwaltschaft Stade. Und Profiler Horn sagt: "Es ist nicht auszuschließen, dass weitere Taten ans Tageslicht kommen."

mit Material von dpa/dapd

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MacErkopp 15.04.2011
1. bereits aktenkundig
"N. spielte die Rolle des Harmlosen so überzeugend, dass auch die Ermittler zunächst darauf hereinfielen. 2007 war er bereits einmal von der Soko "Dennis" befragt worden. Damals hatte die Polizei keinen konkreten Verdacht, die Beamten überprüften aktenkundige Sexualstraftäter aus dem norddeutschen Raum. Dazu gehörte auch der Pädagoge. Ein Verdacht erhärtete sich laut Polizei damals aber nicht. Der Mann habe teils ausweichend geantwortet und falsche Angaben gemacht, hieß es nun zur Erklärung. "Das war eine Größenordnung von über tausend Leuten, das muss man sich vor Augen halten", sagte einer der Ermittler auf die Frage, warum die Polizei damals den Mann nicht näher ins Visier nahm. "Heute können ihm zahlreiche Aussagen von 2007 widerlegt werden", so die Ermittler." Heute erst? Er war also schon als Sexualstraftäter aktenkundig! Von über 1000 Leuten ziehen wir die Kleinen und Schmächtigen mal ab und von den anderen überprüfen wir nach und nach die Alibis. So geht Polizeiarbeit. Was die Überprüften jeweils für eine Rolle spielen oder welchen Eindruck sie machen ist doch völlig nebensächlich. Wichtig ist, ob ihre Aussagen bestätigt werden können. Wenn man das nicht akribisch prüft, kann man sich die Datenbanken wahrlich sparen.
Claudia_D 15.04.2011
2. .
Zitat von sysopNett, intelligent, hilfsbereit - so beschreibt sein Umfeld Martin N.*Doch die harmlose Fassade täuschte: Der 40-Jährige hat den Mord an Dennis K. und zwei weiteren Kindern gestanden.*Die Polizei ermittelt gegen den Mann mit dem Doppelleben in weiteren Mordfällen.* http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,757334,00.html
Ich hoffe nur, dass es den Eltern der toten Kinder ein kleiner Trost sein wird, dass der Täter, der Ihnen das Liebste genommen hat, nun wenigstens gefasst ist.
Pinon_Fijo 15.04.2011
3. Auf Thema antworten
Respekt vor unserer Polizei ! Hoffentlich vermasseln es die Richter nicht wieder!
2255 15.04.2011
4. Schon wieder!
Wieso konnte der Täter so lange im Bereich der Jugend/Kinderbetreuung seine Tätigkeit fortsetzen, obwohl er doch im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch und Kinderpornografie juristisch auffällig geworden war ? Immer wieder "schleichen" sich Serientäter in eben diese sensilble Bereiche ein - da muss dringend nachgebessert werden, und m.E. nach auch wenn dadurch die Persönlichkeitsrechte der betroffenen berührt werden.
Herzbubi 15.04.2011
5. gut das er gefasst wurde
für die vielen Eltern ist es sicherlich erleichternd das der Hamburger Täter gefasst wurde. Während in ganz Deutschland vom "Hamburger Täter" berichtet wird ist hier die Ortsangabe Verden zu lesen oder vom Norddeutschen der in Bremen geboren wurde. Eine innteressante Differenzierung
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