Getötete Anhalterinnen Höchststrafe für den Serienmörder von Aachen

Er vergewaltigte und erdrosselte fünf Anhalterinnen: Jetzt hat das Aachener Landgericht Egidius S. wegen fünffachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Anwalt will in Revision gehen, der 51-Jährige beteuert seine Unschuld - er will die Taten nur aus sexueller Erregung gestanden haben.

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Hamburg - Das letzte Wort nach den Plädoyers hatte der Angeklagte selbst. "Ich kann nach wie vor beteuern, dass ich unschuldig bin", sagte Egidius S., 51, fast tonlos, fast regungslos, geradezu stoisch-gleichmütig.

Die erste Schwurgerichtskammer am Aachener Landgericht glaubte ihm nicht.

Sie verurteilte S. 18 Jahre nach der letzten Tat zur Höchststrafe: lebenslange Haft wegen fünffachen Mordes, unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Damit ist eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren ausgeschlossen. In der Regel wird in einem solchen Fall nach 18 bis 25 Jahren erneut entschieden, ob und wann der Verurteilte auf freien Fuß kommen soll - und ob er eine Gefahr für die Allgemeinheit ist.

Im Fall von Egidius S., Versicherungskaufmann aus Nordrhein-Westfalen, gelernter Krankenpfleger, 1,90 Meter groß, schwergewichtig, geht die Kammer jedenfalls vom Schlimmsten aus. "Ob das alle Taten sind, die er begangen hat, wissen wir nicht", sagte der Vorsitzende Richter Gerd Nohl in der Urteilsbegründung.

Mehrere Male war die Entscheidung in dem Fall verschoben worden. Der Verteidiger hatte nach den ursprünglichen Plädoyers mehrere Beweisanträge gestellt - insgesamt mehr als 40 im Verlauf des kompletten Prozesses - und einen Freispruch gefordert. Vergebens.

Die Kammer ist überzeugt, dass S. zwischen 1983 und 1990 fünf Anhalterinnen getötet hat. 15 bis 31 Jahre alt waren die Opfer. Die brutalen Gewaltverbrechen wurden als "Disco-" beziehungsweise "Anhaltermorde" bekannt, die Boulevardpresse nannte Egidius S. den "Würger von Aachen". Fast zwei Jahrzehnte hatten Ermittler vergebens nach dem Täter gefahndet; 18 Jahre lang vermutete niemand hinter dem Biedermann einen brutalen, systematisch vorgehenden Serienkiller.

Gesteht einer Morde, weil ihn das Verhör sexuell stimulierte?

Egidius S. hatte bei seiner Festnahme die Morde gestanden, widerrief sein Geständnis jedoch zu Prozessbeginn. Er gab an, als getriebener Masochist habe er die Verbrechen nur deshalb zugegeben, weil ihn die Vernehmung und die Aussicht auf Gefangenschaft erregt hätten.

Diese absonderliche Begründung versuchte seine Ehefrau mit zweifelhaften Schilderungen aus dem gemeinsamen Intimleben zu untermauern: Sie herrsche im ehelichen Schlafzimmer als Domina, er gehorche als devoter Sklave, gemeinsam lebe man Demütigungsphantasien aus. Die 42-Jährige zeigte sich davon überzeugt, dass ihr Mann aus reinem Lustgewinn die Taten gestanden habe. Freizügig plauderte sie über die anders gearteten Vorlieben ihres Mannes und Folterspiele, bei denen sie zu seiner gesteigerten Erregung Volkslieder singen musste.

Auf dieser Logik baute auch die Verteidigungsstrategie von Anwalt Rainer Dietz auf. Es war ein Erklärungsversuch, der für die Öffentlichkeit grotesk wirkte - und für die Angehörigen der Opfer beschämend.

Sie traten in dem Prozess als Nebenkläger auf und saßen dem Angeklagten an den meisten Verhandlungstagen direkt gegenüber. "Die Geschmacklosigkeiten wurden immer wieder erneuert", sagte Nebenklage-Vertreter Sven Peitzner SPIEGEL ONLINE. "Sie haben den Schmerz der Angehörigen vertieft. Dabei ist es in diesem Fall unerträglich genug, zu erfahren, wie die letzten 20 Minuten im Leben des eigenen Kindes oder der Schwester gewesen sein müssen."

Die Anwälte der fünf Nebenkläger glaubten S. ausführlichem Geständnis. "Insgesamt hat er viermal gestanden und besaß eindeutig Täterwissen", sagt Peitzner. Egidius S. habe beschrieben, wie sich ein Mörder fühle, wie er Angelika S. vergewaltigt und deren Leiche abgelegt habe.

Mit dem Geständnis sei er "moralisch auf dem richtigen Weg" gewesen, sagte auch Richter Nohl in der Begründung. Das Leugnen der Taten habe die Würde der Opfer verletzt und die Angehörigen schwer belastet. Minutenlang kritisierte Nohl die Verteidigung.

Hans Ludwig Kröber, Chef der Forensischen Psychiatrie an der Berliner Charité, hatte das Fabulieren über eine sexuelle Erregung im Verhör als psychologisch völlig abwegig abgetan. Ein heterosexueller Masochist könne von Wärtern und Polizisten ohne dominierende Frau nicht erregt werden, sagte Kröber. Er gilt als Koryphäe auf seinem Gebiet. Er hat auch Mario M. untersucht, der in Dresden wochenlang ein Mädchen gefangen hielt und missbrauchte. Er diagnostizierte im Fall Egidius S.: keine seelische Abartigkeit, keine tiefgreifende Bewusstseinsstörung - und volle Schuldfähigkeit.

"Mein Mandant war bereits vor dem Prozess verurteilt"

Der Verteidiger will sich mit dem Urteil nicht abfinden. "Mein Eindruck ist, dass mein Mandant bereits verurteilt war, bevor er einen Schritt in den Gerichtssaal gemacht hatte", sagte Rainer Dietz SPIEGEL ONLINE und kündigte an: "Wir werden ganz bestimmt Revision einlegen und das ganze Programm fahren mit Wiederaufnahmeverfahren und so weiter. Zu vieles ist in diesem Prozess nicht angesprochen worden."

Es geht auch um einen früheren Verdächtigen in einem Mordfall, der inzwischen dem Angeklagten zugeschrieben wird. Noch an diesem Dienstag bestellte Anwalt Dietz eine neue Zeugin ins Gericht, deren Aussage zufolge ein Glasermeister aus Herzogenrath 1987 gestanden haben soll - in einem Abschiedsbrief, kurz bevor er sich selbst das Leben nahm. Eine andere Zeugin bestritt jedoch die Existenz eines solchen Briefes.

"Wenn nur ein Mord rausfällt, dann ist das ganze Geständnis unglaubwürdig", sagte Dietz. "Das Geständnis ist objektiver Müll. Es gab Opfer, über die konnte er nicht im Ansatz etwas sagen."

In drei der fünf Todesfälle allerdings hatte S. die Ermittler zielsicher zu den Fundorten der Leichen geführt. Laut Ermittler der Beweis für eindeutiges Täterwissen.

Für seinen Verteidiger ist das purer Zufall: "Was ist mit den beiden anderen?", fragt Dietz. Es gebe zu viele "kleine Mosaiksteine", die gegen eine Täterschaft sprächen.

"Von dem Schmerz kann sie niemand mehr erlösen"

Staatsanwaltschaft und Nebenkläger zeigten sich zufrieden über das Urteil. Sie hatten in ihren Plädoyers lebenslange Haft und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld gefordert.

Ein Vertreter der Nebenklage hatte außerdem Sicherungsverwahrung beantragt. Dem folgte das Gericht nicht, sondern schien sich mit ihrem Urteil an den Ausführungen des Gutachters zu orientieren. Ihm zufolge hatte der Täter schließlich 1990 abrupt mit dem Morden aufgehört. Warum, das wisse nur er selbst. Vielleicht weil Egidius S. durch seine dritte, anhaltende Ehe und den achtjährigen Sohn stabilisiert worden sei? Der Gutachter sah keine Gründe dafür, dass S. wieder mit dem Morden anfangen könnte.

Die Angehörigen der fünf toten Frauen waren nach dem Urteil erleichtert. "Es ist eine Genugtuung für sie und gibt ihnen eine gewisse Klarheit", sagte Nebenklage-Vertreter Peitzner. "An dem unglaublichen Schmerz ändert das Urteil jedoch nichts. Von dem kann sie niemand mehr erlösen."



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