Getötete Eltern "Ich war für sie der Versager vom Dienst"

Rene S., 28, hatte als Kind keine Spielkameraden, als Heranwachsender keine Kumpel, nie eine Freundin: Er hatte nur seine Eltern. Sein Leben lang wohnte er abgeschottet mit ihnen zusammen, unter ihrer Fuchtel, duldete Bevormundung und Nörgelei. Bis er beide tötete.

Von , Potsdam

Angeklagter Rene S. (re.) mit seinem Verteidiger: "Es wurde einfach bestimmt"
DPA

Angeklagter Rene S. (re.) mit seinem Verteidiger: "Es wurde einfach bestimmt"


Sabine und Detlef-Günter S. wollen stets nur das Beste für ihren Sohn Rene, geboren am 11. April 1982 in Rathenow mit einer Fehlstellung der Füßchen. Und weil sie allein wissen, was gut ist für ihn, kommt Rene auch nicht in einen Kindergarten. Stattdessen leiht sich Sabine S. ein Buch und erzieht das Kind selbst - bis es eingeschult wird.

Dort findet der Junge, der nie Spielkameraden oder Freunde hatte, keinen Anschluss. In den Pausen steht er alleine herum, auf Klassenfahrten darf er nicht mitfahren, keiner lädt ihn zum Kindergeburtstag ein. Sein Vater bringt ihn morgens hin und holt ihn mittags wieder ab. Sabine und Detlef-Günter S. lassen Rene nicht aus den Augen - sein ganzes Leben lang.

Doch am 9. Juni 2010 tötet der 28-Jährige seine 60 und 67 Jahre alten Eltern in deren Doppelhaushälfte in Rathenow, einem 25.000-Einwohner-Städtchen an der Havel, 70 Kilometer von Berlin entfernt. Seit Dienstag steht er deshalb vor dem Landgericht Potsdam. Die Tat räumt er in vollem Umfang ein.

Die Eltern glaubten, sie machten alles richtig. Und machten alles falsch

Blass, mit hängenden Schultern und abstehenden Ohren, die blonden Haare auf Millimeter rasiert, sitzt der groß gewachsene Rene S. auf der Anklagebank. Das beigefarbene Sweatshirt ist zu kurz, ebenso die khakifarbene Hose. Wenn er an den Richtertisch geht, um Fotos oder Skizzen anzuschauen, sieht man ihm seine Gehbehinderung nicht an.

In knappen Sätzen, meist auf Nachfragen, schildert S. vor Gericht sein bisheriges Leben. Es ist ein trauriges - und eines, von dem die Eltern glaubten, sie machten darin alles richtig. Dabei machten sie fast alles falsch.

Sabine und Detlef-Günter S. waren in der DDR erfolgreich: Sie hat als Diplom-Ingenieurin im Chemiefaserwerk Premnitz gearbeitet, regelrecht Karriere gemacht. Er arbeitete als Apparateschlosser.

Die politische Wende in Deutschland markiert auch einen Wendepunkt im Leben der Familie. Die Eltern verlieren ihre Arbeit. Sie schlägt sich anfangs als ABM-Kraft durch, er jobbt noch als Aushilfe in einem Baumarkt. Sie haben Zeit, sich auf ihr einziges Kind zu konzentrieren. Sie leben von Erspartem, später von Unterstützung und beschränken sich auf das Nötigste.

Für Rene beginnt eine schwere Zeit.

In der Grundschule gehört er seinen Angaben zufolge zu den besten Schülern, sein Notendurchschnitt liegt bei 1,2. Als er in der fünften Klasse auf 1,5 "abgerutscht" sei, habe seine "Mutti" wieder die "Ganztagsbetreuung" übernommen. "Ich hatte Schule nach der Schule", sagt Rene vor Gericht. Das Abitur absolviert er schließlich mit der Note 1,8. Für die Eltern steht seit Jahren fest: Rene wird Jura studieren. Er soll Rechtsanwalt werden mit eigener Kanzlei.

Rene will nicht Jura studieren. Er liebt Informatik, ihn interessiert Medizin. Doch was er will, kümmert die Eltern nicht. "Meine Mutti hat den Entschluss, dass ich Jura studiere, gefällt. Ich habe diesen Vorschlag übernommen", sagt Rene S. vor Gericht. "Das war kein eigener Gedanke, es wurde einfach bestimmt." Er sei der Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen.

Rene soll den unverwirklichten Traum der Eltern leben.

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