Getötete Schülerin Das Geheimnis des Spatens

Sie wollte feiern oder war auf dem Weg nach Hause: Vor zwölf Jahren tötete und zerstückelte ein Unbekannter die Uelzener Gymnasiastin Yasmin Stieler. Jetzt haben die Ermittler einen Verdächtigen verhaftet - doch der Mann schweigt beharrlich.

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Hamburg - Der 5. Oktober 1996 war ein Samstag, so viel ist klar - mehr aber auch nicht. Denn was an diesem Abend auf der Strecke zwischen Uelzen und Braunschweig genau geschah, was also der Gymnasiastin Yasmin Stieler auf ihrem Weg in eine Discothek oder von dort aus nach Hause zustieß, das weiß nur der Mann, der sie getötet hat. Und der ist bislang nicht überführt - vielleicht aber gefasst.

Sicher ist jedenfalls, welche schrecklichen Entdeckungen Bürger, Spaziergänger, Passanten Wochen und Monate später machen mussten - und was die Polizeibeamten an einem Bahndamm in Vechelde, in einem Teich in Hannover und im Hämeler Wald nahe Lehrte sahen. Der Täter hatte den Körper der 18-Jährigen zerstückelt und die Leichenteile zu verstecken versucht.

Das allgemeine Entsetzen, das der brutale Mord ausgelöst hatte, erfasste auch die Ermittler, die sich lange mühten, die Tat aufzuklären. Vergeblich. Der Fall drohte, zu den Akten gelegt zu werden, bis sich schließlich zwei Beamte des Polizeikommissariats Peine die Sache Stieler noch einmal vornahmen. Diesmal mit Erfolg.

Langwieriger Indizienprozess

Offenbar stießen die beiden Kommissare, Kollegen beschreiben sie als "hartnäckig, pflichtbewusst und akribisch", auf Widersprüche in den Aussagen des zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach vernommenen Heiko v. K. Genaue Angaben will die Staatsanwaltschaft Braunschweig dazu derzeit nicht machen. "Uns steht vielleicht ein langwieriger Indizienprozess bevor", sagt Staatsanwalt Joachim Geyer SPIEGEL ONLINE. "Da wollen wir nicht zu viel aus der Hand geben."

Seit nunmehr vier Wochen - und das ist die eigentliche Sensation in diesem Fall, der viele Jahre lang unaufzuklärbar schien und über den daher am heutigen Mittwochabend die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY … ungelöst" berichten wird - sitzt K. in Untersuchungshaft.

Der gelernte Isolierer aus dem Örtchen Vechelde im Landkreis Peine, Vater zweier Kinder und zum zweiten Mal verheiratet, wurde Anfang September von Polizisten aus seiner Dachgeschosswohnung geführt. Der 42-Jährige wird "dringend verdächtigt", Yasmin Stieler getötet zu haben, wie Staatsanwalt Geyer sagt.

Es ist ein Spaten, dem Vernehmen nach soll er grün sein, der v. K. nun in Bedrängnis bringt. Nach Auskunft der Ermittler wurde das Werkzeug im Frühjahr 2008 auf dem Gelände des Handwerksbetriebs sichergestellt, in dem v. K. früher als Lastwagenfahrer arbeitete. An der Schaufel befanden sich demnach Erdanhaftungen und Lackspuren, wie sie auch am Fundort des Mädchen-Torsos sichergestellt worden waren. Das hätten Gutachten des Landeskriminalamts in Hannover (LKA) ergeben, so Geyer.

Ein klarer Fall?

"Bodenproben sind so individuell wie Fingerabdrücke", sagt LKA-Sprecher Frank Federau SPIEGEL ONLINE. "Den Kriminaltechnikern sind noch nie zwei identische untergekommen." Ähnliches gelte im Übrigen auch für Lacke oder Farben. "Diese können von unseren Spezialisten genau zugeordnet werden."

Ein klarer Fall also? Wohl kaum. Es drängen sich Fragen auf. Warum etwa ist der Spaten erst nach zwölf Jahren entdeckt und untersucht worden?

"Das Werkzeug befand sich nicht die ganze Zeit über dort, wo wir es schließlich gefunden haben", antwortet Ermittler Geyer etwas rätselhaft - und verweigert weitere Aussagen zu der Frage. Könnte die Schaufel manipuliert worden sein?

"Wir prüfen das."

Mysteriöser Hobby-Detektiv

Die Schweigsamkeit des Beamten hat wohl auch mit einem Mann zu tun, der sich im Internet nach einem berühmten französischen Kriminalisten "Vidocq" nennt und eine mysteriöse Rolle in dem Ermittlungsverfahren Stieler spielt.

"Vidocq" nämlich sagte der "Braunschweiger Zeitung", er habe bereits 2003 Erdproben von dem besagten Spaten genommen und auch "die Werkstatt unter die Lupe genommen, in der die Leiche zerlegt worden sein könnte". Hat der Hobbydetektiv dabei Spuren zerstört oder gar gelegt?

"Wir prüfen das", so Geyer.

Es soll jedoch noch mehr Indizien geben, die gegen v. K. sprechen. So habe der Fahrtenschreiber aus dem damaligen Transporter des Verdächtigen aufgezeichnet, dass der Mann zur Tatzeit eine längere Tour gemacht habe, so ein Ermittler. Jedoch sei zu der Fahrt kein Auftrag erteilt worden. Auch sollen in der früheren Firma des Verhafteten solche Plastiksäcke benutzt worden sein, wie sie der Täter zur Beseitigung der Leichenteile verwendete.

Ungewöhnliche Maßnahmen

Schon kurz nach der Tat hatte die Polizei versucht, den Fall mit ungewöhnlichen Maßnahmen aufzuklären. Beamte fragten sich in verschiedenen Braunschweiger Discotheken durch. Eine Beamtin zog sich genauso an wie Yasmin am Tatabend, den Besuchern wurden Fotos der Gymnasiastin gezeigt. Doch weder diese Aktion noch Zeitungsartikel und Fernsehsendungen brachten entscheidende Hinweise.

Im Dezember 1996 schließlich nahmen die Ermittler Speichelproben von insgesamt 1300 Männern aus Vechelde. Sie verglichen die DNA mit der, die sie aus zwei Haaren hatten gewinnen können. Kriminaltechniker fanden die Strähnen an einem Plastiksack, in dem Yasmins Torso vergraben worden war. Doch die DNA-Reihenuntersuchung, die seinerzeit zu den größten Deutschlands zählte, blieb ohne Erfolg.

Durch verfeinerte Untersuchungsmethoden wissen die Ermittler inzwischen, dass die Haare aller Wahrscheinlichkeit nach von Yasmin stammen.

Auch ein Profiler wurde seinerzeit eingesetzt. Der Psychologe vermutete, der Täter könnte die 18-Jährige vielleicht im Affekt getötet haben.

Damit der Fall nicht in Vergessenheit geriet, ließ die Polizei im September 1997 Plakate entlang der Bahnstrecke Braunschweig - Hannover mit Bildern von Yasmin anbringen. Die Belohnung wurde auf 50.000 Mark erhöht - doch die Ermittler kamen erst weiter, als sie vor wenigen Monaten den Spaten fanden.

Inzwischen haben die Beamten 264 Spuren und Hinweise zusammengetragen. "Die Akten füllen einige Kartons", so Geyer. Der Verhaftete v. K. jedoch, der wegen des Verdachts auf Totschlag in Gefängnis sitzt, schweige noch immer. "Wir sind uns dennoch sicher, den Täter gefasst zu haben."

Ende Oktober, Anfang November soll die Anklageschrift gegen den Mann aus Vechelde fertig sein, ein Verfahren könnte alsbald folgen. Im Hinblick auf einen Prozess teilte die Mutter der Getöteten mit: "Ein schwerer Weg liegt noch vor uns."

mit Material von dpa



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