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Getöteter Austauschschüler Diren: Ende eines amerikanischen Traums

Von Karin Assmann, , , und Sara Maria Manzo (Video), Missoula und Hamburg

Haus von Markus Kaarma: In der linken Garage starb Diren Dede Zur Großansicht
Jessica Lowry/ Redux/ laif

Haus von Markus Kaarma: In der linken Garage starb Diren Dede

Diren Dede suchte die Freiheit. Der Hamburger Schüler ging für ein Austauschjahr in die USA, in die Rocky Mountains. Er fand schnell Freunde, er gewann die Menschen für sich. Dann erschoss ihn Markus Karmaa mit einer Schrotflinte. Nun beginnt der Prozess.

Wenn Yigit sagen soll, wie es ihm geht, setzt er die Maske auf, so nennt er es selbst. Ein Gesicht, das die Trauer verbirgt. Er steht auf dem kleinen Fußballplatz, wo er und Diren so oft kicken waren. Yigit trägt Jeans, schwarze Winterjacke und schwarzen Dreitagebart. Er war schon lange nicht mehr hier. "Diren ist nur ein paar Monate jünger als ich", sagt Yigit über seinen Cousin. Er spricht, als ob Diren gleich um die Ecke biegen würde, den Fußball unter dem Arm. Der Platz aber bleibt leer, nur ein wenig Laub tanzt vor dem Tor.

Yigit und Diren verabschiedeten sich im August 2013. Diren, Gymnasiast, Fußballer, Vater und Mutter kamen schon als Kinder nach Deutschland, erfüllte sich einen Traum: ein Austauschjahr in den USA. Er verließ Hamburg-Altona, tauchte ein in das Leben einer Gemeinde in den Rocky Mountains: Missoula, Bundesstaat Montana, rund 70.000 Einwohner. Knapp ein Jahr wollte er bleiben, eine lange Zeit, fanden seine Eltern, doch Diren hatte einen festen Willen, er konnte sie überzeugen.

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Die Cousins hielten Kontakt, Diren sei glücklich gewesen in Missoula, sagt Yigit. Diren erzählte ihm, wie gut er aufgenommen worden sei und bald schon, dass er in der Fußballmannschaft der Schule spiele. Dass er eigentlich nur vorübergehend bei Randy Smith und Kate Walker wohnen sollte, sie aber so begeistert von ihm gewesen seien, dass er blieb.

Ende April waren Yigit und Diren mal wieder zum Skypen verabredet. Diren aber wollte ins Kino, Yigit ging ins Bett. Am nächsten Tag schrieb Yigit seinen Cousin an, Diren, bist du wach? Was machst du? Keine Antwort.

In dieser Woche beginnt der Prozess "State of Montana vs Markus Kaarma". Die Anklage des Staatsanwalts lautet auf "deliberate homicide", vorsätzliche Tötung. Kaarmas Verteidiger plädieren auf unschuldig, sie stellen sich auf den Standpunkt, ihr Mandant habe aus Notwehr gehandelt.

Es geht in diesem Prozess um die Frage, ob Direns Tod gesühnt wird, oder ob die Gewalttat durch eines jener Gesetze legitimiert war, die einem die USA so befremdlichen erscheinen lassen.

An jenem 26. April ging Diren mit seinen Gasteltern ins Kino, danach waren sie essen, so erzählte es Kate Walker später. Wieder zu Hause bekam Diren Besuch von einem Freund, Robby, ebenfalls Austauschschüler, er kommt aus Ecuador. Sie gingen raus. Es war kurz nach Mitternacht, als sich Diren rund 200 Meter vom Haus seiner Gasteltern entfernt in die Garage des Grundstücks 2607 Deer Canyon Court schlich, wahrscheinlich, um Getränke zu klauen. "Garage hopping" nennen die Jugendlichen das hier, eine Bubensünde, eine Mutprobe, wie man will.

Markus Kaarma und seine Partnerin Janelle Pflager hatten kurz zuvor in der Garage einen Bewegungsmelder und eine Kamera installiert, es war bei ihnen eingebrochen worden, sie wollten wohl gerüstet sein. Diren löste den Alarm aus, Kaarma ging mit einer Schrotflinte nach draußen und schoss viermal in die Garage. Diren hatte keine Chance.

Kurz vor den Schüssen: Diren auf dem Überwachungsvideo von Markus Karmaa

Markus Karmaa: Seine Verteidiger plädieren auf Notwehr

Direns Gasteltern Kate Walker und Randy Smith bei einer Andacht im Mai

Bernhard Docke, einer von zwei Anwälten, die Direns Familie heute zur Seite stehen, sagt, es werde "aller Voraussicht nach keine Deals geben zwischen Anklage und Verteidigung". Kaarma, 30, wird entweder schuldig oder frei gesprochen, es gibt kein Dazwischen. Es gibt auch keine Hinweise, dass die Verteidigung eine verminderte Zurechnungs- oder Steuerungsfähigkeit des Angeklagten ins Spiel bringen wird. Ein Freispruch, so Docke, "wäre ein Skandal". Der Bremer Anwalt kennt sich aus im US-Justizsystem: Er hat jahrelang für den in Guantanamo ohne Anklage inhaftierten Deutschen Murat Kurnaz gestritten und erwirkte 2006 dessen Freilassung.

Das Gesetz, um dessen Auslegung es nun maßgeblich gehen wird, ist in Montana bekannt als "Castle Doctrine". Es räumt den Bürgern das Recht auf Selbstverteidigung ein, zumal auf dem eigenen Grundstück. Es reicht beim Schützen der "begründete Glaube" an eine Bedrohung aus.

Yigit, der Cousin, sagt über Diren, er sei ein Macher gewesen, "einer, der immer gute Laune hatte, der sich mit jedem verstanden hat." Diren wohnte direkt gegenüber, "wir waren wie Brüder", sagt Yigit. Und erzählt dann von seiner Tante, die oft auf dem Balkon sitze und auf die Straße blicke. Yigit hat dort ein kleines Beet für sie angelegt. Blumen und Kerzen in Herzform, in der Mitte große Blockbuchstaben: DIREN. Am Zaun hängt eine kleine bunte Geburtstagsgirlande. Am 21. September wäre Diren 18 Jahre alt geworden.

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Es würde wohl jeder verstehen, wenn Yigit mit diesem Amerika für immer abgeschlossen hätte. Und es sagt viel über ihn und seine Familie, wenn Yigit die Menschen in Missoula erwähnt, die ihnen schreiben, die an Diren denken. Zwei von Direns Freunden haben sich seinen Namen tätowieren lassen. "Man darf nicht alle Amerikaner in einen Topf schmeißen", sagt Yigit.

Er gibt jeden Tag den Namen seines Cousins bei Google ein, liest dort, was es neues gibt. Kate Haake tut alles dafür, dass immer wieder neue Einträge hinzukommen. Seit Ende April beschreibt die Reporterin der Lokalzeitung "The Missoulian" jede neue Entwicklung und wird auch den Prozess begleiten. Einfach war es bisher nicht, das Gericht halte sich bedeckt, es will das Recht des Angeklagten auf ein faires Verfahren schützen.

Haake findet andere Quellen, sie berichtet weiter: Kaarma wurde demnach 2003 wegen häuslicher Gewalt und Kindesmissbrauch zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt, er musste unter anderem 72 Stunden Sozialdienst leisten.

Die Prozesswochen werden aufreibend, für Haake sowieso, aber auch für ganz Missoula. "Alle haben versucht weiterzumachen wie bisher, jetzt haben wir große Angst, dass das Trauma mit dem Prozess wieder aufbricht", meint Jay Bostrom. Er ist ein beliebter Lehrer, der seinen Schülern nah ist, so war das auch mit Diren. Und Bostrom ist Fußballcoach, Diren spielte in seiner Mannschaft.

Diren Dede war ein begeisterter Fußballer, auch in Missoula setzte er sich durch

Coach Jay Bostrom war Diren nah, heute sagt er: "Wir haben große Angst, dass das Trauma wieder aufbricht"

Missoula ist ein Idyll in den Rocky Mountains, der Tod von Diren hat die Gemeinde schockiert

Bestürzung auch in Hamburg: Gedenken beim SC Teutonia, wenige Tage nach Direns Tod

Bostrom beschreibt Diren liebevoll, sie verstanden sich und scherzten oft. Er erinnert sich noch, wie er Diren einmal anrufen wollte: "Ich wollte ihn triezen, weil seine Eltern mir noch nicht den von ihm versprochenen St.-Pauli-Schal geschickt hatten." Das war Ende April, er kam nicht mehr dazu.

Nach Direns Tod hatte Bostrom verbittert eine offene Diskussion über die "Castle Doctrine" verlangt. "Wenn die amerikanischen Teenager diese Gesellschaft nicht verstehen, wie soll man sie dann Austauschschülern erklären?" Doch in Missoula musste das Leben weitergehen, Bostrom und seine Jungs spielten Turniere, die Schüler füllten Anträge für Colleges aus. In dem Alter muss man vor allem nach vorne gucken, nicht zurück, und Bostrom half ihnen, dies zu tun, ohne die Erinnerung an Diren zu verdrängen.

Warten auf den wichtigsten Zeugen

Bostrom ist als Zeuge geladen. Wenn er in den Gerichtssaal kommt, wird er die Eltern von Diren sehen. Celal und Gülcin Dede sind nach Missoula geflogen, sie werden als Zuschauer an dem Prozess teilnehmen, das US-Recht kennt die Nebenklage nicht. Sie wollen dennoch dabei sein, denn, wie Vater Celal Dede sagt: "Ich will dem Mörder meines Sohnes in die Augen sehen."

Was wird darüber entscheiden, ob auch das Gericht am Ende Kaarma als Mörder sieht? "Die exakte Rekonstruktion des Tatablaufs wird entscheidend sein für den Prozess", sagt Andreas Thiel. Der Anwalt, er betreut im NSU-Prozess die Angehörigen des ermordeten Süleyman Tasköprü, vertritt gemeinsam mit Bernhard Docke Direns Eltern. Eine Vielzahl von Details ist zu klären, allein die Verteidigung will mehrere Dutzend Zeugen und Experten befragen.

Noch immer unklar ist offenbar, ob der wichtigste Zeuge, Direns Freund Robby, der bei der Garagentour dabei war und auf der Straße wartete, aussagen wird. Er ist kurz nach der Tatnacht in sein Heimatland Ecuador ausgereist. Der Richter, Ed McLean, hat es abgelehnt, ihn per Livevideo zuschalten zu lassen. McLean besteht auf der physischen Präsenz des Zeugen. Ob Robby dem Folge leisten wird, ist offen.

Von dem jungen Ecuadorianer erhoffen sich die Anwälte eine Antwort auf die Frage nach der genauen Abfolge der Schüsse. Robby soll zunächst drei Schüsse in rascher Folge gehört haben, dann, nach einer Pause, den vierten. Hat sich Kaarma nach den ersten drei Schüssen Diren genähert und ihn dann mit dem letzten regelrecht exekutiert? Ballistische und forensische Gutachten, die etwa Einschusskanäle, Streuwinkel und Schmauchspuren analysieren, sollen zur Aufklärung beitragen.

"Das bringt meinen Cousin nicht zurück"

All das wird in eine Antwort münden auf die Frage: Fühlte sich Kaarma von dem Eindringling in seiner Garage bedroht, wie es die"Castle Doctrine" verlangt? Anwalt Docke sagt, die Doktrin könne und dürfe nicht so gemeint sein, "dass der eigene Grund und Boden zum rechtsfreien Raum wird". Der Glaube an die Bedrohung muss eben "begründet" sein, reasonable, davon wird viel abhängen vor dem Distriktgericht. Seine Verteidiger sagen, Kaarma und seine Frau, Eltern eines Kleinkinds, seien aufgrund der kurz davor erfolgten Einbrüche bei ihnen und in der Nachbarschaft verängstigt gewesen. Kaarma habe in jener Nacht in Panik gehandelt.

Die Staatsanwaltschaft wird wohl dagegenhalten, Kaarma und Pflager hätten potenzielle Einbrecher geradezu in eine Falle gelockt: Das Paar hatte das Garagentor halb offen gelassen. Pflager hat ausgesagt, dass sie eine Handtasche mit persönlichen Gegenständen in die Garage gelegt habe, "damit sie sie nehmen". Eine Frau aus Missoula hat zu Protokoll gegeben, dass Markus Kaarma ihr gegenüber erst Tage vor der Tat gesagt habe, er "warte nur darauf, irgendeinen verdammten Jugendlichen zu erschießen". All dies spricht für eine vorsätzliche Tat. Auch die Frau ist als Zeugin vorgesehen, ebenso wie Direns Gasteltern.

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Die Eröffnungsplädoyers beider Seiten sind für Donnerstag geplant, in den Tagen davor werden die Mitglieder der Jury ausgewählt. Das Verfahren ist zunächst auf drei Wochen angelegt, doch die deutschen Anwälte glauben, dass ein Urteil erst im nächsten Jahr erfolgen wird.

In Hamburg-Altona, Tausende Kilometer entfernt von Missoula, sitzen die Angehörigen von Diren abends oft zusammen und diskutieren. Manchmal versuchen sie, den Täter zu verstehen. Das Ergebnis ist immer dasselbe. "Nein, das kann nicht sein. Das geht einfach nicht", sagt Yigit.

Sie werden während des Prozesses jeden Tag mit Direns Mutter telefonieren. Es ist wichtig, dass die Eltern beim Prozess sind, sagt Yigit. Dass sie zeigen: Diren hat eine Familie. Yigit hofft, dass der Schütze ins Gefängnis muss. "Das bringt meinen Cousin nicht zurück." Aber es würde ein bisschen leichter sein, mit der Trauer umzugehen. Ein bisschen leichter, weiterzumachen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Annabel 01.12.2014
Es ist fürchterlich, was dort passiert ist. Darf man trotzdem die Frage stellen, wie der junge Austauschschüler auf die Idee kam, eine fremde Garage aufzusuchen? Allgemein, und im besonderen im Gastland? Eine Frage, die ein bißchen arg in den Hintergrund gerät. Wie auch immer die Beweggründe, sie rechtfertigen natürlich NICHT den Tod des Jungen. Aber sie gehört mit zu dieser Geschichte.
2.
NoPC 01.12.2014
Wer unbefugt ein Grundstück betritt, sollte mit den Gesetzen des Landes vertraut sein. Bei den Amis ist es halt so, was soll das gejammer?
3. Tragisch, aber...
MontyUK 01.12.2014
...mit der vor Ort geltenden "Castle Doctrine" hätte er sich vertraut machen müssen. Es ist in Montana nun mal geltendes Recht. Ein Einbruch in eine Garage zum Zwecke des Getränkeklaus mag in den Augen des SPON-Redakteurs ein Kavaliersdelikt sein, es ist und bleibt aber sowohl in den USA als auch in Deutschland eine Straftat. Was jedoch an der "Castle Doctrine" zu kritisieren bleibt, ist die Verpflichtung zum Warnaufrauf und zum Warnschuss. Dies sind essentielle Elemente im deutschen Notwehr-Recht. Nichtsdestotrotz wäre es nicht nur unfair Mr. Kaarma zu verurteilen, es würde auch gegen geltendes Recht in Montana verstoßen. Ich kann nur mit den Worten abschliessen: Wer gerade in den USA irgendwo einbricht, MUSS sich darüber im Klaren sein, dass seinem Eindringen mit Waffengewalt begegnet werden wird. Ich würde unter Einhaltung von Warnruf und Warnschuss bei Nichtaufgabe oder Nichtflucht des Eindringlings ebenso reagieren.
4.
3-plus-1 01.12.2014
In den USA sind Garagen meist ebenerdig Teil des Wohngebäudes mit direktem Zugang zum Wohnzimmer und kein Fertigbetonklotz neben dem Haus, wie in Deutschland. Ich käme nie auf den Gedanken bei Fremden einfach so in die Wohnung zu laufen, vor allem nicht in Ausland und mit Diebstahlsabsicht. Mir kommt daher im Artikel viel zu kurz, dass sich Diren Dede als Gast im fremden Land grob falsch verhalten hat. Wobei ich mit "grob falsch" auch genau das meine. Hier geht es nicht um Misachtung der Bekleidungsordnung oder unangemessenem Umgangston. Vor dem großen USA-Bashing sollte sich jeder hier mal fragen, ob - nicht mit Waffengewalt aber dennoch mit grober Gewalt - reagieren würde, wenn plötzlich beim Sandmännchen guckenden Kind im Wohnzimmer eine fremde, dunkle Gestalt steht, die "nur" Bier aus der Küche klauen will (oder das zumindest sagt). Ich für meinen Teil kann den besonderen Schutz des eigenen Hauses in der Rechtssprechung der US-Amerikaner nachvollziehen. Sucht mal nach Einbruchsopfern, deren Schlafzimmer durchwühlt wurden - am besten bei eigener Anwesenheit - diese Menschen sind danach zum Teil so traumatisiert, dass sie sich nie wieder in der eigenen Wohnung wohl fühlen.
5. Einbruch!
tgu 01.12.2014
Hm, wenn ich das Bild der Überwachungskamera sehe, dann kann man dem getöteten jungen Mann nur eine Mitschuld geben. Es sieht eindeutig so aus, als ob er da einbricht. So unnötig das ganze auch war, aber ich fürchte, das Recht ist auf der Seite des Schützen. Ein Kind von Bekannten ware zu dieser Zeit auch in Texas zum Schüleraustausch, die Eltern haben mir gesagt, dass in den Vorbereitungskursen immer wieder klar gemacht wurde, nicht uneingeladen auf fremde Grundstücke zu gehen, die haben dort das Recht zu schießen.
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