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Getöteter Bauer: Das Rätsel des Rudolf Rupp

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Einer der seltsamsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre beschäftigt erneut die Richter: Erst hatte Rudolf Rupps Familie erklärt, den Bauern getötet, zerstückelt und an Hunde verfüttert zu haben. Dann wurde die unversehrte Leiche in der Donau gefunden. Wie kamen die falschen Geständnisse zustande?

Rudolf Rupp: Der rätselhafte Tod des Landwirts Fotos
Polizei

Hamburg - Rudolf Rupp ist tot - so viel immerhin steht fest. Mehr aber auch nicht.

Anfang März 2009 ließ die Polizei einen schwarzen Mercedes E 230 bei Bergheim in Oberbayern aus der Donau heben. Als die Windschutzscheibe zerbarst, fielen Teile einer skelettierten Leiche aus dem Wageninneren: Der Tote war Rupp, Landwirt aus Neuburg in Bayern.

Zum selben Zeitpunkt saßen Rupps Frau Hermine und der Verlobte ihrer älteren Tochter Manuela, Matthias E., im Gefängnis. Sie hatten fünf Jahre zuvor gestanden, den Bauern im Oktober 2001 erschlagen, zerstückelt und die Leichenteile an Hunde verfüttert zu haben.

Vor dem Prozess widerriefen sie zwar ihre Geständnisse, verurteilt wurden sie trotzdem - wegen Totschlags und Beihilfe. Die Staatsanwaltschaft hatte das Landgericht Ingolstadt mit einer lückenlosen Version des Tatgeschehens überzeugen können.

Und plötzlich taucht die Leiche, weitestgehend unversehrt, wieder auf.

Am Mittwoch stehen Matthias E. und Hermine Rupp sowie die beiden zur Tatzeit noch jugendlichen Töchter erneut vor Gericht. Ihre Verteidiger streben in dem Wiederaufnahmeverfahren Freisprüche an. "Es gibt keinen hinreichenden Tatverdacht", sagt Klaus Wittmann, Rechtsanwalt aus Ingolstadt und Verteidiger der Witwe. "Es gibt einen toten Mann, von dem man bislang nicht weiß, wie er ums Leben kam."

Fuhr Rudolf Rupp, genannt "Rudi", nach einem Wirtshausbesuch betrunken in die Donau? Nahm er sich das Leben, weil ihm die Schulden und die desolate familiäre Situation auf dem Hof zu schaffen machten? Wurde er erdrosselt oder vergiftet? Erlitt er einen Herzinfarkt und brauste deshalb in den Fluss?

Der Prozess wird keine Antworten auf diese Fragen geben können. Eine nachweisbare Todesursache ist laut Gerichtsmedizinern nicht mehr festzustellen. Sicher ist nur: Rupp wurde nicht erschlagen, seine Leiche nicht zerteilt und auch nicht irgendwelchen Tieren zum Fraß vorgeworfen.

Woher haben die Angeklagten all die Details der angeblichen Tat?

Mit dem Fund der Wasserleiche wurden eklatante Fehler des Ingolstädter Landgerichts offenbar: Der Tathergang, mit dem die Kammer ihre Urteile begründet hatte, ist obsolet. In dem aktuellen Verfahren wird es nun darum gehen, wie die detailreichen Geständnisse zustande kamen, auf die sich Staatsanwaltschaft und Richter damals stützten.

Das Wiederaufnahmeverfahren basiert entsprechend auf der Anklageschrift und den falschen Geständnissen von damals: In allen Einzelheiten hatten die Angeklagten beschrieben, wie Rupp in der Nacht zum 13. Oktober 2001 nach Hause kam, nachdem er in seiner Stammkneipe, der Gaststätte des örtlichen Sportvereins, acht große Bier getrunken hatte.

Demnach lauerte Matthias E. dem ahnungslosen 52-Jährigen im Treppenhaus auf und schlug ihm hinterrücks mit einem Vierkantholz ins Genick. Rupps Ehefrau und seine beiden Töchter sollen den jungen Mann dabei angefeuert und den Wehrlosen mit obszönen Schimpfwörtern bepöbelt haben. Auch Hermine Rupp soll nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ihrem Ehemann mit der Latte auf den Kopf geschlagen, die Töchter auf ihren am Boden liegenden Vater eingetreten haben.

Im Keller sollen Matthias E. und seine Verlobte dem noch lebenden Rupp mit einem Hammer die Schläfe eingeschlagen haben. Am nächsten Morgen zerlegten Hermine Rupp und E. laut Anklage den toten Bauern mit einem Messer, einer Säge und einer Axt. Umfassend schilderte Matthias E., wie er Arme und Beine des Bauern abtrennte, den Leib aufschnitt, die Organe entnahm und das Blut mit einem Margarinebecher in einen Eimer abschöpfte; wie er die Leichenteile an die auf dem Hof lebenden Dobermänner, den Bullterrier und den Schäferhund verfütterte. Den Kopf wollte E. in einem Waschkessel ausgekocht und zerkleinert haben, die von den Hunden zurückgelassenen Knochenreste sowie die Innereien landeten auf dem Misthaufen, der Mercedes bei einem Schrotthändler.

Doch nichts davon stimmte.

Das belegt der Fund der Leiche und des Autos. Die Geständnisse seien daher wertlos, sagt Verteidiger Wittmann. Aber wie kommen dann all die Details zustande?

"Die Angeklagten waren über weite Teile der Vernehmungen ohne jeden rechtlichen Beistand", betont Wittmann. Psychologen hätten bei Hermine Rupp außerdem einen IQ von 53 festgestellt. Auch die Intelligenz des angeklagten Matthias E. und der beiden Töchter liegt weit unter dem Durchschnitt. "Sie waren den Polizeibeamten sozusagen ausgeliefert", sagt Wittmann. Wie oft bei falschen Geständnissen habe es auch in diesem Fall drei-, vierstündige Vorgespräche ohne Anwalt gegeben, die protokolliert wurden. Matthias E. behauptete später, ihm sei von der Polizei Gewalt angedroht worden, nur deshalb habe er ein falsches Geständnis abgelegt.

Vermutlich spielte auch ein gewisser Druck bei den Ermittlern eine Rolle. Drei Jahre lang hatte die Polizei nach dem vermissten Landwirt gesucht, mehrfach aufwändige Suchaktionen nach dem Auto gestartet. Die Festnahme der Angehörigen Anfang 2004 wurde als Erfolg gefeiert.

"Schweine als Allesfresser fressen auch die restlichen Leichenteile"

Die kriminaltechnischen Untersuchungen stützten allerdings bereits vor dem ersten Prozess die Annahme, dass etwas an den so umfassenden Beschreibungen nicht stimmen konnte: Nicht die winzigste Spur belegte, dass auf dem verwahrlosten Hofgelände ein derartiges Gemetzel stattgefunden hatte. Weder Blutspuren noch Knochenreste wurden gefunden.

Aber auch dafür fanden die Richter des Landgerichts Ingolstadt eine Erklärung, die die detailreichen Falschgeständnisse fast noch überbot: "Es ist jedoch auch möglich", schrieben sie im Urteil, "dass der Angeklagte eine Entsorgung der Leichenteile gewählt hat, die aus seiner subjektiven Sicht noch furchtbarer ist als das Vergraben der Leichenteile im Misthaufen, und die er aus diesem Grund nicht angeben konnte. Hierbei denkt das Gericht z. B. an die Möglichkeit, dass der Angeklagte die restlichen Leichenteile an die Schweine verfüttert haben könnte. Der Kammer ist bekannt, dass Schweine als Allesfresser auch die restlichen Leichenteile samt Knochen fressen würden."

Es sei "durchaus vorstellbar, dass das Verfüttern an die Schweine für den Angeklagten ein noch furchtbareres Entsorgen der Leiche darstellt als das Werfen in den Misthaufen, da die Schweine letztendlich als Teil der menschlichen Nahrungskette vom Menschen gegessen werden. Hierbei besteht die Möglichkeit, dass die Schweine sogar von der Familie selbst gegessen worden sind", schrieben die Richter.

"Komplett neue Version"

Trotz all dieser Seltsamkeiten: Einen ersten Anlauf für die Wiederaufnahme hatte die Staatsanwaltschaft Landshut abgewiesen. "Der Umstand, dass die Leiche nun gefunden wurde und der Bauer möglicherweise auf eine andere als in der im Urteil beschriebenen Art zu Tode kam, ändert jedoch nichts an den übrigen Feststellungen des Urteils, nämlich, dass die Tat geplant war, dass der Bauer an diesem Abend nach Hause kam, dass er dort von den Verurteilten erwartet und aufgrund eines gemeinsamen Tatplans getötet wurde", schrieb Staatsanwalt Hubert Krapf ans Landgericht Landshut, das über den Wiederaufnahmeantrag entscheiden musste.

Zum Entsetzen der Verteidiger schloss sich das Landgericht Landshut dieser Einschätzung an - tot ist schließlich tot.

Das Oberlandesgericht München gab den Wiederaufnahmeanträgen der Verteidigung im März schließlich statt. Anwalt Wittmann glaubt, dass es im Fall Rudolf Rupp letztlich gar nicht um ein Verbrechen geht. Für ihn handelt es sich um einen Unfall nach einem Kneipenbesuch. "Ich könnte mir vorstellen, dass er sich betrunken hat und dann mit seinem Auto in die Donau gerollt ist." Für einen Kriminalfall müsse eine "komplett neue Version" gefunden werden.

Ins Gefängnis wird keiner der Angeklagten mehr kommen. Allesamt haben sie ihre Strafen längst abgesessen. Sie sind frei.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. der STA ist süß
fettwebel 20.10.2010
Daß der Bauer besoffen in die Donau gefahren,wohl ertrunken und faktisch im Stück erhalten ist, ändert nichts daran, daß ihn virtuell die Schweine gefressen haben. Aha! Wiederaufnahme abgelehnt. Eine Würdigung der Dorfkriminalisten nicht vergessen. Zu empfehlen wäre jetzt eine gründliche Reinigung der Schweineställe in fraglicher Gegend. Für den STA sehe ich schwarz. Bezweifle, ob das Arbeitsamt bei solcher Qualifikation was anbieten könnte.
2. Nicht nur in diesem Fall
Ridcully 20.10.2010
muss man sich langsam fragen, ob deutsche Richter ihre "Rechtstradition" bei Roland Freisler sehen - Willkür statt Rechtsempfinden.
3. Die Mühlen der inteligenten Justiz
ralphofffm 20.10.2010
Zitat "Es sei "durchaus vorstellbar, dass das Verfüttern an die Schweine für den Angeklagten ein noch furchtbareres Entsorgen der Leiche darstellt als das Werfen in den Misthaufen, da die Schweine letztendlich als Teil der menschlichen Nahrungskette vom Menschen gegessen werden. Hierbei besteht die Möglichkeit, dass die Schweine sogar von der Familie selbst gegessen worden sind", schrieben die Richter." Na da hat wohl einer der hochmögenden Richter die eigene Horrorvorstellung zur Urteilsbegründung umgedeutet. Das steht jetzt auf gleicher Stufe mit der Phanastiebegabung der vermeinlich Schuldigen bei ihren Geständnissen. Liegts am Wetter ? Oder an den Genen? Man weiss es nicht. Vielleicht mal ein Blick ins Gesetzbuch für Polizei und Justiz. Damit die nächsten Unschuldigen auch wirklich davonkommen.
4. Das perfekte Verbrechen
Portugiese 20.10.2010
Die allesamt hochintelligente Täter haben zuerst dem Psyschologen einen niedrigen IQ vorgespielt, denn in wirklichkeit war alles so wie im Geständnis - einzige Änderung: der Bauer wurde wieder zusammengenäht, die Schläfe geklebt, und dann in die Donau gefahren und die Hunde bekamen nur ihr normales Chappi. Urteil korrekt, denn wer einen Mercedes in die Donau fährt gehört wirklich ins Gefängnis, gerade im Schwabenland!
5. die verantwortlichen für das urteil ...
grinta, 20.10.2010
... haben ganz offensichtlich in den tagen davor zu viele horrorfilme geschaut.
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