Getötetes Kleinkind in Hamburg Prüfer werfen Jugendamt schwere Fehler vor

Kurz vor Weihnachten wurde in Hamburg der 13 Monate alte Tayler zu Tode geschüttelt. Das Jugendamt kannte die prekären Zustände in der Familie - und tat zu wenig, wie ein vertraulicher Untersuchungsbericht zeigt.

Schild mit der Aufschrift "Ruhe infrieden kleiner Engel. R.I.P. Tayler": Der Untersuchungsbericht erhebt schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt
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Schild mit der Aufschrift "Ruhe infrieden kleiner Engel. R.I.P. Tayler": Der Untersuchungsbericht erhebt schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt

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Im Fall des getöteten Kleinkindes Tayler aus Hamburg werfen staatliche Prüfer dem zuständigen Jugendamt Altona schwere Versäumnisse vor. Eine "sorgfältige und wiederholte Risikobewertung" hätte "andere Bedingungen für die Sicherheit des Kleinkindes" bieten können, heißt es im vertraulichen Bericht der Jugendhilfeinspektion, der SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die Prüfer sehen zugleich "keinen unmittelbaren Zusammenhang" zwischen Taylers Tod und den Pannen beim Amt.

Die Prüfer monieren schlampige Aktenführung, lückenhafte Dokumentation und fehlende Gesprächsprotokolle. Es habe in der zuständigen Abteilung eine Kultur geherrscht, die es erlaubte, dass Mitarbeiter Regeln missachteten. Man habe "darauf verzichtet, das Kind in den Blick zu nehmen und einen tieferen Einblick in die Familie zu erhalten".

Aus dem Papier geht auch hervor, dass Familienhelfer des privaten Trägers Rauhes Haus im November und Dezember insgesamt sechs Mal schwere Blessuren bei dem Kind sahen, ohne Alarm zu schlagen. Es habe sich um Beulen, Kratzer, blaue Flecke und "Striemen am Kopf des Kleinkindes" gehandelt. Bisher war nur bekannt, dass eine Familienhelferin am 11. Dezember Verletzungen ignorierte.

Der 13 Monate alte Tayler war am 12. Dezember mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Eine Woche später starb er. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Mutter und ihren Lebensgefährten wegen eines Tötungsdelikts. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Junge zu Tode geschüttelt wurde.

Verdacht schon im August

Bereits im August hatten Ärzte den Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung geäußert. Damals kam Tayler mit blauen Flecken und einem Schlüsselbeinbruch ins Krankenhaus, die Mutter konnte die Verletzungen nicht erklären. Das Jugendamt gab das Kind zunächst zur Großmutter in Obhut, bevor es bei einer Pflegefamilie unterkam. Am 5. Oktober kehrte Tayler zu seiner Mutter zurück, eine Familienhelferin des Rauhen Hauses kam an mehreren Stunden zur Unterstützung ins Haus.

Die Prüfer kritisieren nun, die zuständige Fachkraft des Jugendamts habe bereits im August "im Alleingang" beschlossen, das Kind nach Hause zurückkehren zu lassen. Diese "frühe Entscheidung" könne "nicht nachvollzogen werden". Die Fachkraft hätte sich mehr Zeit lassen und eine Rückführung prüfen müssen. Eine Absprache mit Kollegen sei zu Unrecht unterblieben.

Das Jugendamt sei offenbar einfach davon ausgegangen, dass weder die Mutter noch ihr Partner für Taylers Verletzungen verantwortlich seien. Die Prüfer schreiben, es sei nicht nachzuvollziehen, dass trotz eines Misshandlungsverdachts, der durch Rechtsmediziner gestützt wurde, von Rückführung in die Familie gesprochen wurde, "ohne ein tieferes Verständnis der Familie und ihrer Lebensbedingungen erhalten zu haben".

Die zuständige Fachkraft im Jugendamt habe darüber hinaus "zu wenig persönlichen Kontakt zur Familie" gehabt. Seit August sah sie das Kind der Untersuchung zufolge nur einmal. Der "positive Eindruck" der Mutter habe "offensichtlich das gesamte professionelle Handeln" der Fachkraft beeinflusst. Die Mutter "rückte mehr in den Mittelpunkt als das Kleinkind".

Die Prüfer monieren auch, das Rauhe Haus habe das Jugendamt wegen fehlender Vereinbarungen nicht über Unregelmäßigkeiten nach Taylers Rückkehr informiert. So versäumte die Mutter jeden dritten Termin mit der Familienhelferin, die zuletzt an acht Stunden pro Woche ins Haus kam.

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